Wiener Rezept gegen die Mietkrise: In Kagran werden Wohnungen gebaut, die sich Familien tatsächlich leisten können

Während europäische Metropolen mit untragbarem Anstieg der Wohnpreise und der Vertreibung der Mittelschicht an den Rand kämpfen, setzt Wien den Bau seiner „roten Festung“ fort. Im Herzen von Kagran hat der Bau eines weiteren Gemeindebaus begonnen, der soziale Sicherheit mit moderner Architektur und strengen ökologischen Standards kombiniert.
Der Blick auf die Karte des europäischen Wohnens erinnert im Jahr 2026 eher an ein Schlachtfeld. In Berlin, Paris oder Bratislava sind die Marktpreise für viele junge Menschen und Familien unerreichbare Ziele. Wien hebt sich jedoch seit langem davon ab. Die Stadtverwaltung ist hier nicht nur Statist, der die Immobiliencharts beobachtet, sondern ein aktiver Akteur, der die Regeln bestimmt. Der neueste Beweis für diese Strategie ist der Spatenstich in der Bernoullistraße im 22. Wiener Gemeindebezirk.
Architektur, die nicht deformiert, sondern verbindet
Das Projekt in Kagran ist nicht nur ein weiterer „Wohnblock“. Das städtebauliche Konzept sieht drei Objekte vor, die so gestaltet sind, dass sie den Raum nicht schließen, sondern neue Durchblicke und Verbindungen mit dem umliegenden Gebiet schaffen, konkret mit dem zukünftigen Platz Schrödingerplatz. Für die Wiener Stadtverwaltung ist es entscheidend, dass neue Projekte keine isolierten Ghettos bilden, sondern lebendige Stadtviertel.
Im neuen Komplex entstehen 88 Wohnungen. Das Spektrum reicht von Einzimmerwohnungen für Senioren oder Einzelpersonen bis hin zu Fünfzimmerwohnungen für Großfamilien, was deutlich den Versuch um soziale Diversität signalisiert. Was jedoch den Wiener „Gemeindebau NEU“ von kommerziellen Projekten unterscheidet, ist nicht nur der Preis, sondern auch die Philosophie der Vertragsverhältnisse. Die Mietverträge sind hier unbefristet, ohne versteckte Gebühren und mit einer klaren Garantie, dass der Mieter nicht Opfer spekulativer Preiserhöhungen wird.
„Sozialer Wohnbau in unserer Stadt ist ein Garant für Stabilität, Lebensqualität und Sicherheit“, erklärt Elke Hanel-Torsch, die Wiener Stadträtin für Wohnen. Ihrer Aussage zufolge wird bereits in der Planungsphase darauf geachtet, dass die Architektur nachbarschaftliche Beziehungen fördert. „Wir wollen, dass hier ein gutes und respektvolles Zusammenleben entsteht, und das Projekt in der Bernoullistraße ist ein vorbildliches Beispiel dafür.“
Von Photovoltaik zu digitalen Zwillingen
Die gegenwärtige Journalistik fragt oft, ob sozialer Wohnbau auch im Hinblick auf die Klimakrise nachhaltig ist. Wien beantwortet diese Frage mit einem technologischen Arsenal. Das neue Gebäude in Kagran wird energetisch nahezu autark sein. Es wird ein hybrides System von Wärmepumpen in Kombination mit Photovoltaik-Paneelen auf den Dächern nutzen.
Interessant ist auch die Nutzung der BIM-Technologie (Building Information Modeling). Das gesamte Gebäude wurde zunächst als digitales Abbild erstellt. Dies ermöglicht nicht nur eine präzisere Bauweise mit minimalem Abfall, sondern vor allem eine effiziente Verwaltung des Gebäudes in der Zukunft. „Klimafreundlicher Bau und hohe Wohnqualität schließen sich hier nicht aus, sondern ergänzen sich“, sagt Johannes Pritz von der städtischen Wohnbauverwaltung Wiener Wohnen.
Das Gebäude wird dank vertikaler Begrünung der Fassaden und biodiverser Dächer, die den Effekt von Wärmeinseln mildern sollen – was in den dicht besiedelten Teilen Wiens ein immer wichtigeres Thema ist – regelrecht „atmen“.
Wenn der Kindergarten Teil des Hauses ist
Für Familien mit Kindern ist die Verfügbarkeit von Vorschuleinrichtungen oft ein Albtraum. Im Wiener Modell wird jedoch die Bürgerausstattung als integraler Bestandteil des Gebäudes betrachtet. Direkt im Erdgeschoss und im ersten Stock des neuen Wohnhauses entsteht ein zweigeschossiger Kindergarten.
Zusätzlich können sich die Bewohner auf Gemeinschaftsräume freuen, die in kommerziellen Bauprojekten oft weiteren Quadratmetern für den Verkauf weichen. In der Bernoullistraße wird eine Fahrradwerkstatt, Gemeinschaftswaschküchen und vor allem Dachterrassen für „urban gardening“ – städtisches Gärtnern – entstehen. Gerade diese Elemente sollen laut der Stadtverwaltung Anonymität verhindern und das Gefühl der Zugehörigkeit zum Ort fördern.
Zahlen, die nicht lügen
Wien ist im Bau von Gemeindewohnungen kein Neuling, hat jedoch nach einer Pause in den Nullerjahren dieses Programm in der letzten Dekade wieder voll reaktiviert. Das Projekt in der Bernoullistraße ist bereits die 27. Baustelle im Rahmen der neuen Bauwelle.
Die Statistiken sind beeindruckend:
- In den bereits fertiggestellten neuen Gemeindewohnungen leben heute 4.500 Wiener.
- Aktuell wird in acht Bezirken gleichzeitig gebaut, wobei mehr als 1.000 Wohneinheiten im Bau sind.
- Das Gesamtziel der aktuellen Welle ist es, rund 13.000 Menschen in 5.700 Wohnungen ein Zuhause zu bieten.
Der Bezirksvorsteher Karl Gasta betont, dass es für Kagran ein entscheidender Impuls ist. „Das offene städtebauliche Konzept mit neuen Grünflächen und Begegnungszonen wird frische Energie ins Zentrum von Kagran bringen. Damit unterstützen wir die soziale Durchmischung, die unser Viertel lebendig hält.“
Eine Lektion für andere
Die Geschichte aus der Bernoullistraße ist im weiteren Kontext eine Lektion in politischer Courage und langfristiger Planung. Wien zeigt, dass Wohnen nicht nur eine Ware sein muss, mit der Gewinn gemacht wird, sondern ein öffentlicher Dienst. Während andere Städte ihren Wohnungsbestand privatisiert haben und ihn heute mit enormen Kosten zurückkaufen müssen, bewahrt die österreichische Metropole ihren Bestand nicht nur, sondern erweitert ihn auch.
Kritiker könnten einwenden, dass die Kosten für einen solchen Bau hoch sind und den städtischen Haushalt belasten. Die Wiener Antwort ist jedoch pragmatisch: Die Kosten für die Lösung von Obdachlosigkeit, sozialer Spannungen und Abwanderung von Arbeitskräften aufgrund teuren Wohnens sind letztendlich viel höher.
Die Investition in 88 Wohnungen in Kagran ist somit eine Investition in sozialen Frieden. Und in einer Zeit, in der die Polarisierung der Gesellschaft zum Hauptthema der europäischen Politik wird, ist Wiens „Beton mit menschlichem Antlitz“ vielleicht wichtiger, als es auf den ersten Blick scheint.
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Verwendete Quellen:
Stadt Wien
Foto: Copyright StadtWien / Markus Wache












