Wien startet Wasserstoff-Offensive: Anspruchsvolle Linie in Döbling wird zum Labor der Zukunft

Die österreichische Hauptstadt zeigt, wie moderne Dekarbonisierung in der Praxis aussieht. Seit Anfang Dezember sendet sie eine Flotte von Wasserstoffbussen in das hügelige Terrain, um das alte Dilemma der Elektromobilität zu lösen – Reichweite und Leistung unter schwierigen Bedingungen. Warum setzt Wien auf Wasserstoff, wo Batterien an ihre Grenzen stoßen?
Während viele europäische Städte noch über eine wasserstoffbasierte Zukunft diskutieren oder vorsichtig Prototypen testen, macht Wien einen entschlossenen Schritt nach vorne. Seit dem ersten Dezember wird eine der verkehrsreichsten Linien der Stadt, die 39A, die Heiligenstadt und Sievering verbindet, zu einer vollständig emissionsfreien Zone.
Es handelt sich dabei nicht um eine kosmetische Anpassung oder eine PR-Kampagne mit einem einzigen Fahrzeug. Die Wiener Linien setzen eine gesamte Flotte von zehn zwölf Meter langen Wasserstoffbussen ein. Dieser Schritt ist der Höhepunkt einer langfristigen Strategie, in der unsere westlichen Nachbarn versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man umweltfreundlichen Verkehr auch dorthin bringen kann, wo klassische Trolleybusse nicht fahren und batteriebetriebene Elektrobusse „nicht mithalten können“.
Warum gerade die Linie 39A?
Die Wahl der Linie im Bezirk Döbling ist nicht zufällig. Für Verkehrsingenieure stellt die Strecke 39A das dar, was in Fachkreisen als „Belastungstest“ bezeichnet wird. Die Kombination aus steilen Anstiegen in Richtung der Wiener Weinberge, kurzen Abständen zwischen den Haltestellen und einer hohen Fahrgastfrequenz ergibt einen tödlichen Cocktail für herkömmliche batteriebetriebene Elektrobusse.
Würden hier klassische Elektrobusse eingesetzt, bräuchten sie riesige und schwere Batterien, um den ganztägigen Dienst zu bewältigen. Das würde paradoxerweise den Verbrauch erhöhen und die Kapazität für Passagiere verringern. Wasserstoff kommt hier als technologischer Retter ins Spiel.
Die neuen Busse des portugiesischen Herstellers CaetanoBus nutzen eine Technologie, die im Vergleich zu rein elektrischen Fahrzeugen derselben Größe deutlich leichter ist. Gerade das geringere Gewicht ist im hügeligen Terrain Döblings ein entscheidender Faktor. „Dank der innovativen Wasserstofftechnologie können wir ununterbrochen auf den Straßen sein“, erklärt Gudrun Senk, technische Direktorin der Wiener Linien. Für den Betrieb bedeutet das einen grundlegenden Unterschied: Die Busse müssen tagsüber nicht an Ladestationen warten.
Japanisches Herz, europäischer Aufbau
Bei einem Blick auf die technischen Spezifikationen der neuen Fahrzeuge wird deutlich, dass es sich um ein globales technologisches Puzzle handelt. Obwohl die Busse vom portugiesischen Hersteller CaetanoBus produziert werden, ist ihr „Herz“ japanisch und der Antrieb deutsch.
Die Energie liefert eine Brennstoffzelle von Toyota mit einer Leistung von 70 kW. Diese funktioniert wie ein kleines Kraftwerk direkt an Bord – durch eine chemische Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff wird Strom erzeugt. Dieser treibt dann einen 180-kW-Elektromotor von Siemens an.
Aus logistischer Sicht ist insbesondere die Reichweite faszinierend. Fünf Tanks, die auf dem Dach platziert sind, fassen insgesamt 37,5 Kilogramm Wasserstoff. Diese Menge reicht für mehr als 400 Kilometer Fahrt. In der Praxis bedeutet das, dass der Bus den ganzen Tag fahren kann, anschließend nahtlos auf die Nachtslinie wechseln und erst danach zur Betankung fahren kann. Diese Flexibilität unterscheidet Wasserstoff von den aktuellen Batterielösungen, die oft lange Wartezeiten zum Laden oder den Aufbau teurer Infrastruktur an den Endhaltestellen erfordern.
Ökosystem „Made in Vienna“
Der bloße Kauf der Busse wäre jedoch nur eine halbe Lösung, wenn die Stadt nicht die Frage geklärt hätte: Woher kommt der Wasserstoff und wie kann sichergestellt werden, dass er tatsächlich ökologisch ist? Wenn der Wasserstoff aus Erdgas hergestellt würde (sogenannter grauer Wasserstoff), wäre der ökologische Effekt null.
Wien nutzt daher die Synergie innerhalb des städtischen Holdings Wiener Stadtwerke. Der Wasserstoff für diese Busse stammt nicht aus fossilen Quellen, sondern wird direkt von Wien Energie im Smart Campus in Simmering produziert. Entscheidend ist, dass für seine Herstellung durch Elektrolyse ausschließlich grüner Strom verwendet wird.
