Mythos, Staub und Skandale: Wie das Wiener Burgtheater die europäische Kultur prägte

Als im Mai 1748 die ersten Töne von Glucks Oper im hastig umgebauten Saal des ehemaligen kaiserlichen Ballhauses am Wiener Michaelerplatz erklangen, ahnte kaum jemand, dass hier gerade eines der einflussreichsten Kulturmonumente des Kontinents geboren wurde. Der Weg des österreichischen Theaters Burgtheater vom kaiserlichen Launenhaus zur prestigeträchtigen Bühne, auf der bis heute hohe Kunst mit scharfer Politik verwoben ist, war jedoch nicht nur mit Applaus auf offener Bühne gepflastert. Es ist eine Geschichte voller architektonischer Rivalitäten, verheerender Brände, Zensur, politischer Provokationen und unerbittlicher finanzieller Abstürze.
Der erste entscheidende Meilenstein in der Geschichte der Bühne kam mit der Entscheidung von Kaiser Joseph II., der 1776 das Theater zum „Deutschen Nationaltheater“ erklärte. Der aufgeklärte Monarch hatte jedoch eine recht eigentümliche Vorstellung von der Aufgabe der Kunst. Laut seiner Verordnung durften die Stücke nicht tragisch enden, damit die hohe Aristokratie die Vorstellungen nicht in schlechter Stimmung verließ. Klassische Dramen, einschließlich Shakespeares Hamlet oder Romeo und Julia, mussten daher verpflichtend bearbeitet und mit dem sogenannten „Wiener Schluss“ – also einem erzwungenen Happy End – versehen werden.
Monument an der Ringstraße
Der wahre architektonische und gesellschaftliche Bruch kam jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Wien durch den Abriss der Stadtmauern zu einer modernen Metropole transformiert wurde. Das neue repräsentative Gebäude an der prestigeträchtigen Ringstraße wurde von dem renommierten Architektenpaar Gottfried Semper und Karl von Hasenauer entworfen. Der Bau im Stil der Neorenaissance dauerte lange vierzehn Jahre (1874 – 1888) und war von persönlichen Streitigkeiten zwischen den Schöpfern begleitet.
Als das Gebäude im Oktober 1888 feierlich eröffnet wurde, bezauberte es die Besucher mit seinem Staub von ungewöhnlichen Dekorationen. Die Besucher bewundern bis heute die monumentalen Deckenmalereien in den Treppenhäusern, die der damals noch junge Maler Gustav Klimt zusammen mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch geschaffen hat. Kaiser Franz Joseph I. war von der Zusammenstellung antiker und shakespearescher Szenen so begeistert, dass er dem künstlerischen Trio das Goldene Verdienstkreuz verlieh.
Das Gebäude hatte jedoch von Anfang an mit einem riesigen Problem zu kämpfen: katastrophaler Akustik. Der Zuschauerraum musste bereits 1897 komplett umgebaut werden, damit die Zuschauer in den hinteren Reihen die Schauspieler auf der Bühne überhaupt hören konnten.
Kriegszerstörung und symbolisches Auferstehen aus der Asche
Die dunkle Zeit des Nationalsozialismus hinterließ auf der Bühne eine nie endende Narbe. Nach der Annexion Österreichs im Jahr 1938 wurde das Theater sofort zum Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Das Repertoire unterlag strenger rassistischer Zensur, während jüdische Mitglieder des Ensembles sofortigen Kündigungen, Deportationen und in vielen Fällen einem tragischen Ende in Konzentrationslagern gegenüberstanden.
Die Unversehrtheit der repräsentativen Architektur sollte nicht lange währen. Im April 1945, während der Kämpfe um Wien, wurde das Gebäude bei Luftangriffen getroffen und anschließend von einem massiven Brand erfasst. Von dem berühmten Zuschauerraum und der Bühne blieb nur das verbogene Stahlgerüst übrig. Ein Wunder war jedoch, dass die einzigartigen Klimt-Fresken in den Treppenhäusern erhalten blieben.
