Wien hat ein neues Symbol der Unendlichkeit

Zwischen den Türmen der ikonischen Votivkirche erstrahlte gestern Abend die monumentale Installation von Billi Thanner. Die österreichische Künstlerin bringt nicht nur ein visuelles Erlebnis in den öffentlichen Raum, sondern auch eine starke Botschaft über die Unabhängigkeit der Kultur. Das Werk „Unendlichkeit des Lichts“ ist der Beweis, dass Kunst kein Stempel der Behörde benötigt, um zu strahlen.

Die Panorama von Wien verändert sich. Nicht durch Eingriffe von Entwicklern oder den Bau eines neuen Wolkenkratzers, sondern durch einen subtilen, aber unübersehbaren Eingriff in die historische Substanz der Stadt. Im Raum zwischen den beiden neogotischen Türmen der Votivkirche, einem der bedeutendsten sakralen Bauwerke Mitteleuropas, erscheint ein Lichtphänomen. Die liegende Acht. Ein Symbol der Unendlichkeit.

Das Werk mit dem Titel „Unendlichkeit des Lichts“ (Unendlichkeit des Lichts) von der etablierten Künstlerin Billi Thanner ist nicht nur eine Weihnachtsdekoration. Es handelt sich um ein anspruchsvolles künstlerisches Projekt, das Schichten von Symbolik, technischer Präzision und, was in der heutigen Zeit besonders selten ist, auch einen Ethos absoluter finanzieller Unabhängigkeit in sich trägt.

28 Meter reine Symbolik

Wenn wir die Installation durch die Linse der Zahlen betrachten, handelt es sich um ein technisch anspruchsvolles Projekt. Die Lichtskulptur hat eine beeindruckende Länge von 28,4 Metern und eine Breite von 8 Metern. Diese Maße sind nicht zufällig und wirken im Kontext der monumentalen Architektur der Votivkirche als notwendiger Kontrapunkt. Wo die Gotik den Blick des Betrachters vertikal in den Himmel zieht, bringt Thanners Installation die Horizontalität – ruhig, fließend und unendlich.

Die Form der liegenden Acht ist in der Kunst- und Mathematikgeschichte ein notorisch bekanntes Symbol. Thanner definiert es jedoch durch die Linse der Physik und Astronomie neu. Die Zahl acht verweist in diesem Fall auf acht Minuten – genau so lange braucht ein Photon des Sonnenlichts, um die Distanz von 149,6 Millionen Kilometern zu überwinden und auf die Erde zu gelangen.

In diesem Kontext wird die Lichtinstallation zur Metapher für Zeit und Verbindung. Sie erinnert uns daran, dass das Licht, das wir als sofort wahrnehmen, in Wirklichkeit ein Bote aus der Vergangenheit ist. „Unendlichkeit des Lichts ist nicht primär eine Aufforderung zum Schauen, sondern eine Erinnerung an das Licht, das uns verbindet,“ definiert die Künstlerin selbst ihr Anliegen. In einer Zeit, in der die Gesellschaft oft polarisiert und in Blasen geteilt ist, wirkt dieser Appell an das universelle „Licht“ als notwendiger Kitt.

Neugotik im Dialog mit Neon

Die Platzierung moderner Kunst an historischen Denkmälern ist immer ein schmaler Grat. Die Grenze zwischen Kitsch und qualitativ hochwertigem Kontrast ist fragil. Im Fall der Votivkirche, die im 19. Jahrhundert als Dank für die Rettung von Kaiser Franz Joseph I. nach dem Attentat erbaut wurde, ist es ein mutiger Schritt.

Der Tempel ist typisch für seine strenge Symmetrie und die Schärfe neogotischer Formen. Thanners Installation bringt in diese strenge Ordnung elementare Zartheit. Die minimalistische Lichtlinie stört die Architektur nicht, sondern tritt in einen Dialog mit ihr. So entsteht eine neue architektonische Spannung, die Passanten dazu zwingt, den Blick zu heben und die Wahrnehmung des vertrauten Raums zu überdenken.

Dieses Werk zeigt, wie eine temporäre Intervention (die Installation wird bis zum 1. August 2026 dauern) die steinerne Geschichte der Stadt beleben kann. Es geht nicht um ein Parasitieren an dem Denkmal, sondern um dessen Aktualisierung für den modernen Menschen, der die Welt durch die Linse visueller Abkürzungen und Symbole wahrnimmt.

