Eine Insel zwischen den Strömungen: Brigittenau

Der wahre Puls der Stadt ist oft dort zu spüren, wo die Geschichte nicht mit einer goldenen Feder geschrieben wurde, sondern eher durch die Hände von Arbeitern und Ingenieuren. Der 20. Wiener Bezirk, Brigittenau, ist ein faszinierendes Beispiel für ein Stadtviertel, das buchstäblich „aus dem Wasser erhoben“ wurde. Diese künstlich geschaffene Insel zwischen der Donau und dem Donaukanal durchläuft heute die größte Transformation seit einem Jahrhundert und sucht ihre neue Identität zwischen einer betonierten Vergangenheit und einer grünen Zukunft.
Vor anderthalb Jahrhunderten hätten Sie an der Stelle der heutigen dicht bebauten Straßen nur unbewohnbare Wiesen, tote Flussarme und Auwälder gefunden. Brigittenau ist das Kind der großen Donau-Regulierung von 1868 bis 1875. In dieser Zeit zähmte der Mensch den wilden Fluss endgültig und schuf „neues Land“. Hinweise auf diese Zeit sind im Bezirk bis heute präsent – viele Straßen tragen die Namen von Mitgliedern der Kommission, die für die Regulierung verantwortlich war.
Historisch gehörte dieses Gebiet, bekannt als „Werd“ (Insel), zu dem benachbarten Leopoldstadt. Im Jahr 1900 wurde Brigittenau jedoch auf Wunsch der lokalen Politiker in der Ära des Bürgermeisters Karl Lueger selbstständig. Es war nicht nur ein administrativer Akt; es war ein Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins des Viertels, das durch die Eisenbahn und die Industrie zum Motor Wiens wurde.
Architektur der Kontraste: Von Otto Wagner bis zum Millennium Tower
Brigittenau hat kein klassisches historisches Zentrum. Dennoch finden wir hier architektonische Meisterwerke von Weltrang. Am nördlichen Rand des Bezirks steht das Nussdorfer Wehr – ein monumentales Wehranlage von Otto Wagner, das den Eingang zum Donaukanal bewacht. Wagner bewies hier, dass auch ein rein funktionales technisches Bauwerk die Zeichen hohen Ästhetizismus der Sezession tragen kann.
Am anderen Ende der Zeitachse steht der Millennium Tower. Als er 1999 fertiggestellt wurde, war er mit seinen 202 Metern das höchste Gebäude Österreichs. Dieser Wolkenkratzer bei der Station Handelskai veränderte die Stadtansicht und brachte modernen Geschäft und Kommerz in das Arbeiterviertel. Zwischen diesen beiden Extremen befinden sich umfangreiche Gemeindebauten, wie zum Beispiel der Friedrich-Engels-Platz, die ein Symbol für das „Rote Wien“ und den Versuch um würdiges Wohnen für die Arbeiterklasse sind.
Soziale Mosaik und das Phänomen der Gentrifizierung
Brigittenau wurde immer als Arbeiterviertel wahrgenommen. Dieses Etikett brachte ihm Authentizität, aber auch ein gewisses soziales Spannungsfeld. Mit einem Ausländeranteil, der vor Jahren bereits die Grenze von 26 % überschritt, ist es einer der vielfältigsten Winkel der österreichischen Metropole. In den Straßen rund um den Hannovermarkt – dem größten Marktplatz des Bezirks – vermischen sich die Düfte des Balkans, der Türkei und des traditionellen Wiens.
Im letzten Jahrzehnt entdeckt jedoch die Mittelschicht und Studenten Brigittenau. Das Phänomen der Gentrifizierung ist besonders sichtbar rund um den Wallensteinplatz oder die Universumstraße. Einst günstige Wohnungen in Mietskasernen aus der Jahrhundertwende verwandeln sich in lukratives Wohnen, und alte Wirtshäuser werden durch moderne Cafés und Co-Working-Spaces ersetzt. Im Jahr 2017 wurde hier sogar das größte Studentenheim Wiens eröffnet, was dem Bezirk neue Energie von Tausenden junger Menschen bringt.
Dunkle Schatten der Karajangasse und Heldentum in der Stille
Die Geschichte des 20. Bezirks hat auch ihre tragischen Kapitel. Im revolutionären Jahr 1848 wurde der demokratische Politiker Robert Blum in den örtlichen Wäldern hingerichtet, was das Ende der Hoffnungen auf die damalige liberale Transformation der Monarchie vorwegnahm. Noch tiefere Narben hinterließ die Ära des Nationalsozialismus. Das Gebäude des Gymnasiums in der Karajangasse diente 1938 als erster Sammelpunkt für jüdische Bürger vor ihrem Transport in Konzentrationslager. Unter den Inhaftierten war auch der spätere legendäre Kanzler Bruno Kreisky.
Andererseits ist Brigittenau die Heimat von Geschichten über unglaublichen Mut. Anton Schmid, ein lokaler Radiohändler, der während des Krieges als Soldat in Litauen Hunderte von Juden vor dem Tod rettete, wurde 1942 von den Nazis hingerichtet. Heute wird er im Bezirk durch eine Promenade und eine Gedenktafel als „Gerechter unter den Völkern“ erinnert.
Verkehrsader, die aus Beton atmet
Wenn etwas Brigittenau definiert, dann ist es die Bewegung. Mehr als 32 % der Fläche des Bezirks entfallen auf Verkehrsflächen, was eine der höchsten Zahlen in der Stadt ist. Durch den Bezirk verläuft die Schlüsselader Schnellbahn, die U-Bahn-Linie U6 und unzählige Straßenbahnlinien. Brücken sind für diese „Insel“ lebenswichtig – sei es die historische Floridsdorfer Brücke oder die moderne Brigittenauer Brücke.
Diese hohe Industrialisierungs- und Verkehrsrate hat jedoch ihren Preis. Brigittenau leidet unter einem Mangel an Grünflächen. Mit einem Anteil von Parks von knapp 8 % gehört es zu den grauesten Teilen Wiens. Stadtplaner versuchen, dies durch Projekte wie „Urban Gardening“ in der Hellwagstraße oder den Ausbau von Radwegen entlang der Donau zu kompensieren.
Grüne Mitte: Vision für 2035
Die Zukunft des 20. Bezirks wird derzeit auf 44 Hektar des ehemaligen Güterbahnhofs Nordwestbahnhof geschrieben. Es handelt sich um das letzte große Entwicklungsgebiet in der Nähe des Stadtzentrums. Bis 2035 soll hier ein neues Viertel für 16.000 Einwohner entstehen. Ein zentrales Element des Projekts ist die „Grüne Mitte“ – ein zehn Hektar großer Park, der endlich die fehlenden Lungen in den Bezirk bringen soll. Das Konzept zur Nutzung alter Eisenbahnstrecken wurde vom berühmten High Line Park in New York inspiriert.
Das Ende einer Ära?
Politisch war Brigittenau jahrzehntelang eine unerschütterliche Bastion der Sozialdemokratie (SPÖ). Die Arbeiteridentität des Bezirks spielte der linken Politik natürlich in die Hände. Doch die 90er Jahre brachten einen Bruch und einen massiven Anstieg der Popularität der Freiheitlichen (FPÖ), die hier zeitweise ihre besten Wiener Ergebnisse erzielten.
Heute ist die politische Karte viel bunter. Obwohl die SPÖ die Führung behält, rücken die Grünen, die Liberalen von NEOS und sogar rezessistische Gruppierungen wie die Bierpartei in den Vordergrund. Dieser Wandel spiegelt den demografischen Wandel des Bezirks wider – von einem homogenen Arbeiterviertel zu einem multikulturellen Knotenpunkt mit einem wachsenden Anteil an gebildeter junger Bevölkerung.
Mehr als nur eine Transitzone
Brigittenau litt lange unter dem Ruf eines Ortes, durch den man nur auf dem Weg ins Zentrum oder nach Floridsdorf hindurchgeht. Doch heute ändert sich dieser Blick. Es ist ein Bezirk, der die Rauheit der industriellen Geschichte mit der Eleganz moderner Architektur verbindet. Es ist ein Ort, an dem man morgens auf dem orientalischen Markt einkaufen, nachmittags am Ufer der Donau radeln und abends in einem Café diskutieren kann, das vor ein paar Jahren noch eine vernachlässigte Werkstatt war.
Die Transformation Brigittenaus ist ein Symbol für das moderne Wien – eine Stadt, die ihre Geschichte schätzt, sich aber nicht scheut, ihr Gesicht radikal zu verändern, um auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet zu sein. Ob es jedoch gelingt, den sozialen Frieden und die Authentizität des Viertels auch nach dem Bau luxuriöser Residenzen anstelle der alten Gleise zu bewahren, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
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Verwendete Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Brigittenau
Illustrationsfoto: Von Paul Korecky – 2017-07-21 AT Wien 20 Brigittenau, Donaukanal @ Friedensbrücke, Blue Danube 30000186, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=110739374
Autor: Boris Zima
Mail: boris.zima@viedencan.at