Während das verwüstete Gebäude jahrzehntelang restauriert wurde, fand das Ensemble Asyl in den Räumlichkeiten des Varietés Ronacher. Die Rückkehr auf die Heimatbühne an der Ringstraße am 14. Oktober 1955 wurde zu einem nationalen Feiertag und einem der Symbole der nachkriegszeitlichen Erneuerung Österreichs. Die erste Aufführung von Grillparzers Stück König Ottokar, sein Glück und sein Ende wurde von der Gesellschaft als Feier der wiedererlangten staatlichen Unabhängigkeit wahrgenommen.
Sturm namens Peymann: Wenn das Theater den Staat erschüttert
Das Burgtheater war nie nur ein passives nationales Kulturdenkmal; es fungierte immer als Lackmustest für die Stimmungen in der Gesellschaft. Dies zeigte sich am deutlichsten während der Ära des charismatischen und umstrittenen deutschen Regisseurs Claus Peymann, der von 1986 bis 1999 an der Spitze des Theaters stand.
Peymann brachte kompromisslose Modernisierung und politische Provokation in die erstarrten konservativen Verhältnisse. Höhepunkte der Spannungen kamen 1988 mit der Premiere des Stücks Heldenplatz (Platz der Helden) des berühmten Schriftstellers Thomas Bernhard. Das Stück, das kompromisslos mit der Unwilligkeit Österreichs abrechnete, sich seiner eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit zu stellen, löste den größten Skandal in der modernen Geschichte des Landes aus.
Vor dem Gebäude protestierten Tausende von Menschen, während ein konservativer Aktivist sogar einen Haufen Mist vor dem Eingang auskippte. Im Inneren des Saals mischten sich während der Premiere tosende Applaus mit lautem Pfeifen. Doch gerade dieses Ereignis bestätigte endgültig, dass das Burgtheater ein lebendiger und gesellschaftlich unverzichtbarer Raum bleibt, nicht nur ein Museum für Touristen.
Technische Wunder und finanzielle Erdbeben
Technisch gesehen handelt es sich um einen außergewöhnlichen Komplex. Der große Saal fasst heute etwa 1.340 Zuschauer und verfügt über eine Bühne mit einer Fläche von fast 780 Quadratmetern. Ein einzigartiges fünfstöckiges rotierendes Falltürsystem funktioniert nach dem Prinzip des Paternosters und ermöglicht einen schnellen Austausch riesiger Kulissen. Interessant ist auch das historische, einzigartig gestaltete Belüftungssystem, das frische Luft aus dem benachbarten Volksgarten über ein spezielles Bauwerk, das an einen Pilz erinnert, ansaugt.
Neben den künstlerischen Erfolgen blieb das Theater jedoch auch riesigen Krisen nicht verschont. In der Saison 2013/2014 erschütterte ein massiver finanzieller Skandal die Institution. Ermittlungen deckten jahrelange Buchhaltungsmanipulationen, unbezahlte Schulden und geheime Fonds auf, die zur sofortigen Entlassung der damaligen kaufmännischen Leitung sowie des künstlerischen Leiters Matthias Hartmann führten. Die Verluste überstiegen die Grenze von 8 Millionen Euro, und das Renommee der Bühne wurde erst durch die nachfolgende Direktorin Karin Bergmann gerettet, die es schaffte, die finanzielle Situation zu stabilisieren und den internationalen Respekt zurück auf die Bühne zu bringen.
Phänomen des Wiener Publikums
Die Beziehung der Wiener zu „Burgu“, wie das Theater zu Hause kurz genannt wird, grenzt an eine heilige Verehrung. Die Schauspieler dieses Ensembles wurden in der Vergangenheit nicht als gewöhnliche Angestellte wahrgenommen, sondern als „Schauspieler Seiner Majestät“. Damit verbunden war auch das einzigartige, fast zweihundertjährige Verbot des Verbeugens vor dem Vorhang (Vorhangverbot), das bereits 1798 eingeführt wurde. Die Künstler durften sich einfach nicht herablassen, um sich dem einfachen Volk zu verbeugen. Dieses Relikt wurde offiziell erst 1983 aufgehoben.
