Wien verwandelt sich in ein Labor der Zukunft: Das zweite Klima-Biennale sucht Antworten dort, wo Worte versagen

Wenn von der Klimakrise die Rede ist, denken die meisten von uns an Grafiken mit steigenden Temperaturen, politische Proklamationen oder katastrophale Nachrichten aus den Abendnachrichten. Aber was, wenn Daten und Worte nicht ausreichen, um die Tiefe der Transformation unserer Welt zu verstehen? Wien wird im Frühjahr 2026 erneut das Unmögliche versuchen – die abstrakte Bedrohung in die Sprache der Emotionen, der visuellen Kunst und des kommunalen Dialogs zu übersetzen.

Vom 9. April bis 10. Mai 2026 wird die österreichische Metropole vom zweiten Klima-Biennale Wien dominiert. Unter dem Untertitel Unspeakable Worlds (Unaussprechliche Welten) hat sich das Festival zum Ziel gesetzt, jene Schichten der Realität zu erkunden, die der gewöhnlichen Beschreibung entgehen, aber umso intensiver unsere Gegenwart und die Ängste um die Zukunft definieren.

Kunst als Überlebenswerkzeug, nicht nur Dekoration

Das Zentrum dieses kunst-ökologischen Erdbebens wird erneut das KunstHausWien sein. Das Museum, das sich selbst als erstes „grünes“ in der Stadt definiert, ist nicht nur ein passiver Gastgeber. Unter der Leitung von Direktorin Gerlinde Riedl verwandelt es sich in einen Diskussionsknotenpunkt, wo Nachhaltigkeit nicht nur ein Thema auf dem Papier, sondern eine gelebte Haltung ist.

Das Hauptaugenmerk der Zentrale wird die Ausstellung Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures sein. Samen werden hier nicht nur als biologisches Material präsentiert, sondern als Archive des kulturellen Erbes, Symbole der Migration und Werkzeuge des Widerstands gegen Kolonialismus. Vierzehn internationale Künstler erzählen durch sie Geschichten darüber, wie Biodiversität mit Solidarität zusammenhängt. Parallel dazu wird das Projekt I Wish We Had More Time des Kollektivs The Institute of Queer Ecology in den Räumen der Garage ein intimeres Thema eröffnen: Verlust. Ob es sich um gestörte Symbiosen in der Natur oder um gerissene Fäden queerer Geschichte handelt, die Ausstellung sucht nach Parallelen zwischen ökologischem und emotionalem Trauer.

Die visuelle und narrative Gestalt der Festivalzentrale wird vom Szenografen-Duo JASCHA&FRANZ in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Andrea Grill gestaltet. Ihr Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, in dem der Text zum Bild wird und der Besucher buchstäblich von der Geschichte über die Verbundenheit des Menschen mit seiner Umgebung umgeben ist.

Welten jenseits der Worte

Das Thema „Welten jenseits der Worte“ schließt sich jedoch nicht in die weißen Wände von Galerien ein. Im Gegenteil, das Festival expandiert aggressiv in die Straßen. Das Projekt (No) Funny Games verwandelt den öffentlichen Raum Wiens in einen Schauplatz, wo die Idylle des Stadtlebens auf dystopische Visionen trifft. Der Fokus wird Karlsplatz sein, wo wir auch eine historische Reminiszenz erleben werden – Margot Pilz wird hier nach vierzig Jahren ihre berühmte Installation „Kaorle am Karlsplatz“ wiederbeleben. Das italienische Seebad mitten in der österreichischen Metropole wird 2026 nicht nur eine Provokation, sondern ein dringender Kommentar zur Erderwärmung und zu den sich verändernden Lebensbedingungen sein.

Die Stadt wird zur Leinwand für zehn künstlerische Interventionen an Brücken, Hausfassaden oder sogar in Einkaufszentren. Acht davon wurden direkt im Auftrag der Biennale geschaffen, was die Ambition des Festivals zeigt, den Diskurs zu gestalten und nicht nur zu reflektieren.

Wenn Wissenschaft auf Aktivismus an Bord eines Schiffes trifft

Die Klima-Biennale 2026 weigert sich, ein elitärisches Ereignis für einen kleinen Kreis von Kunstkennern zu werden. Dies belegt ein Netzwerk von mehr als 50 Partnerinstitutionen – von renommierten Einrichtungen wie dem MAK und der Kunsthalle Wien bis hin zu unabhängigen Kulturzentren wie Brunnenpassage oder Volkstheater.

Ein innovativer Ansatz wird auch durch das Projekt Creatives for Vienna – Making Spaces gebracht. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung der Stadt werden funktionale Alternativen für die städtische Ausstattung und das Gemeinschaftsleben gesucht – von ökologischen Versionen ikonischer Wiener Würstelstände bis hin zu städtischen Golfplätzen in postindustriellen Zonen.

Ein wichtiger Pfeiler ist die Einbindung der akademischen Welt. Studierende der Wiener Kunstuniversitäten werden während des Festivals den Badeschiff am Donaukanal besetzen. Eine wöchentliche „Fokuszone“ wird Performances und Installationen präsentieren, die im Laufe des gesamten akademischen Jahres entstanden sind. Gerade diese Generation hat das Thema am nächsten – es sind ihre „Morgen“, über die heute entschieden wird.

Wiener Klimagipfel

Der Höhepunkt des gesellschaftlichen Aspekts des Festivals wird der zweitägige Wiener Klimagipfel (13. – 14. April) sein. Dieser hat die Ambition, die Barrieren zwischen Wissenschaftlern, Aktivisten, Politikern und Künstlern abzubauen. Wie der Wiener Klimaratsmitglied Jürgen Czernohorszky betont, ist Klimapolitik im Grunde genommen Generationenpolitik. Das Festival ist somit nicht nur eine Schau schöner Objekte, sondern eine Plattform für die Übernahme von Verantwortung, die über Wahlperioden und Staatsgrenzen hinausgeht.

Die Biennale wird von der Stadt Wien finanziert, was ihre politische Bedeutung unterstreicht. Das Ziel ist nichts Geringeres als die Erreichung der Klimaneutralität der Stadt bis 2040. Kunst fungiert in diesem Prozess nicht als Illustration von Erfolgen, sondern vielmehr als kritischer Katalysator, der uns zwingt, auf die Dinge zu schauen, vor denen wir lieber die Augen verschließen.

Die letzte Ausgabe zog über 225.000 Besucher an. Die kommende hat alle Voraussetzungen, diese Zahl zu übertreffen – nicht wegen der Statistiken, sondern weil die Notwendigkeit, eine neue Sprache für unsere gemeinsame Zukunft zu finden, nie dringlicher war.

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Quelle: Kunst Haus Wien – Wien Holding Foto: Copyright: Stadt Wien (c) Margot Pilz