Arbeiten auch im Ruhestand mit neuen Vorteilen: Österreich startet die Aktivpension, doch es gibt Haken

Wien hat beschlossen, gegen den akuten Fachkräftemangel und die unaufhaltsame Alterung der Bevölkerung auf seine Weise zu kämpfen. Die österreichische Bundesregierung hat nach langen Verhandlungen endgültig ein Reformpaket mit dem Namen „Aktivpension“ durchgesetzt. Dieses Modell soll ab 2027 Senioren finanziell belohnen, die sich auch nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters entscheiden, nicht aus dem Arbeitsmarkt auszutreten. Statt eines endgültigen Abschieds in den wohlverdienten Ruhestand bietet der Staat einen recht attraktiven finanziellen Anreiz: einen steuerfreien Bonus von bis zu 15.000 Euro jährlich und eine deutliche Senkung der Abgabenlast.
Obwohl die politischen Spitzen in Wien die Neuerung als bahnbrechenden Schritt zu einem flexibleren Rentensystem und als Feier des aktiven Alterns präsentieren, weisen Experten für Sozialpolitik und Gewerkschaften auch auf die Kehrseite der Reform hin. Der Anspruch auf die größten Vorteile wird nämlich bei weitem nicht für alle erreichbar sein. Die Bedingungen sind relativ streng festgelegt und betreffen insbesondere Frauen, für die sich die Anspruchsgrenzen als Reaktion auf die schrittweise Erhöhung ihres gesetzlichen Rentenalters verschieben.
Höheres Nettoeinkommen als Hauptanreiz für Senioren
Der grundlegende Pfeiler des neuen Modells ist eine erhebliche Steuererleichterung, die die Mathematik der Arbeit im Ruhestand verändern soll. Senioren, die sich entscheiden, auch nach Erreichen der regulären Altersgrenze zu arbeiten, können eine Steuerbefreiung von bis zu den erwähnten 15.000 Euro jährlich in Anspruch nehmen. In der Praxis bedeutet dies, dass ein erheblicher Teil ihres Einkommens von der Staatskasse unberührt bleibt, was ihr monatliches Nettoeinkommen im Vergleich zum aktuellen Zustand, in dem sie voll besteuert werden, erheblich erhöht.
Die zweite Schlüsselmaßnahme ist die Abschaffung der Pflicht, Arbeitnehmerbeiträge zur Rentenversicherung für Personen im regulären Rentenalter zu zahlen. Ein Arbeitnehmer im Rentenalter spart somit weitere erhebliche Prozentsätze seines Gehalts an Abgaben, während sein Arbeitgeber weiterhin die Beiträge in der standardmäßigen Höhe abführt. Für den Staatshaushalt bedeutet dies die Verpflichtung, den Ausfall dieser Beiträge aus den allgemeinen Steuereinnahmen auszugleichen, um die Stabilität des gesamten Rentensystems nicht zu gefährden.
Das Modell berücksichtigt zwei verschiedene Gruppen von arbeitenden Senioren. Die erste sind Menschen, die bereits eine Altersrente beziehen und sich entscheiden, sich durch Teil- oder Vollzeitarbeit etwas dazuzuverdienen. Die zweite Gruppe sind diejenigen, die den Eintritt in den Ruhestand vollständig aufschieben und weiterhin in einem regulären Arbeitsverhältnis bleiben. Für beide Kategorien sollen die gleichen steuerlichen Vorteile gelten, was laut Regierung die Demotivation minimieren soll, den Arbeitsplatz zu verlassen, und diejenigen unterstützen soll, die sich weiterhin voller Energie fühlen.
Strenge Bedingungen und potenzielle Falle für Frauen
Die größte Diskussion auf der österreichischen politischen und gewerkschaftlichen Bühne dreht sich jedoch darum, wer tatsächlich Anspruch auf diese Vorteile hat. Das neue System stellt den Anspruch auf den Steuerbonus für Rentenbezieher an die Erreichung einer hohen Anzahl an Arbeitsjahren. Ab 2027 müssen Männer bis zu 40 Jahre Rentenversicherung nachweisen, um überhaupt in den Genuss der Steuererleichterungen zu kommen.
Für Frauen liegt die Startlinie bei 34 Jahren Versicherung. Diese Grenze ist jedoch nicht endgültig. Im Zusammenhang mit der laufenden Reform, die das Rentenalter für Frauen schrittweise bis auf 65 Jahre im Jahr 2033 anhebt, wird auch die erforderliche Anzahl an Arbeitsjahren für Frauen schrittweise erhöht. Bis 2033 werden sich die Bedingungen für beide Geschlechter somit vollständig auf 40 Jahre Versicherung angleichen.
