Brüssel entscheidet, ob Bargeld in Geschäften Pflicht wird, die Österreicher fordern strenge Garantien

Während in den skandinavischen Ländern die Münzen langsam aus dem Umlauf verschwinden und das Bezahlen mit dem Handy auch am Kiosk zur Norm wird, wächst in Mitteleuropa der Widerstand gegen eine vollständige Digitalisierung der Geldbörsen. In Brüssel wird gerade über eine neue Gesetzgebung verhandelt, die die Zukunft des Bezahlens definieren soll. Die österreichische Arbeiterkammer schlägt Alarm und fordert die Union auf, das Recht auf Barzahlung nicht nur als Möglichkeit, sondern als durchsetzbare Pflicht für Händler zu garantieren. Sie argumentiert nicht nur mit der Freiheit, sondern auch mit der Bedrohung durch Blackouts.

Die Vorstellung, dass man in den Supermarkt kommt, um Brot und Milch zu kaufen, und an der Kasse abgewiesen wird, weil man einen Geldschein und keine Plastikkarte in der Hand hält, klingt für viele wie eine Dystopie. Für andere ist es jedoch ein logischer Schritt im Rahmen des technologischen Fortschritts. Genau dieser Konflikt zwischen zwei Welten wird derzeit auf höchster europäischer Ebene behandelt. In Brüssel liegt der Vorschlag der sogenannten „Bargeld-Verordnung“ auf dem Tisch, der das Potenzial hat, grundlegend zu beeinflussen, wie wir in den kommenden Jahren einkaufen werden.

In diesen legislativen Prozess greift nun entschieden die österreichische Arbeiterkammer ein, die sich als Beschützerin des traditionellen Geldes positioniert. Ihre Forderung ist klar: Banken und Händler müssen garantieren, dass Bargeld nicht aus dem Alltag verschwindet. Es geht dabei nicht nur um Nostalgie für klingende Münzen, sondern um die Frage der Sicherheit des Staates, des Schutzes der Privatsphäre und der sozialen Inklusion.

Letzte Bastion der Anonymität und Kontrolle der Ausgaben

Obwohl die Digitalisierung des Bankensektors rasant voranschreitet, zeigen Daten, dass Verbraucher nicht bereit sind, auf Bargeld zu verzichten. Laut einer aktuellen Studie zur Digitalisierung im Zahlungsverkehr, die von der österreichischen AK zitiert wird, ist Bargeld bei unseren westlichen Nachbarn nach wie vor König. 63 Prozent der von tausend Befragten gaben an, regelmäßig mit Bargeld zu bezahlen.

Warum hält diese Präferenz in einer Zeit an, in der wir die Bank im Handy haben? Die Antwort hat zwei Dimensionen: psychologische und sicherheitstechnische. Gabriele Zgubic, Verbraucherschutzexpertin der AK, weist auf ein Phänomen hin, das vielen Haushalten bekannt ist. „Die Verwendung von Bargeld ist übersichtlicher. Das Bezahlen mit Karte oder Uhr ist so schmerzlos und schnell, dass es oft zu unüberlegtem Ausgeben verleitet,“ erklärt sie. Die physische Übergabe eines Geldscheins schafft eine psychologische Barriere, die den Menschen hilft, besser mit dem Familienbudget umzugehen.

Ein zweiter, nicht weniger wichtiger Faktor ist die Privatsphäre. In einer Ära, in der Daten das neue Öl sind, wird Bargeld zu einem der letzten Mittel, um Anonymität zu wahren. Jede elektronische Transaktion hinterlässt eine digitale Spur. Diese Daten ermöglichen es Händlern und Banken, detaillierte Profile von Verbrauchern zu erstellen, sie in „wertvolle“ und „weniger wertvolle“ zu klassifizieren und anschließend gezielt Werbung zu schalten oder die Bedingungen von Dienstleistungen anzupassen. Das Bezahlen mit „Bargeld“ ist für viele daher ein Akt des Widerstands gegen den Verlust der Privatsphäre.

Bargeld als Überlebensversicherung

Die Diskussion über Bargeld gewinnt jedoch insbesondere im Kontext von Krisenszenarien an Bedeutung. Befürworter der Beibehaltung von Bargeld argumentieren, dass es ein Risiko für die Sicherheit des Staates darstellt, sich ausschließlich auf digitale Infrastruktur zu verlassen.

Österreichische Gewerkschafter verweisen auf Erfahrungen aus Nordeuropa. Schweden, das oft als Vorbild für eine bargeldlose Gesellschaft angeführt wird, sah sich bereits Situationen gegenüber, in denen Ausfälle elektronischer Systeme den Handel lahmlegten. Ein noch bedrohlicheres Szenario ist ein großflächiger Stromausfall – ein Blackout. Beispiele aus Spanien und anderen Ländern zeigen, dass, wenn die Terminals ausfallen und die Bankserver nicht mehr funktionieren, Bargeld das einzige funktionierende Zahlungsmittel wird.

Diese Tatsache ist auch den Zentralbanken bewusst. Die österreichische Nationalbank (OeNB) hat eine offizielle Empfehlung herausgegeben, nach der jeder Haushalt eine Bargeldreserve in kleinen Scheinen zu Hause haben sollte, die für den Kauf von Grundbedürfnissen für zwei Wochen ausreicht. Bargeld wird somit als systemrelevante Infrastruktur wahrgenommen, als „Notstromgenerator“ der Wirtschaft, der funktionieren muss, wenn Technologien versagen.

