Karlskirche: Symbol des Versprechens, der Macht und der Wiener Seele

Sie steht an der Südseite des geschäftigen Wiener Platzes Karlsplatz wie eine Erscheinung. Mit ihrer mächtigen Kuppel, die zu schweben scheint, und zwei monumentalen Säulen, die an Rom erinnern, ist die Karlskirche sofort als Symbol der Stadt erkennbar. Für viele ist sie „nur“ die schönste Barockkirche nördlich der Alpen. Doch ihre Geschichte ist viel tiefer. Es ist eine Geschichte von Angst, kaiserlichem Versprechen, imperialer Macht und architektonischer Genialität, die Rom mit Byzanz direkt im Herzen Europas verbindet.
Dieser Tempel ist nicht nur ein Ort des Gebets; er ist eine komplexe politische und theologische Erklärung, die in Stein gemeißelt ist, finanziert nicht nur aus Frömmigkeit, sondern auch aus Bußgeldern und Gebühren für Privilegien. Es ist eine Bühne für Kunstwerke von Meistern, doch in den letzten Jahrzehnten auch Schauplatz überraschender Kontroversen, die die Wiener gespalten haben.
Geboren aus einem Versprechen in Zeiten der Pest
Es war der 22. Oktober 1713. Wien litt unter der letzten großen Pestepidemie in seiner Geschichte. Angst und Tod waren allgegenwärtig. In dieser Atmosphäre der Verzweiflung machte Kaiser Karl VI. im Inneren des Stephansdoms eine dramatische Geste – ein öffentliches Versprechen. Wenn Gott die Pest von der Stadt abwenden würde, würde er einen Tempel zu Ehren seines persönlichen Patrons und des großen Pestheiligen, Karl Borromäus, errichten lassen.
Die Pest zog sich im Jahr 1714 tatsächlich zurück. Der Kaiser, seinem Wort treu, ließ sofort einen Architekturwettbewerb für ein Bauwerk ausschreiben, das nicht nur eine gewöhnliche Kirche sein sollte. Es sollte eine Votivkirche – ein Dankgeschenk, aber auch ein Manifest seiner kaiserlichen Macht und Frömmigkeit – werden.
Dieser dankbare Charakter ist in die Fassade mit goldenen Buchstaben eingraviert. Unter dem dreieckigen Giebel prangt ein Zitat aus Psalm 22: „Vota mea reddam in conspectu timentium deum.“ – „Meine Versprechen werde ich vor den Augen derer erfüllen, die Gott fürchten.“ Und über dem Portal befindet sich eine weitere lateinische Tafel, die keinen Zweifel lässt: Kaiser Karl VI. hat erfüllt, was er für das Wohl des Volkes versprochen hat.
Architektur, die Rom mit Byzanz verbindet
Der Wettbewerb zog die größten Namen dieser Zeit an, darunter Johann Lukas von Hildebrandt. Doch der Gewinner war Johann Bernhard Fischer von Erlach, der Hofarchitekt mit einer Vision, die über die Grenzen des gewöhnlichen Barocks hinausging. Fischer wollte nicht nur eine weitere Kirche bauen. Er wollte eine Synthese schaffen, ein architektonisches Epos, das Wien als „Neues Rom“ visuell mit Anspielungen auf das antike Rom und Konstantinopel (Byzanz) verband.
Sein Entwurf war überwältigend:
- Fassade: Der mittlere Teil mit dem Portikus (Säulenhalle) ist eine direkte Anspielung auf die Fassade eines antiken römischen Tempels.
- Kuppel: Die mächtige Kuppel mit hohem Tambour (zylindrischem Sockel) ist nicht nur von Rom (z.B. der Petersbasilika) inspiriert, sondern auch von byzantinischer Architektur, insbesondere der legendären Hagia Sophia in Konstantinopel.
- Säulen: Das auffälligste Element sind zwei triumphale Säulen, die den Eingang rahmen. Sie sind eine direkte Anspielung auf die Trajanssäule in Rom.
Der Bau begann im Jahr 1716. Als Fischer von Erlach 1723 starb, übernahm sein Sohn Joseph Emanuel das Projekt, das er mit einigen Änderungen (z.B. verkürzte er den ursprünglich geplanten Tambour der Kuppel) 1739 abschloss.