Ebenso legendär wurde der Begriff Burgtheaterdeutsch – eine spezifisch kultivierte, fast manieristische Sprachäußerung und Diktion, die über Jahrzehnte den Standard der Theaterausprache im gesamten deutschsprachigen Raum bestimmte.
Heute ist das Burgtheater mit seinen Nebenbühnen (Akademietheater, Kasino und Vestibül) ein riesiges Unternehmen, das auf der Basis eines äußerst anspruchsvollen täglichen Wechsels des Repertoires funktioniert. Ab September 2024 übernimmt der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann die künstlerische Leitung. Vor ihm steht die anspruchsvolle Aufgabe, das Gleichgewicht zwischen dem Respekt vor der monumentalen Geschichte und der Notwendigkeit, das Publikum des 21. Jahrhunderts anzusprechen, zu halten. Die Geschichte dieses Theaterpalastes zeigt nämlich deutlich, dass das Burgtheater seine eigene Seele verliert, sobald es aufhört, sein Publikum zu beunruhigen und zu provozieren.
🚀 Všetky rozhovory na jednom mieste!
Máte tip pre Viedenčana? Pošlite nám ho!
Naším cieľom je prinášať vám relevantné a užitočné informácie zo života v Rakúsku. Zameriavame sa predovšetkým na Slovákov vo Viedni a celkovo na Slovákov v Rakúsku, ktorí si zvolili túto krajinu za svoj domov. Ak máte námet na článok, dôležitú informáciu, príbeh z praxe, alebo sa chcete podeliť o svoje skúsenosti s prácou či životom v Rakúsku, neváhajte sa s nami spojiť! Vaše tipy sú pre nás cenné a pomáhajú nám tvoriť obsah, ktorý skutočne zaujíma a pomáha našim čitateľom.
Napíšte nám na redakcia@viedencan.at alebo použite WhatsApp na čísle +43 660 6098140. Tešíme sa na vaše správy!
Páčil sa Vám článok?
Tvorba a aktualizácia obsahu na Viedenčanovi si vyžaduje veľa hodín rešeršovania a písania. Podporte našu prácu pri tvorbe obsahu pre Slovákov v Rakúsku kúpou predplatného. Každá podpora nás motivuje pokračovať ďalej. Ďakujeme! ❤️ S pozdravom Boris, Eva a Janka – Viedencan.at
Tri flexibilné cesty k podpore
Pre našich verných čitateľov sme pripravili Viedenčan+ – prémiovú službu pre čítanie bez kompromisov.
Rok bez reklám (9,99 €):
Nerušené čítanie: Obsah bez komerčných plôch a sponzorovaných odkazov. Sústreďte sa len na to podstatné.
Mesačné predplatné (3,99 €):
Štandardná mesačná platba ponúka plný prístup ku všetkým výhodám. Tento balík neobsahuje žiadnu viazanosť a predplatiteľ ho môže kedykoľvek jednoducho zrušiť v nastaveniach svojho účtu.
Ročné predplatné (29,90 €):
Kupón OKTOBER: Zľava až 50 % na ročné predplatné!
✅ Čítanie bez reklám: Už žiadne bannery ani vyskakovacie okná. Sústreďte sa len na obsah.
🔒 Neobmedzený prístup: Odomknite všetky uzamknuté prémiové a archívne články.
📰 Exkluzívny obsah: Čítajte vybraný nový obsah skôr, ako bude prístupný pre verejnosť.
❤️ Priama podpora: Pomôžte nám budovať silnú a nezávislú redakciu.
Viac o predplatnom nájdete tu: https://viedencan.at/plus/, alebo tu: Viedenčan+: Nová možnosť, ako nás podporiť
Verwendete Quellen:
Illustrationsfoto: Von C.Stadler/Bwag – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91676687
Autor: Boris Zima
Mail: boris.zima@wiener.at












