Alt-Erlaa: Wiens grüne Utopie feiert 50 Jahre

Als der österreichische Architekt Harry Glück in den 1970er Jahren den Wohnpark am südlichen Rand Wiens entwarf, wurde das Projekt von zeitgenössischen Kritikern als riskantes soziales Experiment und Betonmonstrum abgetan. Heute, fünf Jahrzehnte nach der Eröffnung, gilt der Wohnpark Alt-Erlaa im Bezirk Liesing als Paradebeispiel dafür, wie man skeptische Prognosen über anonyme Plattenbausiedlungen widerlegen kann. Der Komplex bietet rund 9.000 Menschen ein Zuhause, die Zufriedenheit der Bewohner liegt konstant bei etwa 90 Prozent, und statt des Verfalls steht nun eine umfassende energetische Modernisierung an.

Der gesamte Wohnpark geht in eine neue Ära über und zeigt, dass qualitatives städtisches Wohnen nicht mit sozialer Stigmatisierung oder architektonischen Sackgassen gleichzusetzen ist. Pünktlich zum Jubiläum hat die Stadt Wien gemeinsam mit Verwaltungsgesellschaften und Bauunternehmen einen Plan zur radikalen Dekarbonisierung vorgestellt. Ziel ist es, das 50 Jahre alte Bauwerk in einen energieeffizienten Komplex zu verwandeln, der den klimatischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte gewachsen ist, ohne dabei seine soziale Zugänglichkeit oder den Gemeinschaftsgeist zu verlieren.

Ein visionäres Stadt-im-Stadt-Konzept seiner Zeit voraus

Harry Glücks Philosophie basierte auf einer einfachen, aber revolutionären Idee: Arbeiterfamilien sollten denselben Komfort genießen können wie die wohlhabende Schicht in den Vororten. Während in vielen europäischen Städten der Bau von Plattenbausiedlungen zur sozialen Ausgrenzung führte, ging Alt-Erlaa einen anderen Weg. Der Komplex wurde als eigenständige Siedlung konzipiert, in der die Bewohner Geschäfte, Schulen, medizinische Versorgung, weitläufige Grünflächen und kulturelle Einrichtungen in unmittelbarer Nähe haben.

Besonders auffällig sind die terrassenförmigen Balkone und tiefen Loggien, die viel Tageslicht und Kontakt zur Außenwelt bieten. Gemeinschaftseinrichtungen wie die ikonischen Dachpools und Clubräume fördern das nachbarschaftliche Miteinander. Vertreter der Stadt Wien betonen, dass das Projekt bei seiner Entstehung ein visionärer Schritt war. Diese Siedlung wurde nicht zur anonymen Schlafstadt, sondern zum echten Zuhause für Generationen von Wiener Familien, die oft ihr ganzes Leben hier verbringen.

Größte thermische Sanierung in der Geschichte Österreichs

Der Klimawandel und steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit stellen die Verwaltungsgesellschaft GESIBA und die Stadt Wien vor die Herausforderung, die Energieeffizienz des großen Komplexes zu erhalten. Die Antwort ist ein Sanierungsprojekt, das in Österreich seinesgleichen sucht. Insgesamt werden 3.182 Wohneinheiten in den Blöcken A, B und C renoviert. Dabei handelt es sich nicht nur um kosmetische Fassadenarbeiten, sondern um tiefgreifende technische Eingriffe, die über 100.000 Quadratmeter sanierte Fläche umfassen.

Die technischen Details der geplanten Modernisierung sind beeindruckend: Nahezu 25.000 Fenster, Balkontüren und Loggien werden durch modernste dreifach verglaste Isolierfenster ersetzt. Gleichzeitig wird die Außenhülle der Gebäude umfassend erneuert und die Wärmedämmung der Wände verbessert. Das Ergebnis dieses umfassenden Ansatzes soll eine deutliche Reduzierung der Wärmeverluste und eine Halbierung des Heizbedarfs sein.

Geothermie ersetzt fossile Energieträger

Der wichtigste Teil der Transformation findet jedoch unter der Erde statt. Geplant ist der Bau eines geothermischen Systems mit 780 Tiefensonden, die bis zu 150 Meter in die Erde reichen. Dieses System ermöglicht es dem Wiener Komplex, auf emissionsfreies Heizen umzustellen und bietet gleichzeitig die Möglichkeit der passiven Kühlung in den immer heißer werdenden Sommermonaten. Die Überhitzung der Betonbauten war in den letzten Jahren ein Hauptproblem während der Hitzewellen in der Stadt.

Die AEAG, die an der Verwaltung und Entwicklung des Areals beteiligt ist, betont, dass diese umfassende Transformation der Energienetze Alt-Erlaa zu einem europäischen Vorreiter in der Renovierung bestehender Wohnanlagen macht. Die Kombination aus Geothermie und der Erneuerung der Gebäudehülle zeigt, wie große Wohnsiedlungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreich dekarbonisiert werden können. Der gesamte Prozess ist so geplant, dass der Alltag in der Siedlung nicht gestört wird, und die Fertigstellung wird für Ende 2028 erwartet.

Gesellschaftlicher Wert und Zukunft des leistbaren Wohnens

Das Sanierungsprojekt in Liesing ist auch im europäischen Kontext von Bedeutung, wo viele Städte mit einer akuten Wohnkostenkrise kämpfen. Das Wiener Modell des öffentlichen und gemeinnützigen Wohnsektors zeigt seit langem, dass eine Stadt die Kontrolle über Mietpreise nur dann behalten kann, wenn sie umfangreiche Wohnkapazitäten besitzt und aktiv verwaltet. Die Stadtführung lehnt die These ab, dass eine energetische Transformation automatisch zur Verdrängung einkommensschwacher Bewohner an den Stadtrand führen muss.

Alt-Erlaa bestätigt nach 50 Jahren, dass die Integration ökologischer Lösungen und sozialer Politik möglich und wirtschaftlich tragfähig ist. Die hohe Zufriedenheit der Bewohner resultiert nicht nur aus den architektonischen Lösungen, sondern vor allem aus der Erhaltung eines sicheren und berechenbaren Umfelds. Wien sendet damit ein klares Signal, dass es seine architektonischen Ikonen nicht aufgibt, sondern massiv in deren Nachhaltigkeit investiert, um sie für kommende Generationen als stabilen Wohnort in unsicheren Zeiten zu erhalten.

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Quellen:

Stadt Wien / Gesiba

Symbolfoto: Von Thomas Ledl – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52694382

Autor: Boris Zima

Mail: boris.zima@viedencan.at