Der Wiener Seminarist, der die Welt veränderte: Die Geschichte von Jozef Murgaš und seinem Weg zum Radio

Jozef Murgaš gehört zu den größten Persönlichkeiten der slowakischen Wissenschaft, Technik und Kunst, doch sein Name blieb über Jahrzehnte im Schatten weltbekannter Zeitgenossen. Dieser katholische Priester, talentierte Maler und visionäre Erfinder verband die Welt des Geistes mit der rigorosen Welt der Physik und veränderte damit für immer die Art und Weise, wie die Menschheit kommuniziert. Seine Geschichte ist nicht nur eine Geschichte über Kabel und Antennen, sondern über den unerschütterlichen Willen eines Menschen, der sich von den Grenzen der Kontinente und den Vorurteilen seiner Zeit nicht aufhalten ließ.

Für die in Wien lebenden Slowaken ist ein besonders faszinierendes Kapitel in Murgaš‘ Leben mit dieser Stadt verbunden. Wien am Ende des 19. Jahrhunderts war nicht nur das politische Zentrum der Monarchie, sondern vor allem das pulsierende Herz der europäischen Wissenschaft und Kultur. Hierher kam der junge Murgaš 1884, um Theologie am renommierten Pázmaneum (Collegium Pazmanianum) zu studieren. Die vier Jahre, die er in Wien verbrachte (1884 – 1888), waren entscheidend für seine Zukunft. In der Umgebung der Wiener Bibliotheken und im Kontakt mit den neuesten mitteleuropäischen technischen Trends erwachte in dem jungen Seminaristen die Faszination für Elektrizität und elektromagnetische Wellen.

Wien bot ihm eine intellektuelle Grundlage, die er zu dieser Zeit an keinem anderen Ort so leicht hätte finden können. Neben der Theologie sog er die Atmosphäre des technischen Fortschritts und des künstlerischen Aufschwungs auf, was er später bei seinem Studium der Malerei und beim Bau seiner ersten Versuchsinstrumente nutzte. Man kann sagen, dass ohne den Wiener Horizont und den Zugang zur damaligen wissenschaftlichen Literatur seine späteren amerikanischen Patente niemals entstanden wären.

Der Weg vom Altar ins Labor: Die Formung eines Genies

Jozef Murgaš wurde am 17. Februar 1864 im Dorf Jabríková (heute Teil von Tajov) in der Nähe von Banská Bystrica geboren. Nach seiner Rückkehr aus Wien und der Priesterweihe wirkte er an mehreren Orten in der mittleren Slowakei. Sein Weg war jedoch nicht einfach. Das offene slowakische nationale Bewusstsein und die Kritik an den damaligen Verhältnissen führten zu Konflikten mit der kirchlichen Obrigkeit.

Im Jahr 1896 entschied er sich daher für einen radikalen Schritt – die Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika. Wien hatte ihm zwar Bildung gegeben, aber Amerika sollte ihm die Freiheit geben, diese Bildung in die Realität umzusetzen.

Pennsylvanischer Exil: Die Geburt einer drahtlosen Welt

Murgaš ließ sich in der Bergbaustadt Wilkes-Barre in Pennsylvania nieder. Hier zeigte sich seine unglaubliche Arbeitsamkeit. Neben seiner pastoralen Tätigkeit richtete er im Keller seiner Pfarrei ein hochmodernes physikalisches Labor ein. Die Mittel für seine Forschung beschaffte er hauptsächlich durch seine Malertätigkeit – den Verkauf von Altargemälden, deren technische Grundlagen er gerade während seiner Aufenthalte in europäischen Metropolen erlernte.

Revolutionäres Tonsystem und Triumph in Scranton

Der größte Beitrag von Murgaš war sein Tonsystem der drahtlosen Telegraphie (Tone System). Während Marconi ein Signal auf einer Frequenz sendete, erkannte Murgaš, dass, wenn er zwei verschiedene Frequenzen für Punkt und Strich (höherer und niedriger Ton) verwendet, die Nachricht schneller und lesbarer übertragen wird.

Der Höhepunkt seiner Bemühungen war der 23. November 1905, als eine öffentliche Prüfung zwischen den Städten Wilkes-Barre und Scranton stattfand. Murgaš sendete erfolgreich Nachrichten ohne Kabel, wodurch er im Grunde das Prinzip definierte, auf dem später das Radio entstand. Im Jahr 1916 bestätigte ein amerikanisches Gericht offiziell, dass Murgaš‘ Entdeckungen in vielerlei Hinsicht vorrangig vor denen von Marconi waren.

Visionär mit 12 Patenten und leidenschaftlicher Angler

Während seiner Zeit in den USA erhielt er insgesamt 12 Patente. Neben dem revolutionären Wellenmesser und Transformator überraschte er die Welt auch mit etwas Praktischerem. Als leidenschaftlicher Angler ließ er sich 1912 seinen eigenen Angelrollen mit einem einzigartigen Getriebemechanismus patentieren. Diese Erfindung wurde kommerziell erfolgreich und ihr Prinzip wird bis heute im Angeln verwendet.

Das Erbe in Banská Bystrica: Eine Schule, die seinen Namen trägt

Obwohl Murgaš 1929 in den USA starb, ist sein Name in seiner Heimat unsterblich. In Banská Bystrica gibt es die Jozef Murgaš Fachschule (SPŠ JM). Diese Schule ist heute eine der modernsten technischen Institutionen in der Slowakei, die Experten in IT, Elektrotechnik und Multimedia ausbildet.

Die Schüler dieser Schule nennen sich stolz „Murgašáci“ und die Schule pflegt aktiv sein Andenken durch ein Gedenkzimmer. Es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass das Visionärstum, das mit dem Studium in Wien begann und in Amerika erblühte, schließlich in die Heimat zu zukünftigen Generationen zurückgekehrt ist.

Ein Mann zweier Welten

Jozef Murgaš war ein wahrer Polyhistor – Priester, Maler und Wissenschaftler. Sein Leben ist eine Inspiration für jeden Slowaken im Ausland, sei es in Pennsylvania oder in Wien. Es zeigt uns, dass slowakische Wurzeln in Verbindung mit weltweiter Bildung und dem Mut zu innovieren Früchte tragen können, die die Geschichte der gesamten Menschheit verändern.

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Verwendete Quellen:

​Vrábel, J.: Jozef Murgaš: Slowakischer Erfinder und seine Welt. – Wikipedia 

​Seite der SPŠ Jozefa Murgaša in Banská Bystrica.

Foto: Von Qery1337 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112739730