„Die Unternehmen innerhalb der Wiener Stadtwerke bündeln ihre Kräfte“, betont Monika Unterholzner, stellvertretende Geschäftsführerin des Holdings. Dieser geschlossene Kreislauf – von der Erzeugung grüner Energie über die Produktion von Wasserstoff bis hin zu dessen Verbrauch im öffentlichen Verkehr – macht das Wiener Projekt zu einem europäischen Unikat. Die Busse werden in der Garage Leopoldau parken und tanken, wo die notwendige Infrastruktur, einschließlich einer Wasserstofftankstelle, aufgebaut wurde.
Investition in die Zukunft von 10 Millionen
Der Übergang zu Wasserstoff ist keine günstige Angelegenheit. Die Gesamtkosten für den Kauf der Fahrzeuge und deren Wartung belaufen sich auf 10,4 Millionen Euro. Wien trägt diese Last jedoch nicht allein – das Projekt wird aus Mitteln der Europäischen Union und in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Ministerium für Klimaschutz und Mobilität mitfinanziert.
Die städtische Verkehrsreferentin Ulli Sima (SPÖ) sieht in dieser Investition einen notwendigen Schritt zur Erreichung der Klimaziele der Stadt. „Wir investieren massiv in die weitere Ausweitung des umweltfreundlichen öffentlichen Verkehrs“, sagt Sima und erinnert daran, dass neben dem Bau neuer Straßenbahnlinien und der U-Bahn U2xU5 alternative Antriebe der Busse eine zentrale Rolle spielen.
Die politische Dimension des Projekts ist auch auf lokaler Ebene spürbar. Daniel Resch, der Bürgermeister des Bezirks Döbling, begrüßt, dass sein Stadtteil „einen weiteren starken Impuls in Richtung klimafreundlicher Mobilität“ erhält. Für die Bewohner dieses Wohngebiets bedeutet das vor allem ruhigere Straßen und sauberere Luft, da aus den Auspuffen der neuen Busse nur reiner Wasserdampf austritt.
Komfort für die Fahrgäste bleibt gleich, die Luft ändert sich
Für den normalen Fahrgast ändert sich nur wenig – und das ist eine gute Nachricht. Von außen sind die Busse kaum von ihren dieselbetriebenen Vorgängern zu unterscheiden. Das Innere bietet Platz für 78 Passagiere, ist voll klimatisiert und verfügt über Platz für Kinderwagen und Rollstühle.
Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch in dem, was nicht sichtbar und hörbar ist. Die Fahrt ist flüssiger und deutlich leiser. Nach erfolgreichen Tests im Stadtzentrum (wo bereits kleinere hybrid-batterie-wasserstoffbetriebene Busse auf den Linien 2A und 3A fahren) und der Schulung der Fahrer in den vergangenen Wochen ist das System bereit für die volle Auslastung.
Breiterer Kontext: Ist Wasserstoff die endgültige Lösung?
Der Wiener Ansatz zeigt, dass es in der Frage der Dekarbonisierung des städtischen Verkehrs keine universelle Lösung gibt. Die Wiener Linien diversifizieren ihr Portfolio. Während auf flachen Linien (wie zum Beispiel 17A, 61A, 70A und anderen, die 2024 auf Elektrizität umgestellt wurden) batteriebetriebene Elektrobusse eingesetzt werden, werden Wasserstoffbusse in die Hügel und auf lange Dienste geschickt.
Dieser pragmatische Ansatz – „die richtige Technologie am richtigen Ort“ – könnte auch für slowakische Städte inspirierend sein. Bratislava, die ebenfalls mit hügeligem Terrain (zum Beispiel auf die Koliba oder Dlhé Diely) zu kämpfen hat, verlässt sich bisher hauptsächlich auf Trolleybusse (auch solche mit unterstützendem batteriebetriebenen Antrieb), während die Wasserstofftechnologie noch im Bereich von Überlegungen und Pilotprojekten bleibt.
Der Einsatz von zehn Fahrzeugen auf der Linie 39A wird somit eine wertvolle Datenquelle nicht nur für Wien, sondern für die gesamte mitteleuropäische Region sein. Es wird sich zeigen, ob Wasserstoff tatsächlich die „silberne Kugel“ für die schwierigsten Abschnitte des städtischen Verkehrs ist oder ob es sich um einen teuren technologischen Umweg handelt. Wien glaubt jedoch, dass die Zukunft einem Mix aus Technologien gehört.
Während die Fahrer in Döbling ihre leisen Motoren starten, werden Analysten die Betriebskosten, die Zuverlässigkeit im Winter und den tatsächlichen Verbrauch genau beobachten. Eines ist jedoch sicher: Ab dem 1. Dezember wird die Luft in den Wiener Weinbergen etwas sauberer sein, und Wien bestätigt erneut seinen Ruf als Stadt, die sich nicht vor Innovationen scheut.
Quelle: Stadt Wien / Wiener Linien Foto: https://www.wien.gv.at/bilder/_imager/bilder/ma53/5407661/wasserstoffbusse-39a-1.095db33c07.1763995883.webp © Wiener Linien/Max Döringer












