Österreichische Regierung senkt Mehrwertsteuer auf Lebensmittel: Leere Staatskassen werden von chinesischen E-Shops und einer Plastiksteuer gefüllt

Das Wiener Kabinett hat einen radikalen Schritt im Kampf gegen die Teuerung beschlossen. Ab Mitte 2026 wird die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel auf die Hälfte gesenkt. Während die Verbraucher sich auf günstigere Einkäufe freuen, feiern die heimischen Händler einen Sieg über asiatische Giganten. Die Rechnung für diese soziale Maßnahme wird vor allem durch Käufe auf Plattformen wie Temu oder Shein beglichen.
Österreich gehörte lange zu den Ländern, in denen die Preisschilder in Lebensmittelgeschäften ein Thema hitziger politischer Diskussionen waren. Obwohl österreichische Haushalte relativ wenig von ihrem Einkommen für Lebensmittel ausgeben – im Durchschnitt nur 10 bis 12 Prozent, was eine der niedrigsten Zahlen in der Europäischen Union ist – hat der psychologische und wirtschaftliche Druck der Inflation in den letzten Jahren zu einem Ruf nach staatlichem Eingreifen geführt. Die Bundesregierung reagiert nun mit einem Projekt, das nicht nur die Geldbeutel entlasten, sondern auch das verzerrte Geschäftsumfeld bereinigen soll.
Niedrigere Steuern, niedrigere Inflation?
Der Grundpfeiler des Regierungspakets ist die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel von derzeit 10 auf 5 Prozent. Österreich wird sich damit in der steuerlichen Belastung von Lebensmitteln seinen Nachbarn annähern. Zum Vergleich: In Deutschland zahlen die Verbraucher eine siebenprozentige Steuer, in Italien beginnt sie bei ausgewählten Produkten bereits bei vier Prozent und auf Malta sind einige Artikel ganz von der Steuer befreit.
Analysten der Österreichischen Nationalbank (OeNB) haben bereits erste Schätzungen zu den Auswirkungen erstellt. Laut ihren Berechnungen sollte sich diese Maßnahme relativ klar in den makroökonomischen Indikatoren niederschlagen: ein einmaliger Rückgang der Inflation um einen halben Prozentpunkt. In Zeiten, in denen die Zentralbanken um jeden Dezimalpunkt der Stabilität kämpfen, ist das ein nicht zu vernachlässigender Effekt.
Die Frage bleibt jedoch, ob die niedrigere Steuer tatsächlich vollständig in die Preise an den Regalen einfließen wird. Historische Erfahrungen aus anderen Ländern deuten darauf hin, dass ein Teil des steuerlichen Vorteils gelegentlich von den Händlern einbehalten wird, um ihre eigenen steigenden Kosten zu decken. Der österreichische Handelsverband versichert jedoch in seiner ersten Reaktion, dass die Händler bereit sind, die Steuersenkung im Verhältnis 1:1 in die Preise weiterzugeben.
Händler im Würgegriff globaler Märkte
Rainer Will, der Chef des österreichischen Handelsverbands, fügt jedoch zur Begeisterung auch ein wichtiges „aber“ hinzu. Er weist darauf hin, dass die Handelsketten nur das letzte Glied in einer langen Kette der Preisbildung sind. „Der Preis im Regal hängt vor allem von den Eingangsgrößen ab, wie Einkaufspreisen, Energiekosten, Lohnkosten und in vielen Fällen auch von den Preisen auf den globalen Rohstoffmärkten“, erklärt Will.
Er erinnert an den extremen Anstieg der Rohstoffpreise, den Österreich nicht beeinflussen kann. Kaffee, Kakao und Orangensaftkonzentrat haben an den Weltbörsen in letzter Zeit drastische Preiserhöhungen erfahren. Darüber hinaus sieht sich der heimische Sektor dem Druck zur Lohnerhöhung und administrativen Belastungen ausgesetzt. Laut Experten ist es daher entscheidend, dass die Regierung neben der Senkung der Mehrwertsteuer auch weiterhin systematisch die Energie- und Personalkosten für Unternehmer senkt.
Chinesischer Drache unter Beschuss von Gebühren
Der interessanteste Teil des Regierungsplans ist jedoch nicht die Steuersenkung selbst, sondern die Art und Weise, wie der Staat sie finanzieren möchte. Wien hat beschlossen, dort einzugreifen, wo es den heimischen Unternehmern am meisten wehtut – bei der unkontrollierten Konkurrenz aus Asien.
Ein Bestandteil des Pakets ist die Einführung einer nationalen Gebühr für Pakete, die aus Drittländern, also aus Ländern außerhalb der Europäischen Union, geliefert werden. Dies ist ein direkter Angriff auf die Geschäftsmodelle von Plattformen wie Temu, Shein oder AliExpress. Diese Giganten überschwemmen den europäischen Markt mit billigen Waren und haben sich bisher oft strengen Regulierungen und Steuerpflichten entzogen, denen europäische Händler gegenüberstehen.
„Während heimische Händler jeden Dokument gewissenhaft ausfüllen und jede europäische Norm einhalten müssen, haben globale Plattformen bisher unkontrolliert riesige Mengen an Waren geliefert, oft auch gesundheitsschädlichen, sozusagen durch die Hintertür“, kritisiert Rainer Will den aktuellen Zustand. Die neue Gebühr soll zusätzlich zu dem geplanten pauschalen Zoll von drei Euro eingeführt werden, den die Europäische Kommission vorbereitet.
Dieser Schritt verfolgt doppelte Ziele: die Staatskasse zu füllen, aus der Mittel aufgrund der niedrigeren Mehrwertsteuer auf Lebensmittel entfallen, und gleichzeitig zumindest teilweise die Ausgangsbedingungen für heimische stationäre Geschäfte und E-Shops auszugleichen. Neben der „Paketgebühr“ soll auch eine neue Steuer auf nicht recycelbare Kunststoffe in den Haushalt fließen, was wiederum den umweltpolitischen Zielen des Landes zugutekommt.
Sozialer Frieden zum Preis des Protektionismus?
Das österreichische Experiment wird von ganz Europa genau beobachtet. Wenn es gelingt, die Senkung der Preise für grundlegende Lebensbedürfnisse mit einer effektiven Besteuerung außereuropäischer digitaler Verkäufer zu kombinieren, könnte dies ein Rezept sein, das auch andere EU-Mitgliedstaaten, einschließlich der Slowakei, übernehmen.
Kritiker warnen jedoch vor zu viel Optimismus. Die Einführung nationaler Gebühren auf Pakete könnte auf die Regeln des Binnenmarktes stoßen oder Vergeltungsmaßnahmen im internationalen Handel auslösen. Zudem bedeutet die Wirksamkeit der Maßnahme erst ab Mitte 2026, dass die Österreicher auf eine reale Entlastung an den Kassen noch warten müssen.
Derzeit ist jedoch das Signal klar: Der Staat versucht, zu seiner Rolle als Beschützer des heimischen Marktes und der Geldbeutel der normalen Bürger zurückzukehren. Ob dieser ehrgeizige Plan an bürokratischen Hürden oder dem Widerstand globaler E-Commerce-Spieler scheitern wird, werden die nächsten Monate des Gesetzgebungsprozesses in Wien zeigen. Für die österreichischen Käufer ist die Nachricht von fünf Prozent Mehrwertsteuer auf Brot, Milch oder Eier jedoch die beste Nachricht seit Beginn der Inflationskrise.
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