Neuer Eltern-Kind-Pass und Änderungen bei Geschlechtseinträgen

Das österreichische System der präventiven Betreuung von Müttern und Kindern, das seit Jahrzehnten unter dem Namen Mutter-Kind-Pass bekannt ist, durchläuft die größte Transformation seit seiner Einführung im Jahr 1974. Bis zum Herbst 2026 wird dieses System nicht nur digitalisiert, sondern auch ideologisch und medizinisch modernisiert. Eine der am meisten diskutierten Änderungen ist die Anpassung der Geschlechtseinträge, die die aktuelle Gesetzgebung und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln soll.

Der traditionelle gelbe Papierausweis, der Generationen von Österreichern begleitet hat, endet endgültig. Er wird durch den Eltern-Kind-Pass (EKP) ersetzt. Diese Änderung ist nicht nur kosmetisch. Das Hauptziel ist die Vernetzung der Daten im Rahmen des Systems ELGA (elektronische Gesundheitsakte), was Ärzten, Hebammen und Eltern den Zugriff auf wichtige Untersuchungen jederzeit über eine App ermöglicht.

Digitalisierung bringt:

​Automatische Erinnerungen: Eltern erhalten eine Benachrichtigung über bevorstehende Termine für Pflichtuntersuchungen.

​Bessere Koordination: Die Ergebnisse von Laboruntersuchungen und Ultraschalluntersuchungen werden allen behandelnden Ärzten in Echtzeit zur Verfügung stehen.

​Verringerung der Bürokratie: Das physische Mitführen des Heftes zum Arzt und das Risiko des Verlustes entfallen.

​Inklusivität und neue Möglichkeiten der Geschlechtseintragung

​Eine der zentralen Änderungen, die die Reform unter der Leitung des Gesundheitsministeriums und des Familienministeriums mit sich bringt, ist der Übergang zu einer inklusiveren Terminologie. Die Umbenennung von „Mutter-Kind“ in „Eltern-Kind“ erkennt die Rolle der Väter und anderer Eltern im Erziehungs- und Betreuungsprozess an.

​Die auffälligste Neuerung im Bereich der Verwaltung ist jedoch die Erweiterung der Möglichkeiten zur Geschlechtseintragung. In Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des österreichischen Verfassungsgerichts und der Reform im Melderecht (PStG) wird der neue digitale Pass die Eintragung eines anderen als nur binären Geschlechts (männlich/weiblich) ermöglichen.

​Warum kommt es zu Änderungen bei den Einträgen?

Österreich hat bereits vor einiger Zeit die Möglichkeit eingeführt, ein drittes Geschlecht in offiziellen Dokumenten für Personen mit Variationen der Geschlechtsentwicklung (intersexuelle Personen) einzutragen. Zu den verfügbaren Optionen gehören:

​Männlich (männlich)

​Weiblich (weiblich)

Offen (offen)

​Im neuen Eltern-Kind-Pass wird das System technisch so eingestellt, dass es mit diesen Daten nicht nur beim Kind, sondern in bestimmten Fällen auch bei den Eltern arbeiten kann. Ziel ist es, sicherzustellen, dass das System niemanden diskriminiert und mit dem geltenden Recht übereinstimmt. Kritiker wenden zwar ein, dass es sich bei Schwangerschaft um einen biologischen Prozess handelt, der an den weiblichen Körper gebunden ist, das Ministerium argumentiert jedoch mit der Notwendigkeit rechtlicher Präzision und Respekt vor der Identität des Einzelnen.

​Erweiterter Inhalt der Untersuchungen

Die Reform hat sich nicht nur auf die Digitalisierung und die Terminologie beschränkt. Der Inhalt der Untersuchungen wird erweitert, um moderne medizinische Erkenntnisse besser zu reflektieren. Zu den wichtigsten Verbesserungen gehören:

​Beratung mit der Hebamme: Diese Beratung ist jetzt fester und wichtiger Bestandteil des Passes, wobei der Schwerpunkt auf der Vorbereitung auf die Geburt und das Wochenbett liegt.

​Hör- und Sehscreening: Das digitale System ermöglicht eine bessere Nachverfolgung dieser Untersuchungen, die entscheidend für die frühzeitige Erkennung von Entwicklungsstörungen sind.

​Psychosoziale Gesundheit: Der neue Pass wird einen größeren Fokus auf die psychische Gesundheit der Mutter (Prävention von postpartalen Depressionen) und die soziale Situation der Familie legen.

​Ernährungsberatung: Angesichts der steigenden Häufigkeit von Kinderfettleibigkeit und Allergien wird auch eine tiefere Aufklärung über Ernährung Teil der Vorsorgeuntersuchungen sein.

Verknüpfung zu finanziellen Leistungen

​In Österreich ist die Absolvierung der Untersuchungen im Rahmen des Eltern-Kind-Passes Voraussetzung für die Auszahlung des Kinderbetreuungsgeldes in voller Höhe. Wenn Eltern die Pflichtuntersuchungen (5 während der Schwangerschaft und 5 nach der Geburt des Kindes) nicht nachweisen, wird die Leistung um die Hälfte gekürzt.

​Im neuen System wird diese Überprüfung automatisch erfolgen. Eltern müssen keine Bestätigungen mehr physisch an die Gesundheitskasse (ÖGK) senden, da das System nach der Durchführung der Untersuchung durch den Arzt automatisch die Erfüllung der Bedingung vermerkt.

​Zeitplan für die Implementierung

Pilotphase: Beginnt bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2025 mit ausgewählten Ärzten und Geburtskliniken.

​Offizieller Start: Die flächendeckende Einführung des neuen digitalen Eltern-Kind-Passes ist für den Herbst 2026 geplant.

​Übergangszeit: Die bestehenden Papierhefte bleiben für Kinder, die vor der vollständigen Implementierung geboren wurden, gültig, um die Kontinuität der Betreuung sicherzustellen.

​Die Reform des Eltern-Kind-Passes stellt einen Meilenstein in der österreichischen Familienpolitik dar. Sie verbindet eine hochmoderne digitale Infrastruktur mit einem modernen gesellschaftlichen Verständnis von Familie. Obwohl die Diskussion über Geschlechtseinträge in Teilen der Öffentlichkeit leidenschaftliche Reaktionen hervorruft, ist es aus staatlicher Sicht ein notwendiger Schritt zur Vereinheitlichung der Register und zur Wahrung der Menschenrechte. Der wichtigste Vorteil bleibt jedoch die Erhaltung und Verbesserung der Qualität der präventiven Betreuung, die zu den besten der Welt gehört.

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Datenquellen: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumenten, Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (gesundheit.gv.at), Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK)

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