Von kaiserlichen Pferden zum Wohnzimmer Wiens: MuseumsQuartier

Es ist ein Ort, an dem die längste barocke Fassade der Stadt auf brutale Moderne trifft und wo elitärste Kunst mit lässigem Biertrinken auf bunten Plastikliegen verschmilzt. Das Wiener MuseumsQuartier (MQ) ist nicht nur ein Cluster von Museen. Es ist eine Lektion in Urbanismus, politischem Kampf und gesellschaftlicher Transformation, die die ehemaligen Stallungen der Habsburger in einen der größten Kulturkomplexe der Welt verwandelt hat.

Wenn Sie sich auf den Maria-Theresien-Platz stellen und in Richtung Ring schauen, sehen Sie einen architektonischen Dialog, der seit drei Jahrhunderten andauert. Auf der einen Seite die imperiale Wiener Tradition, auf der anderen ein mutiger Versuch, das moderne Österreich zu definieren. Das MuseumsQuartier, mit einer beeindruckenden Fläche von 90.000 Quadratmetern, ist heute der achtgrößte Kulturkomplex der Welt. Der Weg zu diesem Status war jedoch nicht nur mit Steinen gepflastert, sondern auch mit scharfen politischen Auseinandersetzungen und Bürgerprotesten.

Wenn Architektur auf Widerstand trifft: Der Fall „Leseturm“

Die Geschichte dieses Ortes reicht bis ins Jahr 1713 zurück, als Kaiser Karl VI. den berühmten Baumeister Fischer von Erlach mit dem Bau von Stallungen für Hunderte von Pferden und Kutschen beauftragte. Nach dem Fall der Monarchie und der Ausrufung der Republik verlor das Areal jedoch seinen ursprünglichen Sinn. Die Pferde verschwanden, der Inventar wurde verkauft und 1921 wurden die Räumlichkeiten in den „Messepalast“ umgewandelt – einen Ausstellungspalast, der später, in den dunklen Jahren von 1940 bis 1945, von den Nazis für ihre propagandistischen Veranstaltungen missbraucht wurde.

Der wirkliche Wendepunkt kam jedoch erst in den 1980er Jahren, als Wien begann, eine neue Identität für diesen verfallenden Koloss zu suchen. Die Diskussion gipfelte in einem Architekturwettbewerb, den das Duo Ortner & Ortner gewann. Ihre Vision war radikal und für das konservative Wien ungenießbar.

Der größte Streitpunkt wurde der sogenannte „Leseturm“ – ein schlanker Bibliotheksturm, der das neue Wahrzeichen und Symbol des Areals werden sollte. Gegen dieses Vorhaben erhob sich eine Welle des Widerstands, die in der Kulturgeschichte der Stadt ihresgleichen suchte. Petitionen wurden nicht nur von empörten Bürgern, sondern auch von weltbekannten Persönlichkeiten wie dem Architekten I. M. Pei (Schöpfer der Pyramide im Louvre) und dem Kunsthistoriker Sir Ernst Gombrich unterzeichnet. Der Druck war so groß, dass der damalige Bürgermeister Helmut Zilk 1994 die Notbremse zog und den Turm aus dem Projekt strich.

Das Ergebnis des Kompromisses, der 1998 begonnen wurde und die Steuerzahler 150 Millionen Euro kostete, ist das heutige Erscheinungsbild des MQ. Transparente Glasfassaden wurden durch Stein ersetzt und die Höhe der Gebäude reduziert. Dennoch war die Eröffnung im Jahr 2001 von Skandalen begleitet, beispielsweise wegen unzureichender Barrierefreiheit, die die Betreiber nachträglich beheben mussten.

Materialschlacht: Kalkstein gegen Basalt

Heute ist das MQ eine Studie der Kontraste. Die ursprünglichen barocken Gebäude umgeben einen Innenhof, der von zwei modernen Monolithen dominiert wird, die sich gegenüberstehen wie zwei unterschiedliche Geschwister.

Auf der einen Seite steht das Leopold Museum – ein strahlender weißer Würfel, verkleidet mit Muschelkalk. Diese Institution beherbergt die größte Sammlung von Werken Egon Schieles weltweit und stellt eine Brücke zur Wiener Moderne des frühen 20. Jahrhunderts dar. Ihrem Gegenpol gegenüber steht das MUMOK (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig). Der dunkle, mit Basalt verkleidete Block wirkt schwer und geschlossen. Ursprünglich sollte er höher sein, doch nach Protesten drückten die Architekten einige Stockwerke unter die Erde, wodurch ein einzigartiger unterirdischer Ausstellungsraum entstand.

