Wien übergibt die demokratische Staffel. Zum europäischen Zentrum bürgerschaftlichen Engagements wird das portugiesische Cascais

Die österreichische Hauptstadt schließt ihr Jahr als Europäische Hauptstadt der Demokratie ab. Die Bilanz Wiens zeigt, dass der Kampf gegen Desinformation und politische Apathie nicht nur in den Wahlurnen, sondern vor allem auf Nachbarschaftsebene, in Förderprogrammen und institutionellen Reformen geführt wird. Die Staffel wird an die atlantische Küste übergeben.

In Zeiten, in denen der alte Kontinent mit dem Anstieg des Populismus kämpft und das Vertrauen in traditionelle Institutionen unter dem Druck digitaler Desinformation erodiert, werden Städte zu den letzten Bastionen der direkten Demokratie. Wien, das im vergangenen Jahr den Titel Europäische Hauptstadt der Demokratie (European Capital of Democracy) trug, hat am Dienstag symbolisch seine Mission beendet. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) übergab diesen Titel offiziell an die portugiesische Stadt Cascais.

Dieser Akt ist nicht nur ein formeller Austausch von Zertifikaten. Für die europäischen Kommunen ist es ein Signal, dass der Schwerpunkt politischer Innovation von den nationalen Parlamenten in die Rathäuser verlagert wird, wo Politiker den Bürgern am nächsten sind. Wien hat nach Barcelona (2023/24) die Messlatte hoch gelegt – nicht nur durch die Anzahl der Veranstaltungen, sondern vor allem durch strukturelle Veränderungen, die auch nach dem Abklingen der festlichen Fanfaren bestehen bleiben sollen.

Demokratie als tägliche Arbeit, nicht als Selbstverständlichkeit

Bei der feierlichen Übergabe betonte Bürgermeister Ludwig, dass Demokratie kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess ist, der ständige Pflege erfordert. Seine Worte resonieren umso stärker im Kontext des kommenden Jahres 2025, das für Österreich ein Jahr der „Superjubiläen“ sein wird. Das Land wird 80 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wiederherstellung der Republik, 70 Jahre seit der Erklärung der Neutralität und 30 Jahre seit dem Beitritt zur Europäischen Union gedenken.

„Demokratie lebt von Austausch, Teilnahme und gegenseitigem Respekt. In Zeiten wachsender Polarisierung und autoritärer Tendenzen ist es wichtiger denn je, diese Werte zu verteidigen“, sagte Ludwig. Wien habe sich laut ihm bemüht, dieses Jahr zu nutzen, um ein Labor für neue Formen der Mitentscheidung zu werden.

Die zentrale Botschaft des „demokratischen Jahres“ in Wien ist der Wandel von passiver Entscheidungsannahme zu aktiver Teilnahme. Es handelt sich nicht um leere Phrasen – die Stadt untermauerte ihre Rhetorik mit harten Daten und Finanzen.

Vermächtnis in Zahlen: Von Förderungen bis Videospielen

Wenn wir unter die Oberfläche der offiziellen Pressemitteilungen blicken, sehen wir eine massive Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Das Wiener Magistrat organisierte in Zusammenarbeit mit Partnern im Laufe des Jahres 600 Programmpunkte. Dabei handelte es sich nicht nur um lokale Diskussionen. Die Stadt war Gastgeber für vier große internationale Konferenzen, wodurch Wien sich als diplomatisches Zentrum Mitteleuropas bestätigte.

Ein innovatives Element war der Versuch, die jüngere Generation durch Technologien anzusprechen. Im Rahmen der Veranstaltung Truth, Lies and Democracy Game Jam entstanden 14 Computerspiele, die darauf abzielen, die Spieler über die Mechanismen der Verbreitung von Desinformation aufzuklären. Dies ist ein Beispiel dafür, wie moderne Kommunalpolitik versucht, die Sprache der digitalen Ureinwohner zu sprechen, anstatt sie nur aus der Position der Autorität zu belehren.

Ein bedeutender Moment war auch die Verleihung der Innovation in Politics Awards, bei der 80 „Leuchtturmprojekte“ aus 34 Ländern im Rathaus präsentiert wurden. Diese Initiativen dienen als Reservoir bewährter Praktiken für andere europäische Städte, die nach Lösungen zur Bewältigung der Vertrauenskrise suchen.

Institutioneller Fußabdruck: Büro für Mitwirkung

Die größte Herausforderung ähnlicher Titel ist oft ihre Vergänglichkeit. Häufig bleiben nach dem Ende eines kulturellen oder politischen Jahres nur Erinnerungen und leere Kassen. Wien hat versucht, diesem Szenario durch die Schaffung dauerhafter Strukturen vorzubeugen.

Das Magistrat hat eine neue Institution gegründet – das Büro für Mitwirkung (Büro für Mitwirkung). Ihre Aufgabe ist klar definiert: bürokratische und soziale Barrieren abzubauen, die Bürger daran hindern, sich an der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten zu beteiligen. Es geht nicht nur darum, die Stimme des Volkes zu „hören“, sondern Prozesse zu schaffen, durch die diese Stimme in administrative Handlungen umgesetzt wird.

