Wien bricht den Mythos der Betonvororte. Die Umgebung der U-Bahn-Station Simmering zeigt, wie man Sommer in der Stadt überlebt

Wenn Sie an der Endstation der Wiener U-Bahn U3 im Arbeiterviertel Simmering aussteigen, wurden Sie über viele Jahre von der klassischen „postsocialistischen“ Realität europäischer Metropolen empfangen. Graue Flächen, glühender Asphalt, müde Grünflächen, eingesperrt in kleinen Betonquadraten, und ein Raum, der primär dazu diente, so schnell wie möglich zum Geschäft oder zur Umsteige-Bus zu gelangen. Wien versucht jedoch seit einiger Zeit einen radikalen urbanistischen Wandel.

In einer Zeit, in der mitteleuropäische Städte zunehmend intensiveren Hitzewellen und dem Phänomen der sogenannten Wärmeinseln ausgesetzt sind, präsentiert die österreichische Metropole ein Konzept, das Boden und Schatten dorthin zurückbringt, wo zuvor Baumaschinen herrschten. Das neueste Beispiel für diese Transformation ist die vollständige Revitalisierung zweier wichtiger öffentlicher Räume in unmittelbarer Nähe der Station Simmering.

Dieses Projekt ist nicht nur eine ästhetische Verschönerung der Stadt. Es ist ein Beispiel dafür, wie Millioneninvestitionen in die Infrastruktur mit direkter Demokratie und der Anpassung an die Klimakrise in der Praxis verbunden werden können. Wien ist es gelungen, über 500 Quadratmeter reine Infrastruktur in lebendige, atmende Oasen zu verwandeln.

Wenn die Natur anstelle von Klimaanlagen hilft

Der zentrale Punkt der gesamten Umgestaltung wurde der Raum um den bekannten Brunnen Froschkönigbrunnen. Ein Ort, den die Einheimischen lange als natürliches Flaniermeile genutzt haben und wo ein beliebtes Sommerterrassenrestaurant betrieben wird, litt unter einem grundlegenden Übel – im Juli und August war es hier kaum auszuhalten. Die Stadt hat daher einen radikalen Schritt unternommen, der im Urbanismus das Motto „Raus aus dem Asphalt“ trägt.

Arbeiter haben die undurchlässige dunkle Straßenbedeckung vollständig abgerissen und durch helle, spezielle sickerfähige Pflastersteine ersetzt. Diese Änderung hat gleich zwei entscheidende Effekte. Die helle Oberfläche reflektiert und absorbiert nicht so viel Sonnenstrahlung, wodurch die Temperatur im Mikrogebiet um einige Grad Celsius gesenkt wird. Gleichzeitig handelt es sich um ein wasserdurchlässiges Material, das es Niederschlägen ermöglicht, direkt in den Untergrund einzusickern, anstatt die städtische Kanalisation zu überlasten.

Um den Brunnen wuchsen zuvor 19 Bäume, die jedoch isoliert waren und um jeden Tropfen Wasser kämpften. Die Architekten haben sie miteinander verbunden und 17 große, miteinander verbundene Grünflächen mit einer Gesamtfläche von über 450 Quadratmetern geschaffen. Zu der ursprünglichen Bepflanzung wurden zudem drei neue große Bäume und fünf Hochstammsträucher gepflanzt. Der gesamte Raum hat zudem nach Jahren vollständige Barrierefreiheit erhalten, und es wurde ein modernes Trinkbrunnen-System installiert, das nicht nur zur Erfrischung der Passanten dient, sondern auch zur lokalen Luftbefeuchtung beiträgt.

Die andere Seite der Station: Stauden statt Betonbarrieren

Die Umgestaltung machte auch vor dem westlichen Ausgang der U-Bahn-Station nicht halt, der als massiver Umsteigepunkt dient. Der Vorplatz der Station war bisher ein nüchterner technischer Raum. Die Stadtplaner wählten hier eine andere Strategie als einen massiven Aushub – sie konzentrierten sich auf die sogenannte Mikrogarten und die Förderung der städtischen Biodiversität.

Vier mächtige bestehende Bäume, die hier unter beengten Bedingungen wuchsen, erhielten radikal vergrößerte Baumgruben. Diese Flächen wurden anschließend mit dichten Teppichen aus bunten Stauden bepflanzt. Laut den Stadtökologen handelt es sich hierbei nicht nur um ein visuelles Element zur Freude der Reisenden. Die richtig gewählte Zusammensetzung blühender Pflanzen schafft in der stark urbanisierten Umgebung des 11. Wiener Bezirks einen wichtigen Rückzugsort für Bestäuber und kleine Insekten, wodurch die Biodiversität in den Innenhöfen direkt gefördert wird.

Auf beiden neu gestalteten Plätzen läuft derzeit die finale Phase der Arbeiten. Diese besteht aus der Installation massiver Stadtmöbel. Wien setzt seit langem auf die Politik sogenannter konsumfreier Zonen – also Zonen, in denen Bürger sich setzen, entspannen oder sozialisieren können, ohne etwas in einem Café oder Restaurant kaufen zu müssen. Neue Bänke werden strategisch im Schatten der neu entstandenen Baumkronen platziert.

