Die Geschichte des Wiener Volksgartens, der beinahe nicht existierte

Im Herzen Wiens, direkt an der majestätischen Ringstraße, erstreckt sich eine fünf Hektar große Oase der Ruhe und Schönheit – der Volksgarten. Für Tausende von Touristen und Einheimischen ist er heute ein unverzichtbarer Teil der Spaziergänge durch die Innenstadt, ein Ort der Entspannung mit Blick auf die Hofburg und das Burgtheater. Nur wenige ahnen jedoch, dass dieser erste öffentliche Park in der Metropole Österreichs an der Stelle militärischer Befestigungen entstand, Zeuge der Napoleonischen Kriege war und seine Existenz erst durch den Zerfall des mächtigen Reiches, das ihn schuf, gerettet wurde. Seine Geschichte ist die Geschichte einer Transformation von einer militärischen Festung zu einem Symbol der Zivilgesellschaft.
Dort, wo heute Hunderte von Rosen blühen und Besucher den antiken Tempel bewundern, standen über Jahrhunderte mächtige Verteidigungswälle und Bastionen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war dieses Gebiet ein entscheidender Bestandteil der Wiener Befestigungsanlagen. Die strategische Bastion, bekannt als Burgschanze, bewachte den kaiserlichen Palast Hofburg. Ihr Schicksal änderte sich jedoch dramatisch im Jahr 1809, als sie von sich zurückziehenden napoleonischen Truppen in die Luft gesprengt wurde.
Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die Ruinen größtenteils beseitigt waren. Während der anschließenden Rekonstruktion der Befestigungsanlagen entstand die Idee, die das Gesicht der Stadt für immer verändern sollte. Der ursprüngliche Plan war, auf dem freigewordenen Gelände einen exklusiven Privatgarten für die Mitglieder der Habsburger-Dynastie, für die Erzherzoge, zu schaffen. Doch die damalige Hofgartenverwaltung kam mit einem revolutionären Vorschlag: Warum nicht einen Park für das Volk schaffen? Kaiser Franz I. stimmte überraschend zu, und am 1. Mai 1823 öffneten sich die Tore des Volksgartens, also des „Volksgartens“, erstmals für die breite Öffentlichkeit. Es geschah etwas Beispielloses – ein Eigentum des kaiserlichen Hofes wurde für gewöhnliche Bürger zugänglich gemacht.
Strenge Geometrie und antiker Traum im Zentrum Wiens
Der ursprüngliche Entwurf des Parks spiegelte den Geist seiner Zeit wider. Der Architekt Ludwig von Remy und der Hofgärtner Franz Antoine der Ältere entwarfen ein Netz strenger geometrischer Wege. Dieses Design war nicht nur eine ästhetische Wahl; es erleichterte auch den Patrouillen die Überwachung der Besucher und die Aufrechterhaltung der Ordnung im neuen öffentlichen Raum.
Bereits vor der eigentlichen Eröffnung des Parks begann im Herzen des Parks der Bau, der ihn bis heute prägt. In den Jahren 1819 bis 1823 wurde hier nach den Plänen des Architekten Peter von Nobile eine getreue Nachbildung des Theseustempels aus Athen errichtet. Dieser elegante klassizistische Tempel diente nicht nur als Schmuckstück, sondern beherbergte ursprünglich die monumentale Statue des Theseus von Antonio Canova.

Der Park blieb jedoch nicht lange in seiner ursprünglichen Form. Mit dem Abbruch weiterer Teile der Stadtmauern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem monumentalen Bau der Ringstraße wurde der Volksgarten zweimal erweitert. Der Gartenarchitekt Franz Antoine der Jüngere verlieh ihm neues Leben im Stil des französischen Barocks, es wurde ein elegantes Zaun hinzugefügt und 1865 auch ein prächtiger Renaissancebrunnen. Seine massive Schale, aus einem einzigen Stück kostbaren roten Marmors gemeißelt, ist ein Beweis für das Können der damaligen Handwerker.
Vom kaiserlichen Traum der Macht überschattet
Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zogen dunkle Wolken über das Schicksal des Volksgartens auf. Das ehrgeizige Projekt von Kaiser Franz Joseph I., bekannt als „Kaiserforum“, sollte das Zentrum Wiens radikal in ein noch pompöseres Machtzentrum verwandeln. Teil dieses megalomanischen Plans war der Bau eines zweiten, spiegelbildlichen Flügels des Neuen Hofburg-Palastes. Und genau an der Stelle, wo der Volksgarten lag.
Der gesamte Volksgarten, ein Symbol der Offenheit und Zugänglichkeit für alle, sollte dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für eine weitere Demonstration kaiserlicher Pracht zu schaffen. Die Pläne waren fertig und das Schicksal des Parks schien besiegelt. Die Rettung kam von unerwarteter Seite – der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 und der anschließende Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie im Jahr 1918 begruben das Projekt Kaiserforum für immer.
Dank dieser historischen Ironie können wir heute am Heldenplatz einen faszinierenden Kontrast beobachten. Auf der einen Seite steht die monarchistische, pompöse Architektur der Hofburg und auf der anderen Seite die Symbole der entstehenden Republik – das Parlament und der Volksgarten, der Garten für das Volk, der den Sturz seiner Schöpfer überlebt hat.
Vermächtnis für die Zukunft geschützt
Nach dem Ende der Monarchie ging der Park vom Eigentum des kaiserlichen Hofes in den Besitz der neu gegründeten Republik Österreich über. Heute gehört er zu den sieben Bundesgärten, die den Stolz des Landes ausmachen. Seine historische und kulturelle Bedeutung wurde 2000 offiziell bestätigt, als das gesamte Areal zum geschützten Denkmal erklärt wurde. Ein Jahr später wurde er, als Teil des historischen Zentrums von Wien, auch Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.
Der Volksgarten ist somit nicht nur ein gewöhnlicher Park. Er ist ein lebendiges Chronik der Wiener Geschichte – von der befestigten Stadt über aufklärerische Ideen, die Ära des großartigen Bauens bis hin zum Fall des Imperiums und der Geburt der Demokratie. Es ist ein Ort, an dem Geschichte auf Gegenwart trifft und wo das Erbe „Garten für alle“ seit zweihundert Jahren fortbesteht.
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Quelle: https://www.wien.info/de/lebenswertes-wien/parks-gruenflaechen/volksgarten-955820 Foto: https://upload.wikimedia.org/












