Das Flüstern der alten Mühle am Liesing: Die Geschichte eines vergessenen Juwels im Wiener Unterlaa

​Am südlichen Rand Wiens, dort, wo der städtische Trubel in die Stille ländlicher Wege und das Rauschen alter Bäume übergeht, liegt Unterlaa. Wenn man entlang der sanft geschwungenen Ufer des Liesingbachs spaziert, kann man kaum glauben, dass man sich noch im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten befindet. Die Luft hier riecht nach fruchtbarem Boden, altem Holz und Erinnerungen an Zeiten, als der Rhythmus des menschlichen Lebens nicht von Uhren, sondern vom unermüdlichen Drehen des Mühlrades bestimmt wurde. Genau hier, in der Unter-Laaer Straße 32, steht das majestätische Gebäude, bekannt als Alte Mühle oder Hofmühle. Es ist eine Mühle, die nicht mit lautem Quietschen von Zahnrädern spricht, sondern mit einer stillen, erhabenen Präsenz, in der sich fast 600 Jahre Geschichte von Mensch, Wasser und Erde widerspiegeln.

​Der Anblick der Mühle in Unterlaa weckt das Gefühl, dass man eine unsichtbare Grenze der Jahrhunderte überschritten hat. Während das moderne Wien in die Höhe wächst und seine Straßen vom ständigen Lärm der Straßenbahnen und Autos erfüllt sind, hat dieser Teil der Stadt den Charme eines alten Landguts bewahrt. Malerische geschlossene Gehöfte, enge Höfe und alte Wirtschaftsgebäude bilden hier ein Ganzes, das dem vergehenden Zeitgeist zu trotzen scheint. Die Mühle ist der feste Anker dieses Ortes, erbaut direkt neben dem Fluss Liesingbach, der über Generationen hinweg seine Lebensader war.

​Die historischen Wurzeln von Unterlaa reichen tief ins Mittelalter zurück, als dieses Gebiet zusammen mit dem benachbarten Oberlaa unter dem gemeinsamen Namen Laa einen einheitlichen Raum bildete. Das Dorf, das sich entlang des Wasserlaufs erstreckte, lebte sein eigenes, geschlossenes Leben, in dem die Mühle eine Schlüsselrolle spielte. Sie war nicht nur ein Gebäude zum Mahlen von Mehl, sondern auch ein natürlicher Treffpunkt für Begegnungen, Handel und Gespräche. Gerade am Mühlgraben erfuhren die Bewohner die Neuigkeiten aus der Welt, hier trafen sich Landwirte aus der Umgebung, und hier formte sich eine besondere Kultur des südlichen Wiener Vororts.

​Ritter von Malta und die ersten schriftlichen Spuren

​Die schriftliche Geschichte der Mühle in Unterlaa ist außergewöhnlich reich und bietet einen faszinierenden Einblick in die rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse des späten Mittelalters. Die Eigentumsverhältnisse dieses Objekts sind seit 1436 dokumentiert, was sie zu einem der am besten erforschten Wirtschaftsgüter im weiteren Umfeld Wiens macht. In jenen Zeiten gehörte die Mühle zur Verwaltung des Malteserordens, der auch als Johanniterorden bekannt ist. Dieser geistlich-ritterliche Orden hatte in der Region einen enormen Einfluss und besaß umfangreiche Ländereien, einschließlich landwirtschaftlicher Höfe.

​Der Einfluss der Malteserritter wird bis heute auch im Wappen des Stadtteils Unterlaa erinnert, auf dem der weiße Malteserkreuz stolz erstrahlt. Die Müller, die zu jener Zeit in der Mühle arbeiteten, unterlagen der Leibeigenschaft gegenüber dem Orden, genossen jedoch gleichzeitig Denkmalschutz und rechtliche Absicherung. Sie waren angesehene Handwerker, da Mehl das Grundnahrungsmittel für das wachsende Wien und dessen nähere Umgebung war. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Mühle häufig die Pächter und Müllermeister, von denen jeder seinen unsichtbaren Abdruck in ihren steinernen Fundamenten hinterließ.

