Wien zeigt, wie öffentlicher Raum funktioniert. Ehemalige Privatgrundstücke wurden in eine kostenlose Oase der Kunst und des Badens verwandelt

Während in den meisten europäischen Metropolen die schönsten Ufer von Flüssen und Seen in unzugängliche Residenzen für die Auserwählten verwandelt werden, hat die österreichische Hauptstadt den entgegengesetzten Weg gewählt. Am Ufer der Oberen Alten Donau im Wiener Bezirk Floridsdorf wurden die Mietverträge mit Privatpersonen beendet, die Grundstücke zusammengelegt und ein 28.000 Quadratmeter großer, frei zugänglicher Park geschaffen. Heute finden Sie hier erstklassige Weltkunst, freien Zugang zum Wasser und Obstbäume – und das alles, ohne die Geldbörse zücken zu müssen.

Ein Besucher, der an einem heißen Sommertag in den nördlichen Teil Wiens aufbricht, erlebt einen kleinen Kulturschock. Dort, wo noch vor kurzem Zäune von Privatgrundstücken und Gartenhäuschen standen, erstreckt sich heute der großzügig gestaltete Bank-Austria-Park am Mühlschüttel. Es handelt sich um ein einzigartiges urbanistisches Experiment, das an einem Ort hohe Kultur, Naturschutz, Freizeit-Sportstätten und freies Baden im Naturwasser vereint.

Das Projekt, das erstmals vollständig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und seine Premieren-Sommersaison erlebte, wirft eine wichtige Frage auf: Wem gehört eigentlich die Stadt? Mit ihrer neuesten Investition sendet Wien ein klares Signal: Die wertvollsten natürlichen Ressourcen und Ufer müssen für alle Bewohner unabhängig von ihrem sozialen Status zugänglich bleiben.

Von der Privatisierung zum öffentlichen Gut

Die Geschichte des Mühlschüttel-Geländes ist in vielerlei Hinsicht lehrreich für andere europäische Städte, die oft dem Druck von Entwicklern unterliegen. Am linken Ufer der Oberen Alten Donau lagen jahrzehntelang zersplitterte Grundstücke, die an Privatpersonen vermietet waren. Der gewöhnliche Wiener hatte an diesen Orten praktisch keinen Zugang zum Wasser.

Die Stadtverwaltung entschied sich jedoch für einen radikalen Schritt. Nach Ablauf der Mietverträge wurde das gesamte Gebiet umgestaltet, die Grundstücke wurden zusammengelegt und eine erneute kommerzielle Vermietung oder der Verkauf abgelehnt. In Zusammenarbeit mit der Bank Austria entstand das Konzept eines öffentlichen Parks, das im September 2025 offiziell eröffnet wurde und in diesem Sommer seine erste umfassende Belastungsprobe erlebte.

„Für uns als Stadt ist es von größter Bedeutung, dass dieses Gebiet sowie viele andere Ufer in der Stadt frei zugänglich bleiben. Während in anderen Metropolen die Zugänge zum Wasser privatisiert werden, setzen wir in Wien bewusst auf deren Öffnung und Attraktivierung“, erklärt die Wiener Stadträtin für Stadtplanung, Ulli Sima.

Ihrer Meinung nach handelt es sich nicht um einen isolierten Ausreißer, sondern um eine langfristige Strategie. Wien hat in der Vergangenheit beispielsweise beliebte Orte wie den Arbeiter*innenstrand oder die Strombucht zugänglich gemacht. Derzeit kann die österreichische Hauptstadt mit insgesamt 63 Kilometern frei zugänglicher Ufer an natürlichen Gewässern aufwarten.

Wenn die Galerie unter freiem Himmel zieht

Was den Park am Mühlschüttel wirklich außergewöhnlich macht, ist die Präsenz von Spitzenkunst. Die Verantwortung für die künstlerische Gestaltung des Raumes übernahm der bekannte österreichische Konzeptkünstler, Regisseur und Visionär André Heller.

Heller gelang es, 14 großformatige Werke von bedeutenden heimischen und internationalen Künstlern harmonisch in die natürliche Umgebung einzufügen. Im Park können Sie auf Skulpturen, Windinstallationen oder akustische Elemente von Namen wie Ugo Rondinone, dem Duo Elmgreen & Dragset, Xenia Hausner, Peter Pongratz, Marek Zyga oder Karl Karner stoßen. Auch André Heller hat mit einem eigenen Werk beigetragen.

Die einzelnen Artefakte arbeiten mit den grundlegenden Elementen – Erde, Wasser, Luft und Licht. Der Besucher durchquert somit nicht nur eine klassische Grünfläche, sondern eine informelle Galerie unter freiem Himmel. Wenn er mehr über die einzelnen Skulpturen oder Künstler erfahren möchte, muss er nicht ins Informationszentrum gehen – bei jedem Werk befindet sich ein QR-Code, der ihn nach dem Scannen auf detaillierte digitale Begleitmaterialien weiterleitet.

