Wien schreibt die Regeln für sozialen Wohnungsbau um. Anstelle von Wartelisten tritt ein Punktesystem ein

Die österreichische Hauptstadt hat sich für eine grundlegende Rekonstruktion eines ihrer bekanntesten Pfeiler entschieden – des Systems für städtisches und gefördertes Wohnen. Das bisherige Modell, das bis zu einem gewissen Grad auf fester Bürokratie und chronologischen Wartelisten basierte, wird durch ein flexibles Matrixsystem ersetzt, das auf der Vergabe von Punkten basiert. Ziel der Stadtverwaltung ist es, auf akute Lebenskrisen zu reagieren und zu verhindern, dass die sozial am stärksten gefährdeten Gruppen der Bevölkerung am Rande der Gesellschaft oder ohne ein Dach über dem Kopf enden.

Der soziale Wohnungsbau in Wien wurde über Jahrzehnte als europäisches Unikat und Beispiel guter Praxis angesehen. Mit steigenden Lebenshaltungskosten, Inflation und demografischen Veränderungen hat sich jedoch gezeigt, dass starre Regeln nicht mehr schnell genug auf die dynamischen sozialen Rückschläge einzelner Haushalte reagieren können.

Der Wiener Landtag hat daher eine umfassende Reform der Gesetzgebung beschlossen, die die Vergabepraxis für städtische Wohnungen grundlegend verändert. Das Projekt erhielt eine ungewöhnlich breite politische Unterstützung – für das neue Gesetz stimmten neben der Koalition auch die Oppositionsparteien.

Weg mit unnötiger Bürokratie: Punkte statt Warteliste

Der bisherige Katalog von Bedingungen wirkte in vielerlei Hinsicht unflexibel. Das neue Konzept mit dem Titel Wohnungsvergabe NEU basiert auf einem Modell, bei dem nicht nur die Wartezeit auf dem Amt entscheidend ist, sondern auch, in welcher Lebenssituation sich eine Person gerade befindet. Wenn eine bedürftige Person eine Wohnung beantragt, vergibt der Algorithmus ihr eine höhere Punktzahl, wodurch sie automatisch im Ranking der Bewerber aufsteigt.

„Es ist die markanteste Transformation unseres Mechanismus seit Jahrzehnten. Wir wollen erreichen, dass bezahlbarer Wohnraum vorrangig denjenigen zugutekommt, die ihn am dringendsten benötigen“, erklärt die Wiener Stadträtin für Wohnbau, Elke Hanel-Torsch. Laut ihr ist der breite Konsens über das politische Spektrum hinweg ein Beweis dafür, dass die Reform notwendig war.

Die Hauptneuheit ist die Möglichkeit, verschiedene Kriterien zu kombinieren. In der Vergangenheit kam es vor, dass spezifische Lebenssituationen sich gegenseitig ausschlossen oder nicht ausreichend punktemäßig berücksichtigt wurden. Im neuen System werden Teilpunkte für verschiedene Lebensumstände addiert.

Beispiel der Punktebewertung

Kriterium / SituationPunktebewertung
Opfer von häuslicher Gewalt100 Punkte
Immobiltät / Barrierefreie Wohnungbis zu 100 Punkte
Häusliche Pflege (ab Stufe 3)bis zu 100 Punkte
Alleinerziehende Elternbis zu 80 Punkte
Drohendem Wohnungsverlustbis zu 80 Punkte
Personen in sozialen Einrichtungen75 Punkte
Umzug in eine kleinere Wohnungbis zu 70 Punkte
Junge Wiener (bis 25 Jahre)50 Punkte
Überfüllte Haushalte50 Punkte
Hohe finanzielle Belastung durch Wohnen50 Punkte
Fehlendes Bad / WC in der Wohnungbis zu 50 Punkte
Scheidung oder Trennungbis zu 50 Punkte
Wien-Bonus (Aufenthalt > 6 Jahre)bis zu 45 Punkte
Schwangerschaft30 Punkte
Bildung und Kurse20 Punkte

Höchste Priorität für Sicherheit und Gesundheit

Ein detaillierter Blick auf die Struktur der Punktevergabe offenbart eine klare Werteskala der Wiener Stadtverwaltung. Absolute Priorität mit maximalen 100 Punkten erhalten Personen, die akut von häuslicher Gewalt betroffen sind und die gemeinsame Wohnung sofort verlassen müssen. Damit sendet die Stadtverwaltung ein klares Signal, dass der städtische Wohnungsbestand auch eine Funktion der sofortigen Krisenhilfe erfüllen soll.