Zwei zentrale Forderungen an Brüssel

Im Kontext dieser Argumente formuliert die AK zwei grundlegende Forderungen an die Europäische Kommission, die Teil der neuen europäischen Gesetzgebung werden sollten.

1. Pflicht zur Akzeptanz in Geschäften: Die größte Angst der Verbraucher sind Betriebe, die bereits beim Betreten „No Cash“ (Keine Bargeldzahlung) ankündigen. Laut Zgubic ist es inakzeptabel, dass Händler, insbesondere solche mit Waren des täglichen Bedarfs, entscheiden, ob sie gesetzliches Zahlungsmittel akzeptieren. „Bei der Pflicht zur Annahme von Bargeld darf es keine Hintertüren geben,“ betont Zgubic. Die Forderung ist kompromisslos: Supermärkte, Apotheken und andere Geschäfte, die grundlegende Lebensbedürfnisse sichern, müssen gesetzlich verpflichtet sein, Bargeld von Kunden anzunehmen. Sie können sich nicht durch kleine Schrift in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder durch ein Schild an der Tür davon befreien. Wenn ein Bürger Geld hat, muss er das Recht haben, damit Lebensmittel zu kaufen.

2. Pflicht der Banken zur Sicherstellung der Verfügbarkeit: Die zweite Forderung richtet sich direkt an den Bankensektor. Mit dem Trend zur Schließung von Filialen und der Abschaffung von Geldautomaten wird die Bargeldabhebung in einigen Regionen zu einem logistischen Albtraum. Das Problem betrifft insbesondere ländliche Gebiete. Die AK fordert die Einführung einer sogenannten Versorgungsverpflichtung für Banken. Diese müssten garantieren, dass ein funktionierender Geldautomat in angemessener Entfernung für jeden Bürger verfügbar ist. „Es kann nicht sein, dass Menschen zig Kilometer reisen müssen, um zum nächsten Geldautomaten oder zur nächsten Filiale zu gelangen,“ kritisiert Zgubic den aktuellen Zustand. Ohne reale Verfügbarkeit von Bargeld ist die „Freiheit der Wahl“ der Zahlungsmethode nur illusorisch.

Generationen-Konflikt oder gesunder Menschenverstand?

Es könnte den Anschein haben, dass der Kampf um Bargeld nur ein Kampf der älteren Generation ist, die die Technologien nicht versteht. Statistiken bestätigen teilweise, dass die größten Befürworter von Bargeld Menschen im Alter von 50 bis 59 Jahren und Senioren über 70 Jahre sind. Diese Menschen sind oft weniger digital versiert, und der erzwungene Übergang zu Karten oder Smartphones kann sie sozial ausschließen.

Es wäre jedoch ein Fehler, dieses Thema nur auf einen Generationenkonflikt zu reduzieren. Die Widerstandsfähigkeit des Systems gegen einen Zusammenbruch und der Schutz vor Überwachung sind Themen, die in der gesamten Gesellschaft resonieren, unabhängig vom Alter.

Die aktuellen Verhandlungen über die europäische Richtlinie werden entscheidend sein. Wenn es gelingt, eine strenge Version mit der Pflicht zur Akzeptanz von Bargeld durchzusetzen, wird das ein klares Signal sein, dass Europa zwar die digitale Zukunft begrüßt, aber nicht bereit ist, grundlegende Verbraucherrechte und die Sicherheit des Systems dafür zu opfern. Wenn jedoch die Lobby der Kartenunternehmen und Technologiegiganten obsiegt, könnte Bargeld zu einer Relikt werden, das wir nur noch in Museen betrachten – oder in Panik suchen, wenn der Strom das nächste Mal ausfällt.

Slowakisches Unikat

Während die Österreicher um Garantien durch die Brüsseler Gesetzgebung kämpfen, hat die Slowakei im Jahr 2023 einen Schritt gemacht, der in ganz Europa Beachtung fand. Unser Land wurde zu einem der wenigen weltweit, das das Recht auf Bargeld zu einem verfassungsmäßigen Prinzip erhoben hat.

Im Juni 2023 genehmigten die Abgeordneten des Nationalrates mit überwältigender Mehrheit eine Novelle der Verfassung der Slowakischen Republik. Diese besagt nun in Artikel 39 ausdrücklich, dass „die Ausgabe von Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel garantiert ist“ und garantiert ebenfalls „das Recht, Zahlungen für den Kauf von Waren und die Erbringung von Dienstleistungen in bar zu leisten“.

Dieser Schritt war eine Reaktion auf die zunehmenden Bedenken der Öffentlichkeit über die schrittweise Abschaffung von Bargeld und die potenzielle Einführung eines digitalen Euros, der laut Kritikern zu einer größeren Kontrolle der Bürger durch den Staat führen könnte. Die Slowakei sendet damit ein klares Signal: Bargeld betrachten wir als Pfeiler der Freiheit.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass auch die slowakische verfassungsmäßige Garantie nicht absolut ist. Die Gesetzgeber haben Raum für Ausnahmen gelassen – die Verfassung schützt das Recht auf Barzahlung nur, wenn das Gesetz nichts anderes bestimmt. In der Praxis gilt in der Slowakei nach wie vor ein strenges Gesetz zur Begrenzung von Barzahlungen (Zahlungen über 15.000 Euro für Privatpersonen und 5.000 Euro für Unternehmer sind verboten), dessen Ziel es ist, gegen Steuerbetrug und Geldwäsche vorzugehen.

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Quelle: https://wien.arbeiterkammer.at/service/presse/EU-Bargeldverordnung.html Foto: https://images.pexels.com/photos/158776/euro-money-currency-the-european-158776.jpeg