Der Bürgermeister des Stadtbezirks Floridsdorf, Georg Papai, verbirgt seine Begeisterung nicht: „Mit diesem Park hat nicht nur Floridsdorf, sondern ganz Wien eine neue Dominante gewonnen. Es ist ein Ort, der Natur geschickt mit der Atmosphäre einer Weltmetropole verbindet. Grünflächen, Kunst und Freude am Baden, und das alles mit kostenlosem Eintritt. Wo sonst erleben Sie so etwas?“

Ein Lehrbeispiel für ökologischen Urbanismus

Der Park Mühlschüttel ist jedoch nicht nur eine Frage der Ästhetik und Kultur. Er ist auch ein vorbildliches Beispiel für einen modernen Ansatz zur städtischen Grünfläche und zur Anpassung an den Klimawandel. Architekten und Landschaftsingenieure haben bei der Rekonstruktion das traditionelle Übel – die vollständige Bereinigung des Geländes „auf der grünen Wiese“ – vermieden.

Die ursprünglichen alten Bäume, insbesondere die knorrigen Walnüsse, Feigen, Aprikosen und Pflaumen, wurden sensibel in das neue Konzept integriert. Hinzu kamen mehr als 150 neu gepflanzte Bäume und weitläufige Rasenflächen mit einer Fläche von über 22.000 Quadratmetern. Besonderes Augenmerk wurde auf die Gestaltung der Beete gelegt. Auf einer Fläche von mehr als 3.000 Quadratmetern entstanden bunte Inseln aus Stauden und Sträuchern, in denen Traubenhyazinthen, Lilien und wilde Rosen blühen. Diese Flächen dienen nicht nur als visuelles Element, sondern vor allem als wichtige „biologische Puffer“ für Bienen, Schmetterlinge und andere nützliche Insekten.

Auch an das Mikroklima während extremer Sommerhitze wurde gedacht. Neben dem Schatten der Bäume bieten drei Trinkbrunnen und fünf erfrischende Nebelsäulen den Besuchern Erleichterung.

Strände, Fitness und Kletterwildnis

Funktional ist der Park so gegliedert, dass alle Generationen ihren Platz finden. Der westliche Teil gehört aktiver Bewegung und Kindern. Auf einer Fläche von etwa 400 Quadratmetern entstand ein Spielplatz, der von einer umfangreichen Kletternetzstruktur mit Schaukelseilen dominiert wird. Für die Kleinsten gibt es einen Sandkasten mit einer Wasserwippe, einem Sandboot mit Segel und einem speziellen Spielkran.

Erwachsene haben Zugang zu Outdoor-Fitnessgeräten, die direkt im Grünen installiert sind. Nach sportlicher Betätigung oder einem Spaziergang zwischen den Kunstwerken können die Besucher auf mehr als 70 neu installierten Bänken, sieben anatomischen Liegen oder an Picknicktischen entspannen.

Die größte Attraktion an warmen Tagen bleibt jedoch der Zugang zum Wasser selbst. Der Park verfügt nicht nur über einen klassischen Rasenstrand, sondern auch über eine Architektur, die speziell für Schwimmer entworfen wurde: Vier feste Holzstege und fünf schwimmende Plattformen, die auf der Oberfläche der Alten Donau verankert sind, ermöglichen einen bequemen und sicheren Zugang zum Wasser.

Ohne Autos und ohne Barrieren

Der neue Freizeitbereich denkt auch an nachhaltige Mobilität. Durch den Park verläuft ein Netz geschwungener Fußwege, aber auch Radfahrer finden hier äußerst günstige Bedingungen. Zu der Oase führt ein neu angelegter, vollständig separierter Radweg entlang der bekannten Wagramer Straße, der die Besucher sicher aus anderen Teilen der Stadt bis zur Uferpromenade bringt. Der Standort ist zudem problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Das Beispiel des Wiener Parks Mühlschüttel zeigt, dass hochwertiger öffentlicher Raum nicht nur ein Kompromiss zwischen Beton und Rasen sein muss. Wenn die Planung mit einer klaren Vision, Respekt vor der Natur und dem Mut, in Kultur zu investieren, angegangen wird, kann ein Raum entstehen, der die Lebensqualität aller Stadtbewohner erhöht – unabhängig davon, wie viel Geld sie auf dem Konto haben.

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Verwendete Quellen:

Stadt Wien

Illustrationsfoto: Copyright Fürthner / Stadt Wien

Autor: Boris Zima

Mail: boris.zima@viedencan.at