Wien verändert die Straßenphilosophie: Neue 2,5 Kilometer lange Strecke verdrängt den Transit und gibt den Raum den Menschen zurück

Die österreichische Hauptstadt setzt ihre massive Transformation des öffentlichen Raums fort. Das neueste Projekt geht nicht nur um das Malen von Fahrradstreifen, sondern um einen umfassenden Wandel der Straßenphilosophie – es entfernt den Transitverkehr, setzt auf die Sicherheit von Kindern und kämpft gegen Wärmeinseln mit Dutzenden neuer Bäume.

Während viele europäische Städte weiterhin Kompromisse zwischen Raum für Autos und alternativen Verkehrsformen suchen, verfolgt Wien einen klaren Trend. Das Rathaus hat kürzlich eines der Schlüsselprojekte seiner Fahrradoffensive abgeschlossen, das das Gesicht von zwei Stadtbezirken – Ottakring und Hernals – radikal verändert.

Es geht dabei nicht nur um das Verlegen neuer Asphaltflächen. Das Projekt zur Umgestaltung der Seeböckgasse und Geblergasse in eine 2,5 Kilometer lange Fahrradachse zeigt, wie modernes Stadtplanung in der Praxis aussieht. Es vereint drei zentrale Anforderungen der Gegenwart: fließende Mobilität, Klimaanpassungsfähigkeit und sicheren öffentlichen Raum für Gemeinschaften.

Das Ende der Abkürzungen für Autos

Die Grundlage der neuen Strecke, die sich von der Sandleitengasse bis zum belebten Hernalser Gürtel erstreckt, ist das Konzept der sogenannten Fahrradstraße. Für den slowakischen Fahrer, der an die Dominanz der Autos gewöhnt ist, kann dieses Modell immer noch eine Überraschung sein. In diesem Modus dürfen Radfahrer nicht nur nebeneinander fahren, sondern haben vor allem Vorrang.

Die Stadtplaner sind jedoch noch weiter gegangen. Um sicherzustellen, dass die Straße tatsächlich den Anwohnern und Radfahrern dient und nicht nur eine weitere Abkürzung für durchfahrende Autos wird, wurden „modale Filter“ eingesetzt. Technisch handelt es sich um bauliche Maßnahmen, die das Durchfahren mit dem Auto über die gesamte Länge der Straße physisch unmöglich machen, während Radfahrer und Fußgänger ohne Einschränkungen passieren können. In Kombination mit der Umkehrung der Fahrtrichtung in einigen Einbahnstraßen hat die Stadt den Transitverkehr effektiv auf die Hauptverkehrsstraßen verdrängt, wo er hingehört. Das Ergebnis ist eine ruhigere Straße.

Die Wiener Mobilitätsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) betonte bei der Eröffnung der Strecke gerade den Aspekt der Verbindung: „Wir haben eine komfortable Strecke durch zwei Bezirke geschaffen, die sicheres Radfahren zur Schule, zum Einkaufen oder in die inneren Stadtteile ermöglicht.“

Sicherheit als Priorität für Schulen

Eines der stärksten Argumente für diese Umgestaltung war die Sicherheit der verletzlichsten Verkehrsteilnehmer. Die Strecke verläuft durch ein dicht besiedeltes Gebiet, in dem sich in unmittelbarer Nähe vier Kindergärten, eine Mittelschule und zwei Gymnasien befinden.

Eltern, die bisher zögerten, ihre Kinder aufgrund des dichten Verkehrs mit dem Fahrrad zur Schule zu schicken, haben nun ein starkes Argument. Die Beruhigung des Verkehrs, die Verbreiterung der Gehwege und erhöhte Schwellen zwingen die Autofahrer zum langsamen Fahren. Kritische Punkte, wie die Anbindung an den stark frequentierten Gürtel, wurden durch neue Überwege und Ampeln gelöst, die Konfliktsituationen eliminieren.