​Wasser als treuer Diener und unberechenbares Element

​Die Mühle in Unterlaa gehörte zur Kategorie der sogenannten Untermühlen. Das bedeutet, dass das Wasserrad durch den Wasserstrom angetrieben wurde, der unterhalb seines unteren Teils floss. Das Wasser wurde vom Liesingbach selbst über einen sorgfältig angelegten Mühlgraben geleitet. Der Graben erfüllte nicht nur die technische Funktion der Energiezufuhr, sondern schuf in der Landschaft ein wunderschönes Wasserelement, um das üppige Vegetation gedieh und sich kleines Wasserleben sammelte.

​Doch das Leben am Ufer des Liesingbachs war nicht immer nur idyllisch. Der Bach, der an milden Frühlingstagen und Sommerabenden friedlich zwischen den Weiden floss, konnte sich bei heftigen Regenfällen oder plötzlichem Schneeschmelzen in ein wildes und unbändiges Element verwandeln. Plötzliche Überschwemmungen waren für die Mühle eine ständige Bedrohung. Oft beschädigten die reißenden Wasser des Liesingbachs das Mühlrad, die Dämme und die Zuflusskanäle vollständig oder zerstörten sie. Jede solche Naturkatastrophe bedeutete für den Müller immense Anstrengungen, finanzielle Opfer und Wochen harter Arbeit zur Wiederherstellung der zerstörten Technik. Trotz dieser wiederholten Schicksalsschläge erwachte die Mühle immer wieder zum Leben, was von der Zähigkeit und Ausdauer der Menschen zeugt, die hier lebten.

​Winterwunder an den Mühlteichen

​Als sich Ende des 19. Jahrhunderts die Wirtschaftsstruktur änderte und die Tradition des Mehlmahlens langsam modernen industriellen Walzenmühlen wich, fanden die Besitzer in Unterlaa einen neuen, äußerst einfallsreichen Weg, um die Wasserenergie und die kalten Wintermonate zu nutzen. Neben der Mühle wurden zwei große Teiche angelegt, die im Winter einem einzigartigen Geschäftszweck dienten: der Herstellung und Ernte von Natur-Eis.

​In frostigen Winternächten froren die Teiche zu einer dicken Schicht reinen Eises. Die Müller und ihre Helfer schnitten dann mit speziellen Sägen und Äxten das Eis in große rechteckige Blöcke. Diese Eisblöcke wurden anschließend mit einem Aufzug, der durch die Wasserkraft der Mühle betrieben wurde, in ein speziell isoliertes Eishaus transportiert. Hier, in den dunklen und kühlen Räumen, die durch dicke Mauern geschützt waren, hielt sich das Eis oft bis in den späten Sommer. Das Eis aus Unterlaa war ein äußerst gefragtes Gut. Die Lieferungen gingen an Wiener Fleischereien, Bäckereien, Brauereien und traditionelle Gasthäuser, für die diese Kälte die einzige Möglichkeit war, Lebensmittel frisch zu halten in Zeiten vor der Erfindung elektrischer Kühlschränke.

​Von der Familientradition zur Elektrizität und modernen Zeiten

​Das Jahr 1893 brachte in der Geschichte der Mühle eine grundlegende Wende. Im Rahmen des Erbverfahrens erwarben die Familien Kronberger und Frank, die in der benachbarten Oberlaa eine Metzgerei und Bäckerei betrieben, das Objekt. Beide Familien kauften die Mühle zusammen mit dem Wasserrecht am Liesingbach aus dem Erbes, wodurch ein neues Kapitel in der Geschichte des Gebäudes eingeleitet wurde. Für die Mühle bedeutete dies eine erneute Verbindung mit der lokalen Lebensmittelverarbeitung und die Festigung ihrer Position in der Gemeinschaft.