Kunst ohne Fördermittel? In der Slowakei Sci-Fi, in Wien Realität

Vielleicht ist der interessanteste Aspekt des gesamten Projekts nicht seine visuelle Seite, sondern sein Hintergrund. Im kulturellen Raum Mitteleuropas sind wir es gewohnt, dass monumentale Kunst im öffentlichen Raum entweder mit Steuergeldern, aus Förderprogrammen oder als Teil von PR-Aktivitäten der Kirche entsteht.

Das Projekt Unendlichkeit des Lichts ist jedoch eine Anomalie. Es wurde ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert. Keine städtischen Zuschüsse, keine Mittel des Kulturministeriums, keine kirchlichen Fonds. Was noch überraschender ist, die Künstlerin Billi Thanner verzichtete auf ihr Honorar.

Diese Tatsache verändert die Wahrnehmung des gesamten Werkes. Es handelt sich nicht um einen Auftrag, sondern um ein Manifest. Thanners Credo „Kunst soll für alle sichtbar sein, die schauen wollen“ nimmt hier reale Konturen an. Durch die Ablehnung öffentlicher Gelder sicherte sich die Künstlerin absolute kreative Freiheit. Sie musste keine Kompromisse mit Kommissionen eingehen, sie musste die „gesellschaftliche Nützlichkeit“ nicht in Tabellen von Förderanträgen verteidigen.

Es ist ein Modell, das auch der slowakischen Kulturszene und den Mäzenen den Spiegel vorhält. Es zeigt, dass Philanthropie in der Kunst auch ohne Hintergedanken funktionieren kann und dass Künstler bereit sind, ihr eigenes Talent pro bono zu investieren, wenn es um eine starke Idee im öffentlichen Raum geht. Die Unabhängigkeit, die dieses Modell mit sich bringt, ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Kunst.

Technische Herausforderung und Vergänglichkeit

Die Realisierung der fast dreißig Meter hohen Konstruktion im Raum zwischen zwei Türmen erforderte eine präzise technische Vorbereitung. Die technischen Partner des Projekts mussten nicht nur die Befestigung und Stromversorgung lösen, sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Witterungseinflüssen, denen das Werk während des Winters und des heißen Sommers 2026 ausgesetzt sein wird.

Ein interessanter Aspekt ist auch die Vergänglichkeit des Werkes. Das Enddatum, festgelegt auf den 1. August 2026, erinnert uns an die Vergänglichkeit. Im Gegensatz zur steinernen Kathedrale, die hier seit Jahrhunderten steht, ist Licht flüchtig. Gerade dieser Kontrast zwischen der Beständigkeit des Steins und der Vergänglichkeit des Lichts erzeugt starke Emotionen.

Fazit: Ein Leuchtturm für die heutige Zeit

Billi Thanner bestätigt mit ihrer Installation in Wien ihre Position als Künstlerin, die sensibel, aber entschieden in den öffentlichen Diskurs eingreift. Ihre liegende Acht ist nicht nur eine ästhetische Ergänzung der Votivkirche. Sie ist eine visuelle Meditation über die Zeit, über die Distanzen, die uns trennen, und über das Licht, das uns verbindet.

In einer Zeit, in der der öffentliche Raum oft von visuellem Smog und Werbung überflutet wird, ist die reine, nicht-kommerzielle Lichtinstallation ein seltener Moment. Sie bietet Passanten die Möglichkeit, innezuhalten und über Dinge nachzudenken, die über die alltägliche Routine hinausgehen. Und das alles „kostenlos“ – im besten Sinne des Wortes, als Geschenk an die Stadt und ihre Bewohner.

Für die Besucher Wiens, aber auch für die Einheimischen eröffnet sich ab heute Abend eine neue Perspektive. Man muss nur nach oben schauen, in Richtung der Türme, und sich von acht Minuten Licht berühren lassen, das durch das Universum zu uns geflogen ist, um uns daran zu erinnern, dass wir Teil von etwas viel Größerem sind als unseren alltäglichen Problemen.

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Quelle: https://www.lichtprojekt.at/portfolio/unendlichkeit-des-lichts/ Foto: (c) vertigohyeah