Wenn Nachbarn verschwanden: Ottakring beleuchtet die dunkle Geschichte der Gemeindebauten unter dem NS-Regime

Die Wiener Gemeindebauten stehen seit fast einem Jahrhundert als Symbol für soziale Solidarität, modernen Städtebau und den Gemeinschaftssinn der Donaumetropole. Ihre imposanten roten und grauen Fassaden, die großzügigen grünen Innenhöfe und die Gemeinschaftseinrichtungen sollten arbeitenden Familien ein würdiges und erschwingliches Leben ermöglichen. Doch die Geschichte dieser ikonischen Wohnkomplexe birgt auch düstere Kapitel, die lange Zeit im Schatten des öffentlichen Interesses standen. Ein neues Erinnerungsprojekt im 16. Wiener Gemeindebezirk Ottakring widmet sich nun jenen Orten, an denen einst ein lebendiges nachbarschaftliches Leben blühte und die nach dem März 1938 Schauplatz staatlich organisierten Terrors wurden.
Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich brach die Welt tausender Wienerinnen und Wiener von einem Tag auf den anderen zusammen. Die Gemeindebauten, einst Bollwerke sozialer Sicherheit, wurden für jüdische Familien und politische Gegner des Regimes zur Falle. Die neue, von Nationalsozialisten dominierte Stadtverwaltung setzte ihre rassistischen und ideologischen Normen direkt in den Arbeiterwohnungen durch. Um an diese tragischen Ereignisse und den Mut der Bewohner zu erinnern, hat Wiener Wohnen eine kostenlose historische Führung organisiert, die die menschlichen Schicksale an den Originalschauplätzen nachzeichnet.
Eine Route durch Verfolgung und Zivilcourage
Die Erinnerungsroute führt die Teilnehmer durch die Straßen des Arbeiterbezirks Ottakring und zeigt die Architektur der Stadt aus einer ganz neuen Perspektive. Sie beginnt beim bekannten Karl-Volkert-Hof an der belebten Thaliastraße und führt weiter zu den Anlagen Wilhelmine-Moik-Hof und Siegelhof in der Redtenbachergasse. Das monumentale Sandleitenhof bildet den Abschluss. Jede dieser Stationen steht für einen anderen Aspekt der Kriegstragödie, von der Zwangsräumung ganzer Familien über illegale Flugblattaktionen bis hin zu Gestapo-Verhaftungen und Deportationen in Vernichtungslager.
Die Führung wird von der Publizistin, Autorin historischer Bücher und Podcasterin Evelyn Steinthaler begleitet. Die etwa zweistündige Tour legt Wert auf den unmittelbaren Kontakt mit den Orten der Verfolgung. Das Event ist barrierefrei konzipiert, um auch Senioren und Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Teilnahme zu ermöglichen, und findet bei jedem Wetter statt.
Verordnungen und leere Wohnungen in der Thaliastraße
Ein entscheidender Wendepunkt für jüdische Mieter in den Wiener Gemeindebauten war die Verordnung der NS-Verwaltung vom 14. Juni 1938. Damit begann der systematische Ausschluss von Menschen aus Mietverträgen und ihre gewaltsame Räumung. Die Wohnungswirtschaft wurde zum Instrument der Rassenpolitik. Freigewordene Wohnungen wurden an privilegierte Parteimitglieder oder Bewohner vergeben, die den neuen Nürnberger Kriterien entsprachen. In den Archiven finden sich hunderte nüchterne Verwaltungsakten über Räumungen, hinter denen sich echte Familiendramen, Angst und der Verlust jeglicher Lebensperspektive verbergen.
Ein Symbol für dieses systematische Auslöschen jüdischer Präsenz in Ottakring ist die Geschichte des Ehepaars Alois und Erna Kuhn. Das Paar lebte ein ruhiges Leben im Karl-Volkert-Hof, bis sie 1938 aufgrund ihrer Herkunft ohne Gnade aus ihrer Wohnung vertrieben wurden. Aus provisorischen Unterkünften wurden sie später von der NS-Maschinerie in Transporte eingereiht und 1942 im Ghetto von Riga ermordet. Ihre Geschichte, die gleich an der ersten Station der Führung erzählt wird, steht stellvertretend für das Schicksal tausender weiterer Wiener, die der Holocaust-Maschinerie nicht rechtzeitig entkommen konnten.
Eine Rebellin aus der Arbeitersiedlung, die das Gestapo überlebte
Die Führung erzählt nicht nur von den Leiden der Opfer, sondern widmet sich auch den Menschen, die sich dem Totalitarismus widersetzten. Gerade in Arbeitervierteln wie Ottakring fand der antifaschistische Widerstand starken Rückhalt. Eine herausragende Figur dieser Bewegung war die Ottakringerin Wilhelmine Moik, nach der heute einer der besuchten Gemeindebauten benannt ist. Moik war bereits in der Zwischenkriegszeit eine überzeugte Sozialistin und Gewerkschafterin. Nach dem Verbot sozialdemokratischer Strukturen und dem Aufstieg des Austrofaschismus in den 1930er Jahren engagierte sie sich in der illegalen Organisation der Revolutionären Sozialisten.