Ebenso hoch – auf dem Niveau von 100 Punkten – werden die Anträge von Personen mit schweren und dauerhaften Bewegungseinschränkungen bewertet, deren derzeitige Wohnung nicht barrierefrei ist, sowie von Familien, die Angehörige im dritten und höheren Grad der Pflegebedürftigkeit im häuslichen Umfeld betreuen.

Ein erhebliches Plus erfahren auch alleinerziehende Haushalte. Alleinerziehende Eltern mit Kindern können bis zu 80 Punkte erhalten. Den gleichen Punktebonus erhalten Personen, denen tatsächlich der Verlust ihrer Unterkunft droht, beispielsweise aufgrund einer Kündigung im gewerblichen Mietmarkt.

Auch die junge Generation wurde nicht vergessen. Die Kategorie „Jungwiener*in“ garantiert 50 Punkte für junge Menschen bis 25 Jahre, die bisher keinen eigenen Mietvertrag hatten und sich ihre erste eigenständige Wohnung in einem maximal zweiköpfigen Haushalt einrichten.

Ökologischer und räumlicher Aspekt: Gib die große Wohnung frei, du bekommst Punkte

Ein interessanter Aspekt der Reform ist der Versuch, den bestehenden Wohnungsbestand effizienter zu nutzen. Wien sieht sich seit langem der Situation gegenüber, dass in weitläufigen Mehrzimmerwohnungen oder -wohnungen alleinstehende Senioren leben, deren Kinder bereits ausgezogen sind, während junge, kinderreiche Familien in kleinen Garçonnièren leben.

Das neue System fördert nun den freiwilligen Umzug in kleinere Wohnungen. Ein Mieter einer städtischen Wohnung, der sich entscheidet, seine überdimensionierte Wohnung gegen eine kleinere Einheit zu tauschen, kann bis zu 70 Punkte erhalten. Für Senioren über 65 Jahre, die in kommunalen Wohnungen leben, ist eine besondere Bonifikation von bis zu 30 Punkten vorgesehen. Mit diesem Schritt möchte die Stadt große Wohnungen für junge Familien freigeben, ohne neue Betonkomplexe am Stadtrand bauen zu müssen.

Die lokale Zugehörigkeit ist jedoch nicht aus den Regeln gefallen. Der sogenannte Wien-Bonus begünstigt langjährige Stadtbewohner. Wenn ein Antragsteller in der Metropole ununterbrochen mindestens sechs Jahre gemeldet ist, erhält er bis zu 45 Punkte. Den gleichen Punktewert können auch diejenigen erhalten, die trotz aktiver Suche bisher im System erfolglos gewartet haben.

Wie wird der Übergang zum neuen System ablaufen?

Die Stadt hat einen genauen Zeitplan festgelegt, um Chaos bei der Bearbeitung von Zehntausenden aktiven Anträgen zu vermeiden. Am 14. Juli wurde die Möglichkeit zur vorläufigen Registrierung in der neuen digitalen Schnittstelle eröffnet. Antragsteller können die erforderlichen Dokumente hochladen, die ihren Gesundheitszustand, ihr Einkommen oder ihre Studienleistungen bestätigen.

Inhaber bestehender Wiener Wohn-Tickets können weiterhin im alten Modus arbeiten und laufende Suchen abschließen. Das neue System tritt in vollem Umfang in Kraft. Ab diesem Datum erfolgt die Vergabe aller freien Kapazitäten ausschließlich über den neuen Punktmechanismus.

Die Stadtbehörden erklären, dass das Ziel nicht darin bestand, ein undurchsichtiges algorithmisches Labyrinth zu schaffen, sondern im Gegenteil, maximale Transparenz in die Wohnungsvergabe zu bringen. Jeder Bürger kann auf Grundlage der vorgelegten Unterlagen genau berechnen, wie hoch seine Punktzahl ist und welche realen Chancen er hat, eine städtische Mietwohnung zu erhalten. Mit diesem Schritt setzt Wien einen neuen Standard für die Sozialpolitik europäischer Metropolen im 21. Jahrhundert.

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Verwendete Quellen:

Stadt Wien / Wiener Wohnen

Illustrationsfoto: https://www.pexels.com/de-de/foto/hand-halt-turschlussel-neues-zuhause-interieur-29871187/

Autor: Boris Zima

Mail: boris.zima@viedencan.at