Wien überholt Europa erneut im Bereich des bezahlbaren Wohnens. Im Donauvorort entsteht ein Viertel, das Autos unter die Erde verbannt

Wenn von der Wiener Wohnungspolitik die Rede ist, denken die meisten europäischen Bürgermeister und Stadtplaner an ein unerreichbares Ideal. Während Bratislava, Prag oder Budapest mit unkontrollierbarem Anstieg der Immobilienpreise kämpfen und junge Familien in die Pendler-Satelliten verdrängt werden, setzt die österreichische Hauptstadt ihre massive Offensive im öffentlichen Sektor fort. Der jüngste Beweis für diese Strategie ist der feierliche Spatenstich in der Melangasse im 22. Gemeindebezirk Donaustadt.
Hier, auf dem Gelände einer ehemaligen Industrie- oder befestigten Fläche, beginnt das Wachstum des bereits 28. Projekts aus der modernen Reihe des städtischen Wohnens, bekannt als „Gemeindebau NEU“. Wien demonstriert damit erneut, dass die Antwort auf die Immobilienkrise nicht das Vertrauen in die unsichtbare Hand des Marktes ist, sondern gezielte Stadtentwicklung, die soziale Stabilität, moderne Architektur und ökologische Nachhaltigkeit kombiniert.
Grüne Antwort auf die Betonvergangenheit
Das Projekt in der Melangasse 1A / Eipeldauer Straße knüpft direkt an die ältere Bebauung des Josef-Bohmann-Hofes an. Die Architekten des renommierten Büros Superblock kommen jedoch nicht mit einem monströsen Plattenbau aus dem letzten Jahrhundert. Der zeitgenössische Urbanismus der österreichischen Metropole setzt auf sogenannte kompakte Stadtblöcke mit hoher Energieeffizienz und einem Gespür für Mikroklima.
In der ersten Phase des Projekts entstehen hier 114 bezahlbare Wohnungen, insgesamt werden in dieser Lage etwa 320 hinzukommen. Die Philosophie der Architekten war es, bereits zuvor bebaute und asphaltierte Flächen zu nutzen, wodurch die Stadt wertvollen Ackerboden und Freiflächen am Stadtrand schont. Der versiegelte Betonboden wird durch moderne Wohnhäuser ersetzt, die durch ein Netzwerk sogenannter „grüner Taschen“ (green pockets) verbunden sind. Dabei handelt es sich um reichlich begrünte und mit Bäumen bepflanzte Innenhöfe, die in den heißen Sommermonaten als natürliche Klimaanlage fungieren und gleichzeitig als Gemeinschaftszentrum für die Bewohner dienen.
„Wien festigt seine Führungsposition im Bereich des sozialen Wohnens auf internationaler Ebene“, erklärte die Wiener Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch anlässlich des feierlichen Baubeginns. Laut ihr ist es nicht das Ziel der Stadt, nur Quadratmeter in Massen zu bauen, sondern nachhaltige Gemeinschaften zu schaffen. Die städtischen Wohnungen der neuen Generation verbinden nämlich den unschlagbaren Vorteil von unbefristeten Verträgen mit modernen Gemeinschaftsdiensten, die auf demografische Veränderungen und die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts reagieren.
Wohnen ohne lebenslangen Schulden und Angst vor Kündigung
Der slowakische Wohnungsmarkt ist durch einen hohen Anteil an Eigentum und einen extrem unterbewerteten Sektor von Mietwohnungen verzerrt. Ein junger Mensch hat bei uns praktisch keine andere Möglichkeit, als sich für dreißig Jahre an die Bank zu binden. Wien zeigt, dass es auch anders geht.
Die Wohnungen im neuen Komplex an der Melangasse werden über das bewährte städtische System verteilt. Das Angebot umfasst Wohnungen von Einzimmerwohnungen für Senioren oder alleinstehende Berufstätige bis hin zu geräumigen Vierzimmerwohnungen für Familien mit mehreren Kindern. Die Grundrisse legen Wert auf Querlüftung – die meisten Wohnungen sind auf zwei Himmelsrichtungen ausgerichtet, was Überhitzung und den Bedarf an energieintensiver Klimatisierung minimiert. Jede Wohnung verfügt zudem über einen eigenen Balkon oder eine Loggia.
Der größte Vorteil für die zukünftigen Bewohner ist jedoch die soziale Sicherheit. Unbefristete Verträge bedeuten, dass die Stadt einen Mieter, der sich an die Hausordnung hält und die regulierte Miete zahlt, niemals aus der Wohnung werfen wird. Es gibt hier kein Risiko, dass der Eigentümer beschließt, die Wohnung zu verkaufen oder die kommerzielle Miete um zig Prozent zu erhöhen. Dieser Ansatz schafft ein stabiles Umfeld, in dem Menschen Wurzeln schlagen, Familien gründen und ohne ständige Angst vor dem Verlust des Daches über dem Kopf alt werden können.
