Burgenland: Die Geschichte des österreichischen „Ostens“, der sich nicht mehr für seine Armut schämt

Vor ein paar Jahrzehnten wurde Burgenland als rückständiger agrarischer Ausläufer hinter dem Eisernen Vorhang wahrgenommen, von dem aus viele auf der Suche nach einem besseren Leben nach Wien oder Amerika flohen. Heute ist diese Region ein Labor für den Energiewandel, eine Weinbau-Großmacht und für Tausende von Slowaken eine alltägliche Realität – sei es in Form von Pendeln zur Arbeit oder als neuer Wohnort. Wir haben uns angesehen, wie das jüngste Bundesland Österreichs mit der Klimakrise, den politischen Veränderungen nach 2025 und dem ständig wachsenden Einfluss Bratislavas umgeht.

Als 1921 die österreichischen Truppen die Verwaltung über das Gebiet des damaligen Deutschen Westungarns endgültig übernahmen, hätte kaum jemand geglaubt, dass dieser schmale Streifen Land einmal zu den fortschrittlichsten Regionen Mitteleuropas gehören würde. Burgenland entstand nicht als natürlicher historischer Raum, sondern als politischer Kompromiss, der aus Randgebieten von vier ungarischen Komitaten „zusammengesetzt“ wurde. Paradoxerweise liegen, obwohl es „Burgenland“ heißt, alle vier Burgen, die ihm ihren Namen gaben (Bratislava, Moson, Sopron und Eisenstadt), heute außerhalb seiner Grenzen – in der Slowakei oder Ungarn.

Heute, im April 2026, befindet sich Burgenland in einer völlig anderen Position. Es ist nicht mehr nur die „günstige Seite hinter dem Hügel“. Es ist ein selbstbewusster Akteur, der jedoch mit seinem eigenen Erfolg und einer sich verändernden Welt kämpft.

Politisches Erdbeben und grüner Pragmatismus

Die politische Karte Burgenlands hat sich 2025 grundlegend verschoben. Nach Jahren, in denen die Sozialdemokraten (SPÖ) unter der Führung von Hans Peter Doskozil mit eiserner Hand und absoluter Mehrheit regierten, wurden die Karten im Landtag neu gemischt. Doskozil, bekannt für seinen spezifischen Stil, der harte Rhetorik in Migrationsfragen mit einem stark sozialen Programm (wie staatlichen Löhnen für Pflegekräfte oder dem Mindestlohn in Staatsunternehmen) kombiniert, musste nach den letzten Wahlen einen Partner suchen.

Er fand ihn bei den Grünen. Die Koalition von SPÖ und Grünen, geleitet von Doskozil und seiner Stellvertreterin Anja Haider-Wallner, ist im österreichischen Kontext ein interessantes Experiment. Sie muss Doskozils „Staatskapitalismus“ mit radikalen umweltpolitischen Forderungen in Einklang bringen.

„Burgenland war immer ein Labor. Früher haben wir hier ausprobiert, wie man am Rand des Eisernen Vorhangs überlebt, heute probieren wir, wie wir den sozialen Standard halten und gleichzeitig den austrocknenden Neusiedler See retten können“, sagt man in den Fluren des Landhauses in Eisenstadt.

Gerade die Ökologie ist das Thema Nummer eins. Burgenland kann zwar mit dem Titel des europäischen Vorreiters in der Windenergie prahlen – bereits 2013 war es dank riesiger Windparks im Norden elektrisch autark – aber der Klimawandel trifft es an seiner empfindlichsten Stelle.

Wenn das „Meer der Wiener“ austrocknet

Der Neusiedler See ist für diese Region Alpha und Omega. Es ist nicht nur ein UNESCO-Biosphärenreservat, sondern auch der Motor des Tourismus. Der flache Steppensee erlebt jedoch seit mehreren Jahren kritische Phasen. Bilder von ausgetrocknetem Schlamm bei Illmitz oder Podersdorf aus den letzten Jahren sind für die Einheimischen ein Mahnmal.

Die Klimakrise ist hier kein abstrakter Begriff aus Brüsseler Berichten. Es ist die Realität eines Winzers aus Rust, der mit vorzeitiger Ernte und Bewässerung umgehen muss, sowie eines Hotelbesitzers in Mörbisch, der bangt, ob die Touristen zurückkehren, wenn der See seine Erholungsfunktion verliert. Die Regierung in Eisenstadt investiert derzeit Millionen in Projekte zur Revitalisierung des Sees, aber die Diskussionen über die Wasserzufuhr aus der Donau bleiben politisch und ökologisch umstritten.

RegionCharakteristikSchlüsselstädte
Nördliches BurgenlandFlach, Windparks, Einkaufen, Nähe zu Wien/BratislavaEisenstadt, Neusiedl am See, Parndorf
Mittleres BurgenlandHügelig, Rotwein, IndustrieOberpullendorf, Deutschkreutz
Südliches BurgenlandThermalbäder, Kleinlandwirtschaft, RuheOberwart, Güssing, Jennersdorf

Slowakischer Einfluss: Vom Einkaufen zum dauerhaften Wohnen

Für den durchschnittlichen Slowaken ist Burgenland vor allem Parndorf und Kittsee. Doch die Realität im Jahr 2026 ist viel tiefer. Laut aktuellen Statistiken pendeln täglich Tausende von Slowaken nach Österreich zur Arbeit, wobei ein großer Teil von ihnen in burgenländischen Firmen, Krankenhäusern und Hotels landet.