Das Ergebnis dieses Bemühens ist auch die erste Wiener Demokratie-Strategie, die der Gemeinderat im Oktober genehmigte. An ihrer Erstellung waren direkt 500 Wiener beteiligt, was ihr eine Legitimität verleiht, die über gewöhnliche Amtsdokumente hinausgeht. Mit diesem Schritt positioniert sich Wien als internationaler Vorreiter im Bereich der partizipativen Politik.

Geld direkt an die Bürger

Demokratie kostet etwas, und Wien scheute sich nicht zu investieren. Das Rathaus stellte einen speziellen Fonds in Höhe von 300.000 Euro bereit, der direkt für Bürgerprojekte vorgesehen ist. Das Interesse war enorm – bei zwei Ausschreibungen gingen mehr als 270 Anträge ein. Eine Fachjury wählte schließlich 34 Projekte aus, die eine Finanzierung erhielten.

Diese Projekte illustrieren die Vielfalt des bürgerschaftlichen Engagements. Vom gemeinschaftlichen „Beserlparktheater“ über einen experimentellen partizipativen Supermarkt bis hin zu einem Bürgerrat, der sich mit dem Verhältnis von Medien und Demokratie beschäftigt. Laut Thomas Weber, Sprecher für Demokratie der Koalitionspartei NEOS, hat diese Initiative klar gezeigt, dass, wenn den Menschen Mittel und Vertrauen gegeben werden, sie bereit sind, Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen. Die Stadt plant, dieses Modell auch im kommenden Jahr fortzusetzen.

„Ziel des Büros für Mitwirkung ist es, die Angebote der Demokratie zugänglich und nah am Alltag zu gestalten“, erklärt Wencke Hertzsch, die Leiterin dieses neuen Amtes. Die Projekte haben das verborgene Potenzial der Stadt aufgezeigt, das freigesetzt wird, wenn Räume für Mitentscheidung geschaffen werden.

Von Wien zum Atlantik

Der neue Träger des Titels für das Jahr 2026 wird das portugiesische Cascais. Bürgermeister Nuno Piteira Lopes versteckte bei der Übergabe der Staffel seine Ambitionen nicht. Für diese Küstenstadt ist der Titel eine Gelegenheit zu zeigen, wie die lokale Selbstverwaltung Vertrauen wiederherstellen und direkt die Lebensqualität der Bürger beeinflussen kann.

Cascais plant, auf den Grundlagen aufzubauen, die Barcelona und Wien gelegt haben. Lopes betonte das Engagement, die Arbeit zugunsten der internationalen Gemeinschaft fortzusetzen, und lud die Europäer ein, 2026 den „Geist der demokratischen Innovation“ hautnah zu erleben. Während Wien ein Modell einer großen mitteleuropäischen Metropole mit einem starken Sozialstaat repräsentierte, wird Cascais die Perspektive einer kleineren, aber dynamischen Stadt am Rande Europas einbringen.

Intellektuelle Schlussfolgerung des Jahres der Veränderungen

Der Abschluss des Wiener Jahres der Demokratie hat auch eine intellektuelle und künstlerische Dimension. Die Stadt veröffentlichte einen Sammelband mit Essays mit dem Titel „Stimmen unserer Stadt“, der Erfahrungen und Visionen für die Zukunft zusammenfasst. Zu dem Buch trugen namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur bei, wie die Politologin Lea Ypi oder die Professorin Barbara Prainsack, aber auch gewöhnliche Bürger, die sich in Vereinen engagieren.

Die visuelle Gestaltung der Publikation, insbesondere ihr Plakatcover, wurde von der bekannten Wiener Schriftstellerin und Illustratorin Stefanie Sargnagel entworfen, die für ihren scharfen und oft satirischen Blick auf die Gesellschaft bekannt ist. Das Buch ist online verfügbar und dient als dauerhafte Aufzeichnung des gedanklichen Prozesses, der in diesem Jahr in Wien stattfand.

Während Wien bilanziert und Cascais sich vorbereitet, blickt die Organisation Innovation in Politics Institute bereits in die weiter entfernte Zukunft. Der Auswahlprozess für die Europäische Hauptstadt der Demokratie für das Jahr 2027 läuft derzeit. Helfried Carl, der Gründer der Initiative, glaubt, dass die Beispiele Barcelona und Wien eine Bühne für den europaweiten Diskurs geschaffen haben. Ein Diskurs, der beweist, dass der beste Schutz der Demokratie nicht darin besteht, Mauern zu errichten, sondern die Möglichkeiten für Bürger zu erweitern, selbst zu Architekten der Demokratie zu werden.

Wien beweist mit seiner „erfüllten Mission“, dass auch in Krisenzeiten Politik konstruktiv sein kann. Jetzt liegt es an Portugal, zu zeigen, ob es in der Lage ist, diesen Trend aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln.

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Quelle: Stadt Wien Foto: Copyright: Stadt Wien / Christian Jobst