Megagarage, die die Straßen von Blech befreit
Eine der größten Herausforderungen des modernen Urbanismus ist der Autoverkehr. Während slowakische Gemeinden oft mit der Parkplatzpolitik auf Kosten von Grünflächen kämpfen, hat Wien im Projekt Melangasse eine radikale und großzügige Lösung gewählt. Die Architekten haben die Autos unter die Erde geschickt, damit die Oberfläche den Menschen, Kindern und Radfahrern gehört.
Direkt unter dem neuen Wohngebäude entsteht eine Garage mit 66 Stellplätzen für die Bedürfnisse der neuen Mieter. Das ist jedoch nur ein Bruchteil des umfassenderen Plans. Bestandteil des Projekts ist der Bau einer riesigen Quartiersgarage mit einer Kapazität von bis zu 626 Stellplätzen. Dieses Parkhaus wird nicht nur den neuen Bewohnern dienen, sondern in das gesamte lokale Subzentrum an der Eipeldauer Straße integriert. Ziel ist es, die Autos von den umliegenden Straßen abzuziehen und den öffentlichen Raum für breitere Gehwege, Radwege und Straßenbegrünung freizugeben.
Für diejenigen, die nachhaltige Mobilität bevorzugen, bietet das Projekt 98 sicher und komfortabel zugängliche Fahrradabstellplätze. Die gesamte Erdgeschosszone des Komplexes wird zudem das bisher eher fade Gebiet beleben. Geplant ist ein großer Gewerberaum für Handelsbetriebe und Dienstleistungen sowie Gemeinschaftsräume für Nachbarschaftstreffen oder Feiern. Der neue Bau soll also nicht als geschlossenes Ghetto fungieren, sondern als städtebauliches Element, das bisher getrennte Teile des Viertels miteinander verbindet.
Schnell wachsender Bezirk benötigt Infrastruktur
Der Gemeindebezirk Donaustadt gehört zu den am schnellsten wachsenden Teilen Wiens. Die geografische Lage hinter der Donau bietet ausreichend Raum für Expansion, was auch Risiken im Zusammenhang mit unkontrollierter Urbanisierung mit sich bringt. Der Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy betont daher, dass der neue Bau Hand in Hand mit der Lebensqualität gehen muss.
„Donaustadt wächst, und umso wichtiger ist es, qualitativ hochwertiges und bezahlbares Wohnen zu schaffen. Der neue Gemeindebau in der Melangasse bringt nicht nur dringend benötigte Wohnungen, sondern stärkt durch neue Freiräume und Infrastruktur das gesamte Umfeld. So entsteht ein lebendiges und zukunftsorientiertes Viertel“, erklärt Nevrivy.
Laut den städtischen Unternehmen Wiener Wohnen und WIGEBA, die für die Verwaltung und Entwicklung des kommunalen Wohnungsbestands zuständig sind, erfüllt das Projekt die strengsten Kriterien der sogenannten „klimatischen Fitness“. Die kompakte Architektur minimiert Wärmeverluste, die Materialien werden unter Berücksichtigung ihrer CO2-Bilanz ausgewählt, und die Präsenz von Grünflächen direkt an den Fassaden und in den Höfen bekämpft aktiv den Effekt städtischer Wärmeinseln.
Wiener Rezept: 13.000 Menschen in neuen Gemeindewohnungen
Der Abschluss der ersten Phase des Projekts in der Melangasse und die Übergabe der Schlüssel an die ersten Mieter sind für den Herbst 2029 geplant. Auch wenn dies aus der Sicht eines ungeduldigen Wohnungssuchenden weit entfernt erscheinen mag, handelt es sich im Kontext systematischer Planung um einen fest verankerten Zeitplan.
Wien betreibt im Rahmen des Programms „Gemeindebau NEU“ derzeit 20 vollständig fertiggestellte moderne Komplexe, in denen etwa 4.500 Wiener ein Zuhause gefunden haben. Mit dem neuen Spatenstich in Donaustadt befinden sich in verschiedenen Phasen der intensiven Bauarbeiten weitere 7 Projekte mit einer Gesamtkapazität von tausend Wohnungen. Viele weitere befinden sich in der Phase der Architektenwettbewerbe und der Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Wenn wir die Gesamtdaten dieser Initiative betrachten, hat das Wiener Rathaus bereits mehr als 5.700 neue Wohneinheiten in Gang gesetzt, geplant oder fertiggestellt. In naher Zukunft werden darin etwa 13.000 Bewohner leben. Dies ist eine klare Botschaft an ganz Europa: Die Wohnkrise kann nicht mit kosmetischen Anpassungen von Gesetzen oder Zuschüssen für kommerzielle Mieten gelöst werden. Die Lösung ist der Mut der Stadt, die Initiative zu ergreifen, in eigenes Eigentum zu investieren und Viertel zu bauen, in denen das öffentliche Interesse Vorrang vor der Maximierung des Gewinns von Entwicklern hat.
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Verwendete Quellen:
Stadt Wien
Illustrationsfoto: https://www.pexels.com/de-de/foto/herbstlicher-weg-zum-dc-tower-wien-38074984/












