Khleslplatz und Rothenburgstraße: Das Herz von Wien, das Jahrhunderte überdauert hat

​Stellen Sie sich vor, Sie gehen die belebte Wiener Straße Hetzendorfer Straße entlang. Um Sie herum fahren moderne Autos, Straßenbahnen, und die Geräusche der Großstadt sind zu hören. Plötzlich teilt sich die Straße, und Sie befinden sich in einer Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist. Willkommen am Khleslplatz und der angrenzenden Rothenburgstraße – an Orten, die eine lebendige Zeitmaschine sind und ein perfektes Beispiel dafür, wie Wien aussah, bevor es zur modernen Metropole wurde.

Dieser malerische Winkel im 12. Wiener Gemeindebezirk, konkret im historischen Teil Altmannsdorf, gehört zu den wertvollsten urbanistischen Juwelen ganz Österreichs. Lassen Sie uns gemeinsam in seine reiche Geschichte eintauchen, von den mittelalterlichen Wurzeln über die architektonischen Kostbarkeiten der Pfarre bis hin zur stürmischen Entwicklung der lokalen Bildung im turbulenten 20. Jahrhundert.

​Mittelalterliches Unikat: Ein Dreieck, das ein Jahrtausend überdauert hat

​Um die städtebauliche Einzigartigkeit des Khleslplatzes vollständig zu verstehen, müssen wir in den historischen Quellen bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts zurückgehen. In dieser Zeit entstand die spezifische räumliche Anordnung, die diesen Platz bis heute definiert – in der Fachsprache der Stadtplanung bekannt als Dreieckangerplatz – ein dreieckiger Platz. Im Mittelalter waren ländliche Siedlungen nicht auf den Zeichentischen von Architekten geplant, sondern wurden durch die reine Praktikabilität des täglichen Lebens geprägt.

Die dreieckige Form des zentralen Raumes diente den örtlichen Landwirten zu sehr spezifischen Zwecken, wie dem morgendlichen Versammeln des Viehs vor der Weide, der Organisation von Märkten oder der Verteidigung des Dorfes. Während die meisten dieser mittelalterlichen Strukturen in Europa der späteren modernen Bebauung, der Erweiterung von Straßen und der Sanierung zum Opfer fielen, hat der Khleslplatz seine klare dreieckige Form über 900 Jahre hinweg bewahrt. Heute durchschneidet er buchstäblich die lange Straße Hetzendorfer Straße, die sich vor dem Platz sanft teilt und hinter ihm wieder vereint.

​Vom Kirchenplatz zum Kardinal: Wie der Platz seinen Namen erhielt

​Über viele Jahrhunderte wurde dieser Ort in amtlichen Dokumenten und in der Sprache der Bewohner einfach Kirchenplatz genannt, was logisch aus der Präsenz des örtlichen Tempels abgeleitet wurde. Alles änderte sich jedoch grundlegend am Ende des 19. Jahrhunderts, als Altmannsdorf 1892 offiziell in das schnell wachsende Wien integriert wurde. Da es in dem damaligen großen Wien bereits mehrere doppelte Kirchenplätze gab, war es notwendig, für diesen einzigartigen Raum einen neuen und unverwechselbaren Namen zu finden.

Am 5. Juli 1894 beschloss der Gemeinderat, diesen Punkt in Khleslplatz umzubenennen. Seinen neuen Namen trägt er nach einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Figuren der österreichischen Kirchengeschichte – Melchior Khlesl (1552–1630). Dieser Wiener wurde Bischof, Kardinal und Hauptarchitekt der Gegenreformation und hielt als Reichskanzler und engster Berater von Kaiser Matthias II. die immense politische Macht fest in der Hand.