Politische Einigkeit für ein grüneres Vorort

„Gemeinsam mit den Bewohnern von Simmering machen wir diesen Bezirk Schritt für Schritt grüner, klimafreundlicher und lebenswerter“, sagt der Wiener Klimaratsmitglied Jürgen Czernohorszky. Seiner Meinung nach ist der 11. Bezirk eine Art Labor für städtische Transformation. Als Beispiel nennt er nicht nur die aktuelle Umgebung der U-Bahn, sondern auch den Familienlehrpfad und den neuen Naturpark Sonnenland, den die Stadt in wenigen Tagen eröffnet.

Seine Kollegin, die Stadtplanungsrätin Ulli Sima, erinnert daran, dass die Umgebung der U3-Station keine isolierte Insel des Erfolgs ist. „In Simmering hat sich in den letzten Jahren unter dem Motto der Entasphaltierung wirklich viel getan. Wir haben den Enkplatz komplett begrünt, wo 38 neue Bäume gepflanzt wurden. Die erste Etappe an der Simmeringer Hauptstraße bei der Litfaßstraße war nur der Anfang, aktuell haben wir die Bauarbeiten an einem weiteren Abschnitt gestartet, wo wir 52 Bäume pflanzen werden“, zählt Sima auf.

Investitionen in Arbeiter- und Industrieviertel werden auch von der Wiener Opposition gewürdigt, die an den Projekten beteiligt ist. Selma Arapovic, die Vorsitzende des NEOS-Fraktionsklubs in Wien, hebt insbesondere die Art und Weise hervor, wie die Projekte entstehen. „Es zeigt, wie moderne Stadtentwicklung aussehen sollte – Hand in Hand mit den Menschen, die ihre Umgebung am besten kennen. Das Ergebnis ist eine höhere Lebensqualität genau dort, wo die Menschen wohnen, nicht nur im glänzenden Zentrum.“

Der Bürgermeister des Stadtteils Simmering, Thomas Steinhart, ergänzt, dass der Schlüssel zum Erfolg darin besteht, Bedingungen für ein besseres nachbarschaftliches Zusammenleben zu schaffen. „Mehr Grün und neue barrierefreie Zonen bedeuten, dass ältere Menschen, Mütter mit Kinderwagen oder Schulkinder wieder einen Grund haben, Zeit in diesem Raum zu verbringen und sich zu unterhalten.“

Wenn über Millionenprojekte eine ausgeloste Jury entscheidet

Das gesamte Projekt rund um die Station Simmering hat jedoch noch eine Dimension, die über die gewöhnliche Architektur hinausgeht. Es entstand im Rahmen des partizipativen Programms Wiener Klimateam (Wiener Klimateam). Dieses Modell, das die Wiener Stadtverwaltung 2022 ins Leben rief, kehrt die klassische Planung „vom grünen Tisch“ auf den Kopf.

Der Mechanismus funktioniert einfach, aber streng. Die Bewohner der einzelnen Stadtteile können ihre Ideen zur Verbesserung des Klimas und des öffentlichen Raums in ihrer Umgebung einreichen. Seit der Gründung des Projekts haben die Wiener bereits über 5.000 Vorschläge in 11 Bezirken eingereicht. Diese Ideen werden anschließend von Experten der Stadtverwaltung und Architekten aufgegriffen, die sie in technisch und finanziell umsetzbare Projekte umwandeln – bisher sind so 75 Projekte entstanden.

Das letzte Wort darüber, was tatsächlich gebaut und aus dem städtischen Haushalt bezahlt wird, hat jedoch nicht der Bürgermeister oder die Beamten. Entscheidend ist die sogenannte Bürger*innen-Jury – eine repräsentativ ausgeloste Stichprobe von Bürgern des jeweiligen Bezirks. Dieses Modell minimiert politische Korruptionsrisiken und stellt sicher, dass Projekte mit echtem Nutzen für die Gemeinschaft umgesetzt werden. Während Simmering bereits seine Projekte abschließt, sind die aktuellen Brennpunkte der Klimateams die Wiener Bezirke Josefstadt und Penzing.

Megaprojekt, das das Gesicht ganz Wiens verändert

Simmering ist in den Plänen Wiens keine Ausnahme. Die stadtweite Offensive gegen Asphalt erreicht im Jahr 2026 Rekordzahlen. Seit Beginn dieser Strategie hat die Stadt bereits 344 große Projekte zur Anpassung an den Klimawandel realisiert.

Allein in den Straßen und Plätzen, wo zuvor Autos und graue Flächen dominierten, wurden mehr als 3.300 große Bäume mit speziellen unterirdischen Wurzelsystemen gepflanzt, die Wasser speichern können. Die Stadt hat über 2.700 neue Bänke aufgestellt und fast 2.000 Quadratmeter moderne Wasserelemente geschaffen – von Nebeldüsen bis hin zu interaktiven Wasserspielplätzen für Kinder.

In Simmering haben im Mai 2026 die Arbeiten an der bisher größten Verkehrsader des Bezirks begonnen. In der Simmeringer Hauptstraße, im Abschnitt zwischen Litfaßstraße und Zippererstraße, gräbt die Stadt derzeit buchstäblich 9.000 Quadratmeter harten Asphalts ab. Dieser wird durch eine neue Allee mit mehr als 50 Bäumen, drei Dutzend Bänken und neuen Trinkbrunnen ersetzt.

Wien sendet damit ein klares Signal an andere europäische Städte: Der Kampf gegen die Klimakrise wird nicht auf Konferenzen gewonnen, sondern direkt auf den Straßen der Vororte, wo grüne Infrastruktur anstelle von grauem Beton Platz erhält.

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Verwendete Quellen:

Stadt Wien

Foto: Copyright Stadt Wien / Christian Fürthner