Ihr politischer Widerstand setzte sich auch nach dem Einmarsch der deutschen Truppen fort. Doch ihr Mut brachte sie in die Hände der Gestapo. Nach ihrer Verhaftung wurde sie brutal verhört und schließlich wegen Hochverrats zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Moik überlebte die Haft und engagierte sich nach der Befreiung 1945 sofort für den Wiederaufbau des österreichischen Gewerkschaftsbundes ÖGB. In den Nachkriegsjahren wurde sie Abgeordnete im Nationalrat und setzte sich vor allem für die Verbesserung der Arbeits- und Sozialbedingungen von Frauen in der Industrie ein, womit sie sich dauerhaft in die moderne Geschichte der österreichischen Sozialpolitik einschrieb.
Ein Monument der Roten Wien im Schatten der Diktaturen
Der Höhepunkt der Route ist der Sandleitenhof, ein Juwel der sozialdemokratischen Architektur der Zwischenkriegszeit. Mit 1.587 Wohnungen war er der größte Wohnkomplex, der von der sozialdemokratischen Stadtverwaltung in dieser Zeit errichtet wurde. Es war nicht nur eine Siedlung, sondern eine autonome kleine Stadt mit Kindergärten, Bibliothek, Kinosaal, Café und zahlreichen Handwerksbetrieben. Seine starke Arbeiteridentität machte ihn zu einem natürlichen Zentrum des Widerstands.
Während der dramatischen Februarkämpfe 1934 wurde der Sandleitenhof zu einem der Brennpunkte des bewaffneten Konflikts zwischen dem paramilitärischen Schutzbund und den Regierungstruppen. In den Jahren der NS-Diktatur sahen sich die Bewohner intensiver Verfolgung ausgesetzt, und viele Widerstandszellen bezahlten ihre Aktivitäten mit dem Leben. Die Station in diesem Komplex bietet Einblicke, wie die massive Architektur dem Druck zweier aufeinanderfolgender Diktaturen standhielt und wie trotz des Terrors Inseln der Solidarität überlebten.
Erinnerung lebendig machen in den Gängen der Gemeindebauten
Die gesamte Initiative basiert auf einem umfangreichen Forschungsprojekt, das der Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes im Auftrag von Wiener Wohnen durchführt. Historiker durchforsten tausende Seiten von Akten, Hausmeisterberichten und Polizeiprotokollen, um konkrete Namen und Geschichten zu rekonstruieren. Ziel der Stadtverwaltung ist es, dass die historische Erinnerung nicht nur in Schulbüchern und zentralen Denkmälern im Stadtzentrum präsent ist, sondern dort, wo die Menschen täglich leben, den Müll rausbringen oder mit dem Hund spazieren gehen.
Das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Art von Bildung vor Ort wird durch die Zahlen des Vorjahres bestätigt, als etwa 850 Bewohner an thematischen Spaziergängen durch die Stadtteile teilnahmen. Das Erforschen der dunklen Seiten des eigenen Hauses oder der Straße hilft, Sensibilität gegenüber aktuellen Formen der Intoleranz zu entwickeln. Vertreter des Bezirks und des Rathauses betonen, dass die Bewahrung der Erinnerung an die deportierten Nachbarn die beste Prävention gegen das Wiederholen ähnlicher gesellschaftlicher Fehltritte ist.
Wichtige Informationen und Anmeldung für Interessierte
Aufgrund des intimen Charakters der Veranstaltung und der Notwendigkeit, eine qualitativ hochwertige Führung vor Ort zu gewährleisten, ist die Teilnehmerzahl strikt auf zwanzig Personen begrenzt. Interessierte müssen sich daher im Voraus anmelden, spätestens eine Woche vor dem geplanten Termin. Die Registrierung erfolgt über die offiziellen Kanäle der Verwaltung der Gemeindebauten.
Die Teilnahme am gesamten Programm ist für die Öffentlichkeit kostenlos. Alle notwendigen organisatorischen Informationen, Details zur Route und Kontaktdaten für die verbindliche Anmeldung sind über die offiziellen Kanäle des Veranstalters erhältlich.
Info: https://nievergessen.wienerwohnen.at/startseite
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Quellen:
Stadt Wien / Wiener Wohnen
Symbolfoto: Copyright: Stadt Wien / Martin Votava
Autor: Boris Zima
Mail: boris.zima@viedencan.at