​Architektonische Synergie: Kirche, Schloss und Pfarrhaus

​Khleslplatz ist nicht nur ein leerer Raum auf der Karte von Meidling; es ist ein architektonisch perfekt komponiertes Ensemble historischer Gebäude, die visuell und funktional harmonieren. Die Hauptdominante ist die römisch-katholische Kirche St. Oswald – Altmannsdorfer Kirche. Dieses ursprünglich mittelalterliche Sakralgebäude wurde in der Vergangenheit mehrfach zerstört, insbesondere während der verheerenden zwei türkischen Belagerungen Wiens, doch seine heutige elegante klassizistische Form mit dem typischen schlanken Turm erhielt es an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Direkt neben der Kirche erstreckt sich das Schloss Altmannsdorf – Altmannsdorfer Schloss, das ursprünglich als mittelalterlicher Adelssitz diente und später in den Besitz des Augustinerordens überging. Im 19. Jahrhundert wurde es von wohlhabenden Wiener Bürgern für industrielle Zwecke erworben und dient heute als Bildungseinrichtung – Renner-Institut. Der dritte Pfeiler ist das Pfarrhaus am Khleslplatz 11, ein eingeschossiges barock-klassizistisches Gebäude mit einem massiven Tor, das über Jahrhunderte das Zentrum der geistlichen Verwaltung der gesamten Region war.

​Im geheimnisvollen Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Fall der Monarchie, erlebte dieses Pfarrhaus an der Nummer 11 äußerst schwierige Zeiten. Während ganz Wien unter enormem Nahrungsmangel, Hyperinflation litt und das umliegende Arbeiter-Meidling sich zur politischen Bastion der sozialistischen Bewegung unter dem Namen „Rotes Wien“ wandelte, blieb dieser Ort eine stabile Insel christlicher Wohltätigkeit. In der Pfarre wurde damals dringende humanitäre Hilfe für arme Witwen, Waisen und Kriegsinvaliden organisiert.

Vor ihren schweren Holztoren auf dem Platz rumpelten weiterhin Pferdewagen, die frisches Gemüse von den Altmannsdorfer Feldern brachten, da dieses Gebiet ein wichtiger landwirtschaftlicher Versorger für die großen städtischen Märkte war. Die Menschen lebten hier in großer Bescheidenheit, doch die geistliche Unterstützung der Pfarre half ihnen, die Nachkriegs Krise zu überwinden und alte Traditionen des Vorstadtlebens aufrechtzuerhalten.

​Rothenburgstraße: Der Weg zur Bildung und ein kaiserliches Geschenk

​Direkt von den Mauern des Schlosses Altmannsdorf am nordöstlichen Rand des Khleslplatzes erstreckt sich die Rothenburgstraße, deren Geschichte eine Nabelschnur zur örtlichen Pfarre bildet. Die Straße wurde am 1. März 1906 offiziell nach Sebastian Sonner von Rothenburg benannt. Dieser einflussreiche kaiserliche Forstmeister und Kammerherr des 17. Jahrhunderts hatte den hiesigen Schlossvorhof gepachtet und machte einen entscheidenden Schritt für die Entwicklung der Gemeinde, als er großzügig drei Joch eigener Grundstücke für den Bau der ersten stabilen Altmannsdorfer Kirche spendete.

Das Pfarramt von Khleslplatz 11 verwaltete anschließend ab 1906 offiziell die Kirchenmatriken, Taufen und Hochzeiten für alle Bewohner dieser neu entstandenen Straße. Das bedeutendste und größte Objekt direkt an dieser Adresse wurde jedoch die Volksschule (Volksschule) in der Rothenburgstraße 1, die als Reaktion auf die demografische Explosion Wiens erbaut wurde.

​Bau mit Hindernissen (1904 – 1905)

​Die ursprüngliche alte Schule in der nahegelegenen Hetzendorfer Straße war am Ende des 19. Jahrhunderts weder kapazitätsmäßig noch hygienisch für die wachsende Zahl von Kindern ausreichend. Der Wiener Gemeinderat genehmigte daher das Budget für den Bau eines neuen, repräsentativen dreigeschossigen Gebäudes direkt an der Ecke der Rothenburgstraße. Die eigentlichen Erdarbeiten begannen feierlich am 2. Januar 1905, doch die Arbeiter stießen sofort auf ein ernstes Problem in Form eines hohen Grundwasserspiegels, für den Altmannsdorf historisch bekannt war.

Die Architekten mussten die Baupläne kurzfristig anpassen und die tiefen Fundamente der Schule vollständig aus dem damals innovativen wasserfesten Beton gießen, um das Eindringen von Feuchtigkeit in die Klassenräume zu verhindern. Dank enormen Einsatzes gelang es, den Bau in Rekordzeit abzuschließen, und bereits am 18. September 1905 begann der reguläre Unterricht.

