Der Liesingbach verwandelt sich in einen wilden Fluss mit schwimmenden Gärten

Graue Betonkanäle, die im letzten Jahrhundert schnell und sicher Wasser aus den Städten abführen sollten, verwandeln sich heute unter dem Einfluss des Klimawandels in eine Falle. In heißen Sommern speichern sie Wärme, zerstören das lokale Ökosystem und erhöhen paradox bei Starkregen das Risiko von Blitzfluten. Wien hat sich daher vor einiger Zeit für einen radikalen Schritt entschieden – den städtischen Gewässern ihr ursprüngliches, wildes Gesicht zurückzugeben.

Das Flaggschiff dieser Transformation ist die Revitalisierung des Liesingbachs im Süden der österreichischen Metropole. Dieses massive Projekt, das den Hochwasserschutz mit Klimaanpassung und der Wiederherstellung der Biodiversität verbindet, befindet sich derzeit in der finalen Phase. Wir haben untersucht, wie österreichische Ingenieure schwere Bautechnik mit sensibler ökologischer Gestaltung kombinieren und warum auch die Slowakei von ihrem Ansatz lernen kann.

Wenn die Natur zurück unter die U-Bahn-Gleise kommt

Die Wiederherstellung des Liesingbachs ist keine gewöhnliche Parkgestaltung. Es handelt sich um einen äußerst komplexen ingenieurtechnischen Eingriff direkt in einer dicht bebauten städtischen Struktur. Der aktuelle Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf dem sogenannten Bauabschnitt Nummer zwei, der fast drei Kilometer misst. Trotz der anspruchsvollen Bedingungen, unter denen die Baumaschinen unter mehreren Straßenbrücken und sogar unter der massiven Hochbahnbrücke der U6 hindurchfahren mussten, ist es den Bauarbeitern gelungen, bereits 2,3 Kilometer dieses Abschnitts fertigzustellen.

An den Stellen, wo vor einem Jahr nur fade Beton- und Steinblöcke lagen, beginnt heute üppige Vegetation zu wachsen. Die Erfahrungen aus bereits abgeschlossenen Phasen (Abschnitte eins und vier) zeigen, dass die Natur auf die Befreiung vom Beton überraschend schnell reagiert. In diesen Bereichen haben Gärtner über 250 ausgewachsene Bäume und Hunderte von Sträuchern gepflanzt. Ein maßgeblicher Faktor für den schnellen Auftritt des natürlichen Ökosystems sind jedoch auch Weidenstecklinge und Pioniergehölze, die schnell die neuen Ufer stabilisieren.

Das Ende gerader Linien. Es kommen Mäander und grüne Inseln

Das Hauptprinzip der modernen Renaturierung von Gewässern ist die Zerschlagung der Monotonie. Wasser braucht Raum, Hindernisse und Struktur. Im Bauabschnitt zwei haben die Planer daher sogenannte Pendelabschnitte eingeplant, die den Fluss zum Mäandrieren zwingen. Die ersten solchen Zonen sind bereits im Bereich Alterlaa entstanden. Anstelle eines geraden Kanals fließt der Liesingbach dort heute über Sand- und Kiesbänke, die ständig die Richtung und Geschwindigkeit des Stroms verändern.

Während schnellere Strömungen für erwachsene Fische wie Forellen oder Schleien geeignet sind, bieten ruhigere Buchten idealen Schutz für Libellenlarven und andere kleine Wasserorganismen. Die ökologische Vielfalt ist entscheidend für das Überleben von Arten, die aus den städtischen Gewässern seit Jahrzehnten vollständig verschwunden sind.

Die Bauteams ziehen derzeit über die Osrambrücke und werden bald mit den Arbeiten in der Umgebung der historischen Mühle Riegermühle beginnen. Dort wird das visuell attraktivste Element der gesamten Etappe entstehen – eine natürliche Flussinsel. Dieser grüne Punkt inmitten des fließenden Wassers wird als streng geschützter Rückzugsort für Vögel und Insekten dienen, wird jedoch dank eines sensibel gestalteten Zugangs teilweise auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Bewohner Wiens werden so einen neuen Raum zur Flucht vor der Sommerhitze gewinnen.

Klimatische Selbstversorgung: Bäume, die Trockenheit überstehen

Einer der größten Feinde städtischer Wasserflächen im Sommer ist die Überhitzung. Warmes Wasser verliert Sauerstoff, was zum Tod von Fischen und zur Überwucherung von Algen führt. Die Lösung des Wiener Magistrats ist die massive Pflanzung von einheimischen, aber gleichzeitig klimafesten Baumarten. Entlang der Ufer des Liesingbachs werden fast 400 neue Bäume gepflanzt – dominierende Arten sind Ahorn, Wildapfel und Silberlinde, die extreme Sommer und Trockenheit gut vertragen.