Peter Jagsch, der Bürgermeister von Hernals, sieht im Projekt einen Gewinn für das tägliche Leben: „Für Hernals bedeutet das sichere Wege und kurze Distanzen im Alltag. So entsteht Mobilität, die zu einem guten Zusammenleben beiträgt.“

Kampf gegen den Beton-Dschungel

Wien ist sich schon länger bewusst, dass Straßen in Zeiten der Klimakrise nicht nur als Verkehrsadern dienen können. Sie müssen auch eine Funktion zur Klimatisierung der Stadt erfüllen. Das Projekt Seeböckgasse/Geblergasse ist ein Musterbeispiel für die Strategie „Raus aus dem Asphalt“.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Im Rahmen der Umgestaltung wurden 2.550 Quadratmeter versiegelte Flächen entfernt. Anstelle von strahlendem Beton wurden hier 58 neue Bäume und mehr als 1.800 Quadratmeter Grünflächen angelegt.

Ein interessantes technisches Detail ist die Verwendung von durchlässigem Pflaster auf einer Fläche von 750 Quadratmetern. Dieses System funktioniert nach dem Prinzip eines „Schwamms“ – Regenwasser fließt nicht sofort in die Kanalisation ab, sondern versickert in den Untergrund, wo es die Bäume bewässert und durch langsames Verdunsten die Umgebung an heißen Sommertagen kühlt.

Oase vor dem Haus der Barmherzigkeit

Der soziale Aspekt der Revitalisierung zeigt sich am deutlichsten in der Umgebung des Hauses der Barmherzigkeit, einer Einrichtung für Langzeitkranke. Der ursprünglich triste Raum hat sich in einen sogenannten „Pocket-Park“ verwandelt – einen Taschenpark, der den Bewohnern eine Aufenthaltsqualität direkt vor die Fenster bringt.

Sieben neue Bäume, Staudenbeete und Wasserelemente schaffen hier ein Mikroklima, das in den Sommerhitze unbezahlbar ist. Der Raum wurde um Spielgeräte und barrierefreie Sitzgelegenheiten ergänzt, was nicht nur die Senioren aus dem Heim, sondern auch Familien mit Kindern aus der Umgebung schätzen. Angelika Pipal-Leixner, Sprecherin für Mobilität der NEOS, bezeichnete dies als „Investition in die Aufenthaltsqualität mit Verkehrsberuhigung und neuen Nachbarschaftsoasen.“

Kleine Details, wie Trinkbrunnen, die entlang der Strecke verteilt sind, unterstreichen nur den Versuch der Stadt, die Straße zu einem Raum für Menschen zu machen.

Daten bestätigen Verhaltensänderungen

Die Wiener „rot-rosa“ Koalition (SPÖ und NEOS) stützt sich bei der Durchsetzung dieser Veränderungen auf harte Daten. Investitionen in die Infrastruktur zeigen Früchte in Form von Verhaltensänderungen der Bewohner. Laut der neuesten Umfrage „Modalsplit 2024“ ist der Anteil der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege in der Stadt von 7 % im Jahr 2019 auf derzeit 11 % gestiegen. Auch wenn dies wie ein moderater Anstieg erscheinen mag, ist es im Maßstab einer fast zwei Millionen Einwohner zählenden Metropole ein massiver Wandel, der Tausende von Autos bedeutet, die morgens nicht auf die Straßen fahren.

Die Eröffnung der Verbindung zwischen Ottakring und Hernals ist nur ein Puzzlestück in der Mosaik. Die Stadt hat mehr als 250 Projekte in der Planung und hat bereits fast 100 Kilometer neuer Strecken im Hauptnetz fertiggestellt. Das Ziel ist klar: ein Netz zu schaffen, in dem man sicher und bequem mit dem Fahrrad von jedem Punkt A nach Punkt B gelangt, ohne ein mutiger Sportler in einer Warnweste sein zu müssen.

Das neue Projekt zeigt, dass eine moderne Straße im 21. Jahrhundert multifunktional sein muss. Es reicht nicht mehr aus, nur eine Straße zu sein. Sie muss gleichzeitig Park, Schulhof, Klimaschutzmaßnahme und sichere Zone sein. Wien hat an den Straßen Geblergasse und Seeböckgasse gezeigt, dass dies möglich ist, wenn politische Willensbildung und qualitativ hochwertige Planung vorhanden sind. Für Bratislava und andere slowakische Städte ist dies eine Inspiration, die nur eine Stunde Zugfahrt entfernt ist.

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Quelle: Stadt Wien Foto: Copyright: Stadt Wien/Christian Fürthner