Gerade diese Bedingung sorgt unter den Sozialpartnern für die größten Bedenken. Die österreichische Gewerkschaft ÖGB weist darauf hin, dass viele Frauen deutlich kürzere Arbeitszeiten erreichen. Grund dafür sind häufige Unterbrechungen der Karriere aufgrund von Kinderbetreuung oder Pflege kranker Angehöriger sowie die hohe Quote an Teilzeitarbeit in typischen Frauenberufen. In der Praxis bedeutet dies, dass Tausende von Frauen, die im Ruhestand arbeiten und sich etwas dazuverdienen möchten, einfach nicht in den Genuss staatlicher Erleichterungen kommen und ihr zusätzliches Einkommen weiterhin der regulären Besteuerung und Abgaben unterliegt.
Eine andere Situation ergibt sich für diejenigen, die sich entscheiden, den Ruhestand aufzuschieben. Wenn ein Arbeitnehmer das reguläre Rentenalter erreicht und sich entscheidet, die Rente überhaupt nicht in Anspruch zu nehmen, erhält er den Steuerbonus von 15.000 Euro automatisch, unabhängig davon, ob er die geforderten 40 Jahre Versicherung angesammelt hat. In diesem Fall übernimmt der Staat zudem die Arbeitnehmerbeiträge zur Rentenversicherung in voller Höhe.
Abschaffung der besonderen Zusatzversicherung und Verlagerung von Millionen Euro
Die Reform bringt auch grundlegende strukturelle Veränderungen in den finanziellen Strömen des österreichischen Sozialsystems mit sich. Mit der Einführung der Aktivpension ab 2027 entfällt endgültig das bisherige Institut der sogenannten besonderen höheren Rentenversicherung (Höherversicherung) für arbeitende Rentner. Dabei handelt es sich um einen bislang verwendeten Mechanismus, bei dem der arbeitende Rentner durch die geleisteten Beiträge dauerhaft seine monatliche Rente für die Zukunft erhöht hat.
Die Mittel, die der Staat durch die Abschaffung dieses Systems einspart, verschwinden jedoch nicht spurlos im Staatshaushalt. Die Regierung hat eine massive Umverteilung zur Unterstützung des Arbeitsmarktes geplant. Bis 2030 soll ein neuer Transformationsfonds für den Arbeitsmarkt geschaffen werden, der von der österreichischen Arbeitsagentur (AMS) verwaltet wird. In diesen Fonds sollen bis zu 160 Millionen Euro fließen.
Der Fonds wird zur Finanzierung gezielter Umschulungen, zur Unterstützung der Beschäftigung benachteiligter Gruppen und zur Hilfe für Unternehmen bei der Bewältigung großer technologischer Veränderungen, wie Digitalisierung, Implementierung von Künstlicher Intelligenz oder der grünen Transformation der Wirtschaft, eingesetzt. Darüber hinaus werden spezielle Förder- und Beratungsprogramme für Unternehmen zur Verfügung stehen, die darauf abzielen, ältere Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu halten, Burnout vorzubeugen und ergonomische Bedingungen für ihre Arbeit zu schaffen.
Druck auf den Arbeitsmarkt versus Realität am Arbeitsplatz
Die Frage bleibt, inwieweit das neue Modell die strukturellen Probleme der österreichischen Wirtschaft und den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften lösen kann. Derzeit arbeiten in Österreich nach Erreichen des Rentenalters etwa 150.000 Menschen. Die Regierung glaubt, dass der neue Steuerbonus und die niedrigeren Abgaben zehntausende weitere Senioren motivieren werden, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren oder dort zu bleiben.
Vertreter der Arbeitgeber begrüßen den Vorschlag als Schritt in die richtige Richtung, der helfen kann, den akuten Fachkräftemangel insbesondere im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, in der Industrie und in spezialisierten Dienstleistungen zu mildern. Auf der anderen Seite betonen die Gewerkschaften, dass finanzielle Anreize allein nicht ausreichen. Wenn Unternehmen ihre Haltung gegenüber älteren Arbeitnehmern nicht ändern, die Arbeitsbedingungen nicht verbessern und sie nicht indirekt aus den Teams drängen, wird die Aktivpension nur ein Vorteil für eine kleine Gruppe gesunder und bereits heute hochverdienender Arbeitnehmer bleiben.
Die Umsetzung der Gesetzgebung ist zwar erst für den 1. Januar 2027 geplant, doch die Diskussion über ihre Gerechtigkeit, die Auswirkungen auf Frauen und den tatsächlichen Nutzen für das österreichische Sozialsystem hat gerade erst begonnen. Für das slowakische Umfeld, das ebenfalls mit ernsthaften demografischen Herausforderungen und der Alterung der Bevölkerung konfrontiert ist, könnte dieses österreichische Experiment eine äußerst wertvolle Inspiration, aber auch eine Warnung vor systemischen Ungerechtigkeiten bei der Festlegung von Bedingungen sein.
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Verwendete Quellen:
https://www.oegb.at/themen/pensionen/aktivpension-alles-was-du-wissen-musst
https://www.dievolkspartei.at/aktivpension
Illustrationsfoto: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-frau-laptop-entspannen-5336048/
Autor: Boris Zima
Mail: boris.zima@viedencan.at