​Strenge Trennung in den Klassen

​In der Zeit um 1920 unterlag der Bildungsprozess strengen gesellschaftlichen und moralischen Regeln, was eine strikte Trennung des Gebäudes nach Geschlecht der Schüler bedeutete. Die Knabenschule (Knabenvolksschule) belegte die Räume im Erdgeschoss und im zweiten Stock, wobei sie vor dem Krieg von über 300 Jungen besucht wurde. Im Gegensatz dazu hatte die Mädchenschule (Mädchenvolksschule) das gesamte erste Stockwerk reserviert und bot Bildung für mehr als 375 Mädchen an. Der tägliche Unterricht und die moralische Erziehung der Kinder waren in dieser Zeit eng mit der nahegelegenen Pfarre am Khleslplatz verbunden, da die überwiegende Mehrheit der eingeschriebenen Schüler römisch-katholischen Glaubens war.

​Feuerproben und Bombardierungen

​Die Schule und ihre unmittelbare Umgebung durchliefen im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Reihe von äußerst schweren historischen Prüfungen. Während des Ersten Weltkriegs litt das Gebäude unter einem kritischen Mangel an Kohle, weshalb im Winter in notdürftig zusammengelegten, unbeheizten Klassen unterrichtet werden musste. Während der Arbeiterunruhen und des österreichischen Bürgerkriegs im Februar 1934 wurde die Schule aus Sicherheitsgründen vollständig geschlossen, da das Arbeiter-Meidling das Hauptzentrum der Straßenkämpfe war.

Die größte Katastrophe drohte jedoch am Ende des Zweiten Weltkriegs – am 29. März 1945, als eine Luftbombe auf die Schule fiel. Glücklicherweise handelte es sich nur um einen seitlichen Treffer, der das Dach zerstörte und Fenster herausbrach, doch die Konstruktion des Gebäudes hielt wie durch ein Wunder stand.

​Gerettetes Erbe: Die erste Schutzzone in Wien

​Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit dem massiven Aufkommen der Motorisierung und des Modernismus in den 50er und 60er Jahren, drohte dem alten Kern Altmannsdorfs das endgültige Aus. Es gab reale städtebauliche Pläne zur kompletten Sanierung der niedrigen historischen Häuser und zur Erweiterung der Straßen für den Transitverkehr. In der Stunde der Wahrheit jedoch griffen visionäre Denkmalschützer und Stadtpolitiker ein, die den kulturellen Wert dieses Ortes erkannten.

Im März 1973 fand ein historischer Wendepunkt statt, als der Khleslplatz (neben dem berühmten Kunstviertel Spittelberg) zur ersten denkmalgeschützten Zone (Schutzzone) in Wien erklärt wurde. Dieser strenge Rechtsstatus blockierte sofort alle destruktiven Eingriffe, verbot Änderungen an der Gebäudehöhe und rettete nicht nur die historische Pfarre an der Nummer 11, sondern auch das alte Schulgebäude in der angrenzenden Rothenburgstraße vor dem Abriss.

​Gegenwart: Oase des Friedens und moderner Bildung

​Heute bildet die städtebauliche Achse Khleslplatz und Rothenburgstraße eine einzigartige Stadtzone, in der modernes Leben sensibel mit Geschichte verwoben ist. Der Khleslplatz ist heute ein beliebter Standort für österreichische und internationale Filmemacher, die hier aufgrund der Abwesenheit von Autoverkehr und der Präsenz des ursprünglichen Kopfsteinpflasters authentische Kulissen für historische Dramen finden. Die alte Schule in der Rothenburgstraße 1 hat ihre reiche Vergangenheit erfolgreich in modernen pädagogischen Erfolg transformiert.

Heute fungiert sie als respektiertes staatliches Talentförderzentrum mit einem speziellen Fokus auf Naturwissenschaften (NAWI) und intensiven Englischunterricht durch Muttersprachler. Der gesamte Standort bleibt somit ein lebendiger Beweis dafür, dass eine expandierende europäische Metropole wachsen kann, ohne ihr historisches Gedächtnis und ihre einzigartige suburban Identität zu opfern.

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Foto: By C.Stadler/Bwag – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50318183