Theater des Lichts und theologischer Hinweis
Das Innere der Kirche ist ebenso beeindruckend wie das Äußere, wirkt jedoch anders. Es ist ein barockes Theater des Lichts und des Raums. Fischer von Erlach arbeitete gezielt mit Licht. Es strömt durch das große runde Fenster über dem Hauptaltar, in dem der hebräische Tetragramm des Namens Gottes (JHVH) zu sehen ist, das die Allmacht und Liebe Gottes symbolisiert.
Der Hauptaltar, der von Fischer dem Älteren entworfen und von dem Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff realisiert wurde, zeigt die dramatische Himmelfahrt des heiligen Karl Borromäus.
Der absolute Höhepunkt ist jedoch das illusionistische Kuppelgemälde von Johann Michael Rottmayr (mit Hilfe von Gaetano Fanti bei der Quadratur). Es zeigt das Fürbitte des Heiligen im Himmel, unterstützt von der Jungfrau Maria und begleitet von Allegorien der drei göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe). Es ist eine Explosion von Farben und Bewegung. Das Fresko enthält jedoch auch einen starken theologischen (und zeitpolitischen) Hinweis der Gegenreformation: In einer der Szenen zündet ein Engel die Schriften Martin Luthers an.
Die Klänge der Kirche: Orgel und acht Glocken
Die Karlskirche ist nicht nur ein visuelles, sondern auch ein akustisches Erlebnis. Auf der Empore befindet sich eine majestätische barocke Orgel, deren Mittelteil aus dem Jahr 1739 stammt. Obwohl sie 1847 von Joseph Seyberth stark romantisch umgebaut und später 1989 von Gerhard Hradetzky restauriert wurde, behält sie ihren monumentalen Charakter mit 31 Registern.
In den Türmen (zwei „Turmpavillons“, beeinflusst vom römischen Barock Berninis und Borrominis) und in den Säulen verbirgt sich die drittgrößte Glockenanlage in Wien. Sie besteht aus acht Glocken. Die größte von ihnen, die „Karlsglocke“, wiegt 3.600 Kilogramm und wurde 1762 von Franz Josef Scheichel gegossen. Sie gilt als eine der schönsten barocken Glocken der Stadt.
Streit um den Aufzug und neonfarbene Wolken: Karlskirche im 21. Jahrhundert
Im Jahr 2002 erschien im Kirchenraum eine massive Stahlkonstruktion mit einem Panoramafahrstuhl. Der ursprüngliche Zweck war rein praktisch: den Restauratoren Zugang zu Rottmayrs Fresko in der Kuppel zu ermöglichen, das in 32 Metern Höhe liegt. Die Kirchenverwaltung gab jedoch bekannt, dass der Aufzug vorübergehend auch Touristen dienen würde.
Aus der vorübergehenden Lösung wurde eine dauerhafte und hochkontroverse Installation. Der geplante Abschluss im Jahr 2005 fand nicht statt. Der Aufzug blieb weitere 16 Jahre stehen.
Die Öffentlichkeit war gespalten. Auf der einen Seite bot der Aufzug die absolut einzigartige Möglichkeit, das Meisterwerk Rottmayrs aus nächster Nähe zu sehen. Auf der anderen Seite, wie auch Kritiker zugaben, störte das Stahlmonstrum brutal den Gesamteindruck des genial gestalteten barocken Innenraums.
Erst im November 2022 wurde die Konstruktion schließlich abgebaut. Die Instandhaltung der Kirche ist jedoch extrem kostspielig, sodass der Eintritt weiterhin erhoben wird. Statt des Aufzugs lockt die Verwaltung die Besucher mit neuen Rundgängen, einschließlich des Aufstiegs zur Außenterrasse über dem Portal, und zunehmend auch mit moderner Kunst. Neueste Installation, seit Februar 2024, schwebt unter der Kuppel eine „Wolke“ aus weißen Neonröhren des britischen Künstlers Cerith Wyn Evans.
Die Karlskirche bleibt somit ein lebendiger Ort. Sie ist der architektonische Gegenpol zu den Gebäuden des Musikvereins und der Technischen Universität, die sie auf dem Platz umgeben. Ihre Form hat spätere Bauten beeinflusst, von der nahegelegenen Secession bis zur Moschee im deutschen Schwetzingen. Sie ist ein Denkmal der Pest, ein Symbol imperialer Macht, ein theologisches Manifest und ein Juwel des Barocks. Und gleichzeitig ist sie der Beweis, dass auch ein 300 Jahre altes Werk weiterhin leidenschaftliche Diskussionen hervorrufen kann.
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