Diese Bäume werden zusammen mit Weiden und Erlen einen durchgehenden Schatten über der Wasseroberfläche schaffen, wodurch die Wassertemperatur auch an den heißesten Tagen auf einem akzeptablen Niveau gehalten wird. Die ökologische Barriere wird durch mehr als 600 einheimische Sträucher ergänzt, die Nahrung und Nistplätze für Singvögel bieten.

Eine besondere Herausforderung für die Architekten stellte der Standort am Steinsee dar. Die Ufer des Baches sind hier so stark von der umliegenden Bebauung eingeengt, dass für eine klassische Baumplantage kein Platz blieb. Die Wiener Ingenieure griffen daher auf eine innovative Lösung mit dem Namen „Schwebendes Grün“ zurück. Über der Wasseroberfläche wurde ein System aus Stahlseilen installiert, an denen sich Kletterpflanzen entlangziehen werden. Diese werden über der Wasseroberfläche ein hängendes grünes Gewölbe bilden, das den Bach beschattet und das lokale Mikroklima erheblich verbessert, ohne die umliegenden Grundstückseigentümer einzuschränken.

Ökologisches Management direkt auf der Baustelle

Moderne Journalistik und die Öffentlichkeit schauen heute nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch darauf, wie ökologisch der Bau selbst abläuft. Das Wiener Projekt bietet in dieser Hinsicht ein interessantes Beispiel für Kreislaufwirtschaft. Bei der Entfernung des Betonkanals entstehen Tausende Tonnen Steinschutt und alter Pflastersteine. Anstatt dass die Stadt teure und unökologische Transporte dieses Materials zu Deponien außerhalb der Stadt bezahlt, wurden Recyclingstationen direkt vor Ort eingerichtet.

Alte Steine werden direkt auf der Baustelle zerkleinert und in ein ökologisches Substrat umgewandelt, das anschließend wieder auf den Grund des Baches gestreut wird, um einen natürlichen Flussboden zu schaffen. Dieser Schritt hat Tausende Fahrten schwerer Lastwagen durch Wohnviertel eliminiert, wodurch die CO2-Emissionen, der Lärm und der Staub, auf die die Anwohner verständlicherweise empfindlich reagieren, drastisch gesenkt wurden.

Gleichzeitig wurde auch an die Wasserreinheit während Starkregen gedacht. Die erste Welle von Niederschlägen, die Öl, Bremsstaub und andere Verunreinigungen von Wiens Straßen abspült, endet nicht im Bach. Sie wird von einem neugebauten Regenwasserauffangsystem aufgefangen, das dieses kontaminierte Wasser sicher direkt zur zentralen Kläranlage in Simmering leitet. Erst das nachfolgende, saubere Regenwasser kann ungehindert in das revitalisierte Bett fließen.

Milliardenschuld für eine grünere Zukunft

Eine so umfassende Transformation des städtischen Umfelds ist keine günstige Angelegenheit. Die Gesamtkosten für das Projekt zur Wiederherstellung des Liesingbachs, einschließlich des Baus des riesigen Rückhaltebeckens Gelbe Haide, belaufen sich auf etwa 85 Millionen Euro. Die Finanzierung wird auf mehrere Partner verteilt – den größten Anteil trägt die Stadt Wien, die etwa 67 Millionen Euro investiert. Die restlichen 18 Millionen Euro werden vom österreichischen Ministerium für Klima und Wasserwirtschaft durch staatliche Zuschüsse für ökologische Projekte gedeckt.

Obwohl diese Summe astronomisch erscheinen mag, argumentiert der Wiener Magistrat mit einfacher Mathematik. Investitionen in Hochwasserschutz und die Abkühlung der Stadt sind um ein Vielfaches niedriger als die Schäden, die durch Jahrhundertfluten oder Hitzewellen in einer überhitzten Betonstadt entstehen würden. Der Liesingbach wird nach der Fertigstellung problemlos auch Jahrhundertwasser (HQ 100) bewältigen, während er den Bewohnern anstelle eines unansehnlichen Kanals eine moderne Freizeitzone direkt vor der Haustür bietet. Wien zeigt somit erneut, dass Investitionen in blau-grüne Infrastruktur kein Luxus, sondern eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben von Städten im 21. Jahrhundert sind.

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Verwendete Quellen:

Stadt Wien

Illustrationsfoto: Copyright Stadt Wien / Martin Votava