​Der technische Fortschritt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte auch vor dieser ländlichen Ecke nicht halt. Im Jahr 1935 fand in Unterlaa die vollständige Elektrifizierung statt. Die Tradition des Antriebs durch das Wasserrad endete damit endgültig, doch der Müllergeist verschwand nicht. Der Aufzug zum Transport der Eisblöcke wurde auf elektrischen Antrieb umgebaut, und das Mahlen von Getreide wurde bis 1957 mit Elektromotoren fortgesetzt. 1949 übernahm Magdalena Haspel, die Enkelin der Familie Kronberger, die Verwaltung der Mühle und der Wirtschaftsgebäude. Dank ihrer Pflege und später dem Einsatz ihrer Kinder bleibt die Mühle seit über einhundertzwanzig Jahren im Familienbesitz, was in der heutigen schnelllebigen Welt ein äußerst seltener Anblick ist.

​Steinarchitektur voller Geschichten

​Die architektonische Gestalt der Mühle in Unterlaa ist ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Funktionalität mit dem Charme traditioneller Bauweise verbunden wird. Die heutige Form des Gebäudes trägt markante Merkmale des 18. Jahrhunderts mit feinen barocken und klassizistischen Elementen. Das Objekt ist als geschlossener Dreiflügelhof konzipiert, der den Bewohnern Schutz vor Unwetter und ein Gefühl der Sicherheit bot. An der Fassade der Mühle ist bis heute die historische Jahreszahl 1979 erhalten, die an eine der Hauptrekonstruktionen des Objekts erinnert.

​Direkt gegenüber der Mühle in der Klederinger Straße steht ein weiteres historisches Juwel – der Prentlhof. Dieses Objekt war ursprünglich Teil eines Jagdschlosses aus dem 18. Jahrhundert, und seine Säle beherbergen bis heute wertvolle Wandmalereien mit jagdlichen Motiven. Obwohl die Mühle und der Prentlhof in der Geschichte keinen direkten wirtschaftlichen Zusammenhang hatten, bilden sie gemeinsam eine unverwechselbare architektonische Mikroregion, die dem Besucher die Atmosphäre des alten Wiener Landes vermittelt. Der gesamte Mühlenkomplex ist heute ein streng geschütztes Kulturdenkmal, was garantiert, dass sein historischer Wert auch für zukünftige Generationen erhalten bleibt.

​Wanderung entlang des Liesingbachs

​Heute ist die Mühle in Unterlaa ein stiller Zeuge der Vergangenheit, doch die Umgebung der Mühle erwacht auf neue Weise wieder zum Leben. Eine umfassende Rekonstruktion und ökologische Revitalisierung des Liesingbachs haben dem Bach seinen natürlichen Charakter zurückgegeben. Entlang des Wassers wurden Spazier- und Radwege angelegt, die die Bewohner Wiens und Touristen zu angenehmen Ausflügen einladen. Obwohl sich das Wasserrad der Mühle nicht mehr dreht und das Bett des alten Grabens heute ohne Wasser ist, ist seine Linie im Gelände nach wie vor deutlich erkennbar.

​Ein Besuch dieses Ortes bietet die einzigartige Möglichkeit, die Bewunderung für historische Architektur mit dem Kennenlernen einer fernen Geschichte zu verbinden. In der Nähe der Mühle befindet sich die Kirche St. Johannes mit einer nach dem Vorbild von Jerusalem erbauten Kapelle des Heiligen Grabes sowie die Außenstelle des Museums des 10. Bezirks Favoriten, das wertvolle archäologische Funde aus der Römerzeit dokumentiert. Die alte Mühle bleibt somit das Herzstück des Ortes, wo römische Vergangenheit, mittelalterliche Rittertradition und der ruhige Rhythmus des heutigen Tages aufeinandertreffen.

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Von Buchhändler – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7865061

Verwendete Quellen:

 https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BChle_in_Unterlaa

​ https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/M%C3%BChle_Oberlaa

Illustrationsfoto: Von Buchhändler – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7865061

Autor: Eva Vengrická

Mail: eva.vengricka@viedencan.at