Zwischen diesen Giganten befindet sich die Kunsthalle Wien, die sich auf zeitgenössische Kunst konzentriert und direkt an die historische Winterreitschule anknüpft. Das Ensemble wird durch Institutionen ergänzt, die das MQ zu einem lebendigen Organismus machen, nicht nur zu einem Mausoleum der Kunst – das Architekturzentrum Wien, das Tanzzentrum Tanzquartier und das Jugendtheater Dschungel Wien.

Das Phänomen Enzi: Wie ein Stück Plastik den öffentlichen Raum veränderte

Vielleicht ist der größte Erfolg des MQ nicht seine Sammlungen, sondern das, was zwischen ihnen geschieht. Der Hauptinnenhof ist zu einem inoffiziellen Wohnzimmer Wiens geworden, und das dank eines Zufalls und eines genialen Designschachzugs.

Nach der Eröffnung im Jahr 2001 war der Innenhof leer und ungemütlich. Erst die künstlerische Intervention von Josef Trattner mit Schaumstoffobjekten zeigte, dass die Menschen in diesem Raum nicht nur gehen, sondern auch „sein“ wollen. Die Leitung des Areals reagierte und wandte sich an die Architekten des Büros PPAG. Anna Popelka und Georg Poduschka entwarfen ein modulares Element, das das Gesicht des Wiener öffentlichen Raums für immer veränderte.

Die Möbel erhielten den Namen „Enzi“ (nach der Prokuristin Daniela Enzi) und wurden sofort zum Hit. Diese geometrischen Liegen sind nicht nur Bänke; sie sind die Bausteine der Gemeinschaft. Die Menschen liegen darauf, arbeiten, essen und treffen sich. Jedes Jahr findet eine Online-Abstimmung über eine neue Farbe statt, was diesen Prozess zu einer Angelegenheit von öffentlichem Interesse macht. Ob sie „poolblau“ oder „zuckerwattepink“ sind, die Enzis sind zu einem Symbol für Offenheit und Zugänglichkeit der Kultur geworden. Aus designtechnischer Sicht haben sie sich zu robusteren Modellen „Enzo“ und „Viena“ weiterentwickelt, doch ihr Wesen ist unverändert geblieben.

Das verborgene Leben im Inneren des Barocks

Der gewöhnliche Besucher, der einen Drink auf der Dachterrasse MQ Libelle (der neueste Zuwachs aus dem Jahr 2020 von denselben Architekten wie die ursprünglichen Museen) genießt, ahnt oft nicht, was im Hintergrund geschieht. Das MQ fungiert nämlich auch als Inkubator.

Unter dem Dach von Q21 sind hier auf einer Fläche von 7000 m² etwa 50 kreative Initiativen tätig, von unabhängigen Spieleentwicklern bis hin zu Verlagen. Teil des Ökosystems ist auch das Programm Artist-in-Residence, das jährlich etwa 60 internationale Künstler beherbergt. Diese Kreativen leben direkt im Areal, in Ateliers, die Teil des Komplexes sind, wodurch die ursprüngliche Idee eines lebendigen Kulturforums verwirklicht wird.

Ein interessantes Element sind auch die sogenannten Passagen. Diese barocken Durchgänge, die die einzelnen Höfe verbinden, sind nicht nur Flure, sondern fungieren als Mikromuseen. Hier finden Sie eine Passage, die dem Comic, der Typografie, der Klangkunst (Tonspur) oder der Straßenkunst (Street Art Passage) gewidmet ist, wo auch der berühmte Invader eine ständige Installation hat.

Zukunft

Das MuseumsQuartier, das zu 75 % im Besitz des Staates und zu 25 % der Stadt Wien ist, bleibt auch nach zwei Jahrzehnten in Entwicklung. Das neueste Kapitel in seiner Geschichte wird der Umzug des Hauses der österreichischen Geschichte (HdGÖ) sein. Im November 2023 gaben die politischen Spitzen bekannt, dass dieses Museum im Jahr 2028 in Räumlichkeiten an der Mariahilfer Straße umziehen wird. Eine Investition von fast 40 Millionen Euro deutet darauf hin, dass das MQ weiterhin ein Schlüsselakteur bei der Interpretation nicht nur von Kunst, sondern auch von nationaler Geschichte sein wird.

Der Blick auf das MuseumsQuartier offenbart mehr als nur eine Touristenattraktion. Es ist der Beweis, dass kulturelle Infrastruktur als Motor der städtischen Regeneration fungieren kann. Aus einem Ort, an dem einst kaiserliche Pferde trappelten, ist heute ein Raum geworden, in dem kritisch gedacht, geschaffen und gelebt wird. Und obwohl leidenschaftliche Streitigkeiten über sein Erscheinungsbild geführt wurden, führte genau diese Polemik zu einem Ergebnis, das heute für Wien unverzichtbar ist.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/MuseumsQuartier Foto: Wikimedia Commons