Slowakische „Pendler“ sind das Rückgrat des hiesigen Gesundheitswesens und der sozialen Dienste. Ohne slowakische Pflegekräfte und Krankenschwestern würden die Altenheime in den Bezirken Neusiedl am See oder Mattersburg innerhalb von 48 Stunden in den Kollaps geraten. Ähnlich ist es im Bauwesen und in der Logistik.

Ein interessantes Phänomen ist jedoch die Transformation des nördlichen Zipfels des Landes in einen „Vorort von Bratislava“. In Gemeinden wie Kittsee, Edelstal oder Pama stellen Slowaken in einigen Straßen bereits fast die Hälfte der Bevölkerung. Das bringt auch Herausforderungen mit sich. Während in den 70er Jahren in Burgenland leidenschaftlich über zweisprachige deutsch-kroatische Schilder diskutiert wurde, ist heute die slowakische Sprache in den Kindergärten in Kittsee ein alltäglicher Klang.

Slowaken in Burgenland sind nicht mehr nur „Gastarbeiter“. Sie sind Steuerzahler, die hier Immobilien kaufen, Unternehmen gründen und die demografische Kurve des Landes verändern, das einst unter massivem Bevölkerungsrückgang litt. Die historische Emigration nach Amerika ist Vergangenheit; heute zieht Burgenland die Menschen an.

Wirtschaftswunder auf klebriger Erde

Die Transformation Burgenlands von einer Region, die von europäischen Fonds finanziert wird, zu einer modernen Wirtschaft ist ein Lehrbuchbeispiel für Erfolg. Der Schlüssel waren drei Säulen:

Erneuerbare Energien: Windturbinen, die man von Bratislavas Petržalka aus sieht, sind nicht nur ein visuelles Wahrzeichen, sondern auch eine Geldmaschine.

Weinbau: Burgenländische Weine, insbesondere die aus den Sorten Blaufränkisch oder der einzigartige Uhudler aus dem Süden, werden heute in Top-Restaurants in New York und Tokio verkauft.

Intelligenter Tourismus: Von der Oper im römischen Steinbruch in St. Margarethen bis zum Familienpark Familypark – die Region hat verstanden, dass sie Erlebnisse bieten muss, für die es sich lohnt zu reisen.

Kulturelles Mosaik: Mehr als nur Folklore

Was Burgenland besonders macht, ist seine multikulturelle DNA. Es ist nicht das monolithische Österreich. Hier leben Burgenland-Kroaten, die ihre Sprache und Bräuche seit einem halben Jahrtausend bewahrt haben, die ungarische Gemeinschaft in Städten wie Oberwart und eine starke Geschichte der Roma, die hier nach der Tragödie des Holocausts wieder ihre Stimme gefunden haben.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Gastronomie wider. Die burgenländische Küche ist eine einzigartige Mischung aus österreichischer Präzision und ungarischer Schärfe. Gulyás, letscho oder Esterházy-Torte sind hier keine fremden Elemente, sondern das Familienerbe.

Herausforderungen für 2026 und darüber hinaus

Trotz der Erfolge ist nicht alles ideal. Die größte Schmerzstelle bleibt der Verkehr. Burgenland ist ein langes und schmales Land. Während der Norden von den Autobahnen A4 und A3 und der Nähe zu den Metropolen profitiert, kämpft der Süden (ohne direkte Bahnverbindung nach Wien in einigen Teilen) weiterhin mit dem Gefühl der Abgeschiedenheit. Der Abwanderung junger Menschen aus den südlichen Bezirken nach Graz oder Wien konnte nicht vollständig Einhalt geboten werden.

Ein weiteres Problem ist der steigende Wohnungsbaupreis. Der Zustrom reicher Wiener (auf der Suche nach Wochenendhäusern an den Seen) und Slowaken (auf der Suche nach Stabilität) hat die Grundstückspreise im Norden in Höhen getrieben, die für die normalen jungen Einheimischen untragbar sind. Die Politik des „günstigen Wohnens“, die Doskozil vorantreibt, stößt an die Grenzen des freien Marktes.

Fazit: Ein Land, das sich gefunden hat

Burgenland ist nicht mehr das Minderwertigkeitskomplex, das unter den anderen acht Bundesländern leidet. Es ist eine Region, die verstanden hat, dass ihre Stärke in den Grenzen liegt – nicht in deren Schließung, sondern in deren Überschreitung. Sei es in der Ökologie, im Weinbau oder im täglichen Zusammenleben mit Nachbarn aus der Slowakei und Ungarn.

Für uns Slowaken ist Burgenland ein Spiegel. Es zeigt uns, wie das Landleben aussehen kann, wenn in erneuerbare Energien investiert wird, wenn Traditionen geschätzt werden, ohne rückschrittlich zu sein, und wenn Politik mit einem Fokus auf soziale Stabilität gemacht wird. Auch wenn über dem Neusiedler See die Wolken der klimatischen Unsicherheit aufziehen, hat Burgenland heute viel bessere Karten in der Hand als vor hundert Jahren, als es aus der Asche der Monarchie entstand.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die berühmte „Burgenländer Sonne“, die hier 300 Tage im Jahr scheint, auch in Zeiten, in denen Mitteleuropa sich wieder sucht, nicht aufhört zu scheinen.

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Verwendete Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Burgenland

Foto: By Jakub Hałun – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118188101