Keine Scham in der Praxis: Wien eröffnet einzigartiges Zentrum, wo sexuelle Gesundheit mit einem Lächeln und ohne Tabus angegangen wird

Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem Sie dem Arzt ohne Scham alles sagen können. Ein Ort, an dem das Wort „Kondom“ kein Schimpfwort ist, an dem Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten nicht als moralische Strafe, sondern als ganz normaler Teil der Hygiene betrachtet werden – ähnlich wie eine Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt, nur mit einem etwas intimeren Unterton. Die österreichische Hauptstadt hat genau einen solchen Ort erhalten. Wien startet ein Projekt, das im mitteleuropäischen Raum seinesgleichen sucht. Mit Freude und großen Erwartungen öffnet das magnus Ambulatorium*, ein neues Zentrum für sexuelle Gesundheit, seine Türen.

Wenn wir einen modernen Leuchtturm der Aufklärung suchen würden, würden wir ihn auf halbem Weg zwischen Mut und purem Pragmatismus finden. In Zusammenarbeit mit der Organisation Aids Hilfe Wien, Stadtverordneten und den größten Krankenkassen entstand ein Raum, der Medizin, Psychologie, Sozialarbeit und vor allem Menschlichkeit vereint. Und das alles mit einer klaren Botschaft: Sex gehört zum Leben, Gesundheit auch, und Angst muss beiseitegeschoben werden.

Wenn Statistiken Alarm schlagen, sollte man nicht weinen, sondern handeln

Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat kürzlich Zahlen veröffentlicht, die Epidemiologen Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind in Europa wieder auf dem Vormarsch. Ob Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien, die Kurven in den Grafiken steigen schneller als die Immobilienpreise. Die Reaktion Wiens? Anstatt zu moralisieren und den Kopf in den Sand zu stecken, wurde eine moderne, niederschwellige Klinik eröffnet.

„Für die sexuelle Gesundheit in unserem Land ist das buchstäblich ein Sternenmoment“, sagt Dr. Mirijam Hall, die Leiterin von Aids Hilfe Wien, mit unverhohlener Begeisterung. Ihrer Meinung nach ist die Antwort auf die steigenden Trends klar: testen, behandeln und begleiten, ohne dass die Menschen bürokratische Hürden überwinden oder verurteilenden Blicken ausgesetzt werden müssen. „Mit diesem Schritt machen wir Wien sicherer, gerechter und gesundheitlich besser abgesichert“, fügt sie hinzu.

Das Zentrum plant, eine enorme Last zu bewältigen – es wird mit bis zu 30.000 Kontakten pro Jahr gerechnet. Die medizinische Leitung liegt in den Händen der renommierten Experten Prof. Dr. Alexander Zoufaly und Dr. Matthias Skocic. Darüber hinaus übernimmt die Ambulanz eine wichtige Rolle als Referenzzentrum für PrEP und PEP (moderne medikamentöse Prävention vor einer HIV-Infektion). Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird hier das erste statistische Zentrum zur Überwachung von Geschlechtskrankheiten in Wien gegründet. Denn die Datensammlung ist kein langweiliger Tabellenkram, sondern eine entscheidende Waffe im Kampf gegen die Verbreitung von Infektionen.

Die Botschaft eines Mannes, der seiner Zeit voraus war

Der Name magnus* ist nicht zufällig von einem coolen Wortgenerator entstanden. Es ist eine tiefe Hommage an einen Mann namens Magnus Hirschfeld. Dieser deutsche Arzt und Sexualwissenschaftler behauptete bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass Sexualität bunt ist und niemand dafür ins Gefängnis gesteckt oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden sollte. Er war ein Pionier, den die Nazis hassten und dessen Bücher an den Grenzen verbrannt wurden. Heute, hundert Jahre später, wird sein Name zum Symbol für eine moderne Gesundheitseinrichtung, die jeden unabhängig von Orientierung, Identität oder Kontostand willkommen heißt.

Die Architektur des neuen Zentrums spiegelt seine innere Philosophie wider. Helle, barrierefreie Räume, die in verschiedenen Sprachen kommunizieren. Wenn Sie nicht perfekt Deutsch sprechen, kein Problem. Wenn Sie gesundheitliche Einschränkungen haben, sind die Türen offen. Wenn Sie keine klassische Krankenversicherung haben, wird Sie niemand auf die Straße setzen. Besonders die Betreuung von bisher unversicherten Menschen mit HIV ist ein großer humanitärer Schritt nach vorne.

Laut dem Wiener Stadtrat für Soziales und Gesundheit, Peter Hacker, ist vor allem die frühzeitige Erkennung wichtig. „Eine frühzeitige Diagnose bedeutet eine frühzeitige Therapie. Wir wollen eine positive Einstellung zu Sexualität und sexuellem Selbstbewusstsein fördern. Es ist ein sicherer Hafen, wo Menschen ihre Gesundheit frei, ohne Barrieren und Diskriminierung entwickeln können“, erklärt der Rat.

Entlastete Krankenhäuser und das Ende des endlosen Wartens

Das Projekt hat neben der menschlichen Dimension auch einen sehr rationalen wirtschaftlichen und logistischen Nutzen. Jeder, der jemals eine spezifische Untersuchung benötigt hat, weiß, wie es in normalen Krankenhäusern aussieht. Lange Wartezeiten, überfüllte Wartezimmer und gestresste Ärzte, die alles von Grippe bis akuten Zuständen behandeln müssen. Wien entlastet diesen Druck durch die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen (ÖGK, SVS, BVAEB).

Agnes Streissler-Führer von der Gesundheitskasse ÖGK bezeichnet das Projekt als „Leuchtturm“, der dem ganzen Land den Weg weist. Die vorbildliche Symbiose aus Prävention, realer Behandlung und präzisem Datenmanagement ist genau das Rezept, das das österreichische Gesundheitswesen in diesem Bereich benötigte.

Auch die politische Opposition stimmt ihr zu, was zeigt, dass das Thema sexuelle Gesundheit über das politische Spektrum hinweg vereinen kann, wenn es rational angegangen wird. Jing Hu, gesundheitspolitische Sprecherin der NEOS Wien, erinnert daran, dass das Thema uns alle betrifft. „Wir brauchten einen Ort ohne Tabus. Einen Ort, der unter einem Dach Beratung, Abstrich und Rezept für Medikamente löst. Ohne unnötige Worte, diskret und schnell“, schließt sie.

Eine Lektion für Europa (und für uns)

Mit diesem Projekt erklärt Wien klar, dass sexuelle Gesundheit nicht als Luxus oder Laune, sondern als grundlegendes Menschenrecht im Sinne der UN-Agenda 2030 betrachtet wird. Es zeigt, dass eine moderne Stadt sich umfassend um ihre Bürger kümmert – von Radwegen bis zum Intimleben.

Während in anderen Teilen Europas über sexuelle Aufklärung und Gesundheit immer noch mit gesenktem Blick und in Stille gesprochen wird, bauen die österreichischen Nachbarn moderne Kliniken mit einem Lächeln. Das magnus Ambulatorium* ist ein klarer Beweis dafür, dass, wenn wir uns dem intimen Gesundheitsbereich mit wissenschaftlicher Präzision und menschlicher Empathie nähern, das Ergebnis eine gesündere, tolerantere und sicherere Gesellschaft ist. Man kann nur hoffen, dass dieser Wiener Leuchtturm weit genug strahlt, damit wir sein Licht auch bei uns zu Hause sehen.

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Verwendete Quellen:

Aids Hilfe Wien

Foto: Fotograf: Peter Reitmayr/AHW