Beton-Utopie, die ihren Tod überlebt hat: Der Wiener Alterlaa erwartet nach einem halben Jahrhundert eine radikale Kur

Der monumentale Komplex im 23. Wiener Bezirk Wohnpark Alterlaa, der einst von vielen abwertend als „Kaninchenstall für Tausende“ bezeichnet wurde, feiert heute sein fünfzigjähriges Bestehen in unerwartet guter Verfassung. Anstelle der Abrissarbeiten, die viele modernistische Projekte in Westeuropa betroffen haben, steht Alterlaa vor der historisch größten Investition in seine Zukunft.
In einer Zeit, in der europäische Metropolen mit der Energiekrise und Klimazielen kämpfen, hat sich Alterlaa für einen radikalen Schnitt entschieden. Das Projekt, das gerade startet, ist im österreichischen Kontext beispiellos. Es geht nicht nur um kosmetische Anpassungen, sondern um eine totale technologische Transformation, die aus dem Monument der 70er Jahre ein energieeffizientes Gebäude des 21. Jahrhunderts machen soll.
Das Ziel ist klar: Der Energieverbrauch für Heizung soll um die Hälfte gesenkt werden. Um die Dimension dieses Vorhabens zu verdeutlichen, genügen einige Zahlen. Arbeiter werden genau 24.000 Fenster und Türen auf den Terrassen in fast 3.200 Wohneinheiten austauschen. Die gesamte Fläche der sanierten Fassade übersteigt 100.000 Quadratmeter. Laut der Wiener Vizebürgermeisterin Barbara Novak geht es nicht nur um Ökologie, sondern um die Bestätigung des Modells „Rotes Wien“ – also einer Stadt, die sich um ihr Eigentum kümmert und es nicht verfallen lässt.
„Dieses Projekt zeigt, wie wir städtische Entwicklung verstehen. Es ist ökologisch nachhaltig, sozial gerecht und auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet“, sagte Novak bei der Vorstellung einer Musterwohnung, die den Bewohnern zeigen soll, wie sich ihr Wohnkomfort nach 2028, wenn die Renovierung abgeschlossen sein soll, verbessern wird.
Harry Glück und der Traum vom „gestapelten Einfamilienhaus“
Um zu verstehen, warum Alterlaa bis heute erfolgreich ist, müssen wir zu dem Visionär zurückkehren, der dahintersteht. Der Architekt Harry Glück weigerte sich, anonyme Betonblöcke zu bauen. Seine Philosophie basierte auf der Psychologie des Wohnens. Er glaubte, dass auch der Mensch in der Stadt drei Dinge braucht: Grünflächen, Wasser und ein Gefühl von Privatsphäre.
Das Ergebnis ist ein einzigartiges Profil von Gebäuden, die sich nach oben verjüngen. Bis zur zwölften Etage sind die Wohnungen mit massiven Betonkübeln für Pflanzen ausgestattet, die nicht nur als ästhetisches Element fungieren, sondern auch als natürlicher Luftfilter und visuelle Barriere zwischen Nachbarn. Glück „stapelte“ somit die Vorteile eines Einfamilienhauses mit Garten in vertikaler Form.
Das größte Symbol für Luxus für alle sind jedoch die Dachpools. Während in anderen Metropolen Dachpools das Privileg von Fünf-Sterne-Hotels oder Millionärs-Penthäusern sind, haben in Alterlaa alle Mieter Zugang zu ihnen. Es gibt sieben und zusätzlich sieben Innenpools in den Gebäuden. Für Glück war der Pool kein Ort zum Schwimmen, sondern ein „sozialer Kitt“, das moderne Äquivalent zur Dorfkirche oder Kneipe, wo Nachbarn in informeller Umgebung zusammentreffen.
Eine Stadt, die die Außenwelt nicht braucht
Mit etwa 9.000 Einwohnern ist Alterlaa im Grunde eine eigenständige Stadt. Und so wird auch damit umgegangen. Die Infrastruktur umfasst ein Einkaufszentrum, medizinische Einrichtungen, Schulen, Kindergärten und Sportstätten. Was diesen Komplex jedoch wirklich von gewöhnlichen Wohnsiedlungen unterscheidet, ist der Grad der inneren Organisation.
In den Gebäuden befinden sich 32 Clubräume, die nicht im Voraus für einen bestimmten Zweck bestimmt sind. Die Bewohner mieten sie selbst und betreiben darin alles von Modellbauclubs bis hin zu Sportvereinen. Sie haben ihren eigenen Fernsehsender WPTV und eigene Zeitungen WAZ, die kostenlos verteilt werden. Jeder Mieter ist gleichzeitig Aktionär der Alterlaa-AG, was ein Gefühl von Mitbesitz und Verantwortung schafft, das in anonymen Wohnsiedlungen nahezu unbekannt ist.
Dieses soziale Kapital spiegelt sich auch in Zahlen wider. Soziologische Studien bestätigen immer wieder, dass die Zufriedenheit der Bewohner in Alterlaa zu den höchsten in Wien gehört. Die Menschen verbringen hier mehr Zeit zu Hause als in anderen Stadtteilen, und die Fluktuation der Mieter ist minimal.
Ideologische Kriege um Beton
Die Geschichte des Komplexes war jedoch nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Von Anfang an sah er sich scharfer Kritik ausgesetzt. Der bekannteste Gegner war der Architekt Roland Rainer, der sich für eine niedrige Bebauung und Einfamilienhäuser einsetzte. Rainers Angriff auf Alterlaa hatte jedoch auch eine dunklere, ideologische Dimension. Als ehemaliger prominenter Architekt des nationalsozialistischen Regimes betrachtete er das kollektive Wohnen in Hochhäusern als etwas Unnatürliches und „nicht-arisches“.
Kritiker warfen Alterlaa auch die Anonymität der mittleren, fensterlosen Flure oder die potenzielle Gefahr von Vandalismus vor. Harry Glück verteidigte sich jedoch pragmatisch: Tiefe Gebäude ermöglichten es, die Baukosten zu senken, die dann in Pools und Gemeinschaftsräume investiert wurden. Die Zeit gab ihm recht. Während Rainers Ideale von Einfamilienhäusern für alle auf die Realität von Bodenmangel und hohen Preisen stießen, blieb Alterlaa eine funktionale Wohnmaschine.
Mehr als nur eine Unterkunft: Kultur in der Lobby
Ein journalistischer Blick auf Alterlaa wäre unvollständig, wenn wir ihren kulturellen Aspekt auslassen würden. Die Eingangsbereiche der Blöcke erinnern nicht an gewöhnliche Plattenbauten. Dort befinden sich Werke führender österreichischer Künstler wie Alfred Hrdlicka oder Adolf Frohner. Interessanterweise entschieden die Bewohner in einer Abstimmung über die Auswahl der Künstler für die Blöcke B und C.
Der Komplex hat auch die Popkultur durchdrungen. Er wurde Schauplatz von Krimis Tatort, Romanen von Wolf Haas und Dokumentarfilmen. Neueste ist der preisgekrönte Dokumentarfilm 27 Storeys, der 2023 entstand, in dem die Regisseurin Bianca Gleissinger mit einer Prise Ironie und Zärtlichkeit das Mikrokosmos untersucht, in dem sie selbst aufgewachsen ist.
Zukunft im Zeichen der Dekarbonisierung
Die aktuelle Renovierung dreht sich nicht nur um den Austausch von Fenstern. Sie ist ein Versprechen, dass Alterlaa nicht als Freilichtmuseum des 20. Jahrhunderts verbleiben wird. Die geplante Dekarbonisierung des Heizsystems und der Übergang zu klimaneutralen Quellen sollen sicherstellen, dass dieses „Wiener Wunder“ weitere 50 Jahre überlebt.
Der Wohnpark Alterlaa bleibt somit eine wichtige Lektion für Stadtplaner auf der ganzen Welt. Er zeigt, dass Bevölkerungsdichte nicht zwangsläufig den Verlust der Lebensqualität bedeuten muss, wenn sie durch durchdachte Infrastruktur und Raum für die Gemeinschaft kompensiert wird. In einer Zeit, in der viele Städte mit einer Wohnkrise kämpfen, steht Alterlaa wie ein erhobener Finger: ein Beweis, dass sozialer Wohnungsbau nicht nur funktional, sondern auch prestigeträchtig sein kann.
Der heutige Start der Renovierung ist somit im Grunde ein Geschenk zum Geburtstag, nicht nur für die 9.000 Bewohner des Komplexes, sondern für ganz Wien, das mit diesem Schritt eines seiner erfolgreichsten sozialen Experimente bewahrt.
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Verwendete Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wohnpark_Alterlaa
Stadt Wien
Foto: Von Thomas Ledl – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52694382












