Mehr als nur eine Aussicht: Die Schönbrunner Gloriette

Jeder, der das Wiener Schönbrunn besucht und durch die weitläufigen Gärten bis zum Gipfel des gegenüberliegenden Hügels schreitet, wird in Staunen versetzt. Vor ihm erhebt sich ein majestätisches Bauwerk, das das gesamte Areal krönt und einen atemberaubenden Blick auf das Schloss und die Panorama der österreichischen Metropole bietet. Die Gloriette ist jedoch nicht nur ein gewöhnlicher architektonischer Laune oder Aussichtsplattform. Es ist ein raffiniert gestaltetes Denkmal, das eine tiefgreifende politische Botschaft und eine Geschichte von Krieg, Frieden und der Stärke der Habsburger Monarchie in sich trägt.
Es war das Jahr 1775, als die Gloriette feierlich als letztes großes Bauwerk in den Schönbrunner Gärten vollendet wurde. Ihre Entstehung wurde von Kaiserin Maria Theresia initiiert, die nicht nur ein dominantes visuelles Element schaffen, sondern vor allem einen „Tempel der Ruhmes“ (Ruhmestempel) errichten wollte. Das Bauwerk sollte den Sieg und die Beständigkeit ihrer Herrschaft nach Jahrzehnten erschöpfender Kriege symbolisieren.
Kurz nach ihrem Thronantritt im Jahr 1740 musste die junge Monarchin ihr Erbe im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) verteidigen und sich später einer Koalition europäischer Mächte im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) stellen. Obwohl diese Konflikte die Monarchie fast zu Fall brachten, konnte Maria Theresia ihre Position behaupten. Die Gloriette wurde somit zu einem Denkmal des „gerechten Krieges“ – einem Konzept, das militärisches Engagement als notwendiges Mittel zur Erreichung eines dauerhaften Friedens legitimierte. Es ist eine Feier von Zähigkeit und Ausdauer, in Stein gemeißelt auf einem Hügel in 241 Metern Höhe über dem Meeresspiegel.
Die Geschichte der kaiserlichen Wiederverwertung
Mit dem Projekt wurde der kaiserliche Hofarchitekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg beauftragt. Die Kaiserin traf jedoch eine ungewöhnliche und zu jener Zeit äußerst pragmatische Entscheidung. Sie ordnete an: „In Neugebau befindet sich eine alte Galerie aus Steinsäulen und -gesimsen, die keine Verwendung hat… lasst sie abgerissen und nach Schönbrunn gebracht werden.“
Dieser Schritt, den wir heute als vorbildliche Wiederverwertung bezeichnen würden, hatte sowohl tiefgreifende wirtschaftliche als auch symbolische Bedeutung. Er sparte erhebliche Mittel und übertrug gleichzeitig einen Teil der älteren imperialen Geschichte in einen neuen Kontext. Die massiven Säulen und andere architektonische Elemente aus dem harten weißen Kalkstein, bekannt als „Kaiserstein“, wurden präzise demontiert. Dieses kostbare Material stammte aus den kaiserlichen Steinbrüchen an den Hängen der Leithagebirge und wurde vor dem Transport in den Werkstätten der Steinmetzmeister Bartholomäus Pethan und Antonius Pozza bearbeitet. So erhielten die alten Steine ein neues Leben in einem Bauwerk, das eine neue Ära der Monarchie symbolisieren sollte.
Architektonische Sprache und verborgene Botschaften
Das resultierende Bauwerk ist monumental. Ihr Hauptteil misst fast 85 Meter in der Länge, während sie zusammen mit der angrenzenden Treppe bis zu 135 Meter erreicht. Eine Breite von 14,6 Metern und eine Höhe von fast 26 Metern verleihen ihr ein imposantes Erscheinungsbild. Die reiche skulpturale Dekoration, einschließlich mächtiger Adler und militärischer Trophäen, wurde vom anerkannten Bildhauer Johann Baptist Hagenauer geschaffen.
Die wichtigste Botschaft ist jedoch direkt an der Fassade des Bauwerks eingemeißelt. Die lateinische Inschrift bedeutet in Übersetzung: „Errichtet zur Zeit des Kaisers Joseph II. und der Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1775.“ Interessant ist die Angabe des Jahres. Anstelle des üblichen römischen M für die Tausend wurde die ältere Form CIƆ verwendet, abgeleitet vom griechischen Buchstaben Phi (Φ), was der Inschrift einen archaischen und feierlichen Charakter verleiht.
Von kaiserlichen Frühstücken zu Wiener Kaffee
Obwohl die Gloriette als Denkmal erbaut wurde, änderte sich ihre Funktion im Laufe der Zeit. In späteren Jahren diente sie als exklusive Speise- und Festsaal für den Hof. Besonders beliebt war sie bei Kaiser Franz Joseph I., der hier angeblich gerne sein Frühstück in privater Atmosphäre mit ungestörtem Blick auf seine Residenz genoss.
Das stürmische 20. Jahrhundert machte auch vor dem Bauwerk nicht halt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es durch alliierte Bombardierungen schwer beschädigt, doch bereits 1947 gelang es, seine ursprüngliche Schönheit wiederherzustellen. Die endgültige Form, die wir heute kennen, erhielt es nach einer umfassenden Renovierung im Jahr 1995. Während dieser wurde auch über die Verglasung des zentralen Teils diskutiert. Letztendlich wurde auf Grundlage historischer Fotografien aus den Jahren 1790–1910 die ursprüngliche Verglasung der drei mittleren Bögen wiederhergestellt, und im April 1996 wurde hier ein Café eröffnet.
Heute dient die Gloriette somit einem dreifachen Zweck. Sie ist ein Juwel der Gartenarchitektur, eine