Operation Wien 2026: Die Österreicher haben enthüllt, wie sie die größte Fernsehsendung der Welt meistern wollen

Der 70. Jubiläumsjahrgang des Eurovision Song Contest wird nicht nur um Musik gehen. Wien, das im Frühjahr 2026 zur Hauptstadt der europäischen Popkultur wird, verspricht eine Verbindung imperialer Geschichte mit technologischer Gegenwart. ORF hat Details zur visuellen Gestaltung, zur Logistik für Tausende von Menschen und zur Rückkehr zu dem Format enthüllt, nach dem die Fans seit Jahren rufen.

Bis zum ersten Ton des Eröffnungshalbfinales bleibt es weniger als ein halbes Jahr. Genau 175 Tage vor dem Start einer der meistgesehenen Fernsehsendungen der Welt, dem Eurovision Song Contest (ESC), hat der österreichische Rundfunk ORF seine Karten aufgedeckt. Generaldirektor Roland Weißmann ließ bei einem Briefing am Dienstag keine Ambitionen verborgen: Das Ziel ist nicht nur, die Übertragung zu „übertragen“, sondern ein europaweites Erlebnis zu schaffen, das auf Gemeinschaft basiert.

Die Organisation der Veranstaltung, die jedes Jahr fast 200 Millionen Zuschauer vor die Fernseher zieht, ist jedoch vor allem eine gigantische logistische und technologische Operation. Wien, das den Wettbewerb zuletzt 2015 ausgerichtet hat, muss sich diesmal den Erwartungen stellen, die mit dem runden 70. Jubiläum des Wettbewerbs verbunden sind.

Von digitalen Tricks zu Papierpostkarten

Eines der am meisten diskutierten Elemente des Eurovision Song Contests sind die sogenannten „Postkarten“ – kurze Visitenkarten, die die Zeit zwischen den einzelnen Auftritten füllen, während Techniker die Kulissen auf der Bühne umstellen. In den letzten Jahren haben wir verschiedene Experimente gesehen, aber Wien hat sich 2026 für einen interessanten Hybrid entschieden.

Es kommt mit einem Konzept, das man als „erweiterte Realität mit österreichischem Handwriting“ bezeichnen könnte. Die Macher setzen nicht nur auf klassische Aufnahmen von Bergen und Seen. Künstler, deren Aufnahmen im Studio gedreht werden, werden mithilfe von Bildüberlagerung in reale österreichische Außenbereiche eingefügt.

Die Zuschauer werden so sehen, wie die Interpreten in einer verkleinerten „Mikro-Version“ durch den Wald wandern und riesige Pflanzen bewundern oder wie sie in einer Seilbahn über schneebedeckte Alpenkämme schweben. Damit die Organisatoren die Vielfalt des Landes einfangen können, sind die Teams seit Oktober im Gelände – Österreich wird sein Gesicht über alle Jahreszeiten hinweg zeigen.

Interessant ist jedoch der historische Bezug, den ORF in das Konzept eingebaut hat. Wenige wissen, dass die Postkarte – der Vorläufer der heutigen Postkarte – 1868 von dem Österreicher Emanuel Herrmann erfunden wurde. Zu Ehren dieses Erbes werden die digitalen Visitenkarten auch in einer realen, gedruckten Form existieren, die Besucher kaufen und in die Welt senden können. Es handelt sich um einen durchdachten Marketingzug, der moderne Technologie mit der Nostalgie der physischen Post verbindet.

Hunderte von Freiwilligen und „Stand-Ins“ gesucht

Was der Zuschauer auf dem Bildschirm sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Der reibungslose Ablauf der Veranstaltung in der Wiener Stadthalle wird von Hunderten unsichtbarer Helfer abhängen. Der ausführende Produzent Michael Krön hat die Einleitung einer massiven Rekrutierung von Freiwilligen angekündigt.

Ab dem 1. Dezember wird ein Registrierungssystem für 800 Freiwillige eröffnet, die von Ende April bis Mitte Mai im Einsatz sein werden. Ihre Aufgaben werden von der Arbeit im Pressezentrum über die Unterstützung der Delegationen bis hin zur Navigation der Fans am Flughafen oder vor dem Rathaus reichen. Für viele junge Menschen ist dies eine Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen der globalen Produktion zu werfen, auch wenn es oft eine anspruchsvolle Arbeit ohne finanzielle Entlohnung ist, die nur durch einzigartige Erfahrungen ausgeglichen wird.

Noch interessanter ist die Situation rund um die sogenannten „Stand-Ins“. Dabei handelt es sich um professionelle Ersatzdarsteller, die für technische Proben dienen. Bevor die echten Stars auf die Bühne treten, müssen Beleuchter und Kameraleute jeden Shot genau einstellen. Dafür sind genau diese Performer zuständig.

Das Interesse ist enorm – die Organisatoren haben bereits 1.600 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten. Nur eine Handvoll wird das Auswahlverfahren überstehen. Zu den Castings werden 680 Tänzer und 120 Sänger eingeladen, aus denen schließlich eine Elite von dreißig ausgewählt wird. Diese Personen müssen in der Lage sein, die Choreografie und den Gesang der Teilnehmer perfekt nachzuahmen, damit der Regisseur der Übertragung ein treues Bild der Finalshow sieht.

Die Österreicher wählen wieder selbst

Eine grundlegende Änderung im Vergleich zu den vorherigen Jahren ist der Zugang zur Auswahl des heimischen Vertreters. Nach Jahren interner Nominierungen, die von der Öffentlichkeit oft wegen Intransparenz kritisiert wurden, kehrt ORF zu einem offenen Format zurück.

Unter dem Titel „Vienna Calling – Wer singt für Österreich?“ findet am 20. Februar 2026 das große Fernsehfinale statt. Wer die Farben des Gastgeberlandes vertreten wird, entscheidet eine Kombination aus Jury- und Zuschauerabstimmung.

Das Interesse der Musiker hat selbst die Organisatoren überrascht – es sind mehr als 500 Bewerbungen aus allen Genres eingegangen, von Oper über Pop bis hin zu Heavy Metal. Das Redaktionsteam steht nun vor der schwierigen Aufgabe, zwölf Finalisten auszuwählen. Die Moderation übernehmen ein Duo, das der Eurovision nahe steht: Alice Tumler, die die Wiener Eurovision 2015 moderierte, und Cesár Sampson, der für Österreich 2018 in Lissabon einen großartigen dritten Platz sang.

Der Ticketverkauf rückt näher

Für die Fans ist jedoch die wichtigste Nachricht der Termin für den Ticketverkauf. Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre und dem Chaos, das oft den Ticketverkauf für große Konzerte begleitet, haben EBU und ORF ein mehrstufiges System eingeführt. Dieses wird eine Phase der Registrierung, Verifizierung und anschließenden Verkaufsphase umfassen, um das Wirken automatisierter Bots und Händler zu verhindern.

Details zu Preisen und dem genauen Verfahren versprechen die Organisatoren am 24. November bekannt zu geben. Angesichts der Kapazität der Stadthalle und der enormen Nachfrage ist zu erwarten, dass das System einem enormen Ansturm ausgesetzt sein wird.

Die Eurovision 2026 in Wien zeichnet sich somit nicht nur als Musikwettbewerb ab, sondern auch als Test für die Fähigkeit Österreichs, eine moderne, umweltfreundliche und technologisch fortschrittliche Veranstaltung zu organisieren, die ihre Geschichte ehrt, aber gleichzeitig in die Zukunft blickt. Ob es ihnen gelingt, das Motto des „Verbindens“ zu erfüllen, werden wir im Mai sehen.

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Quelle: ORF / Stadthalle Wien / Stadt Wien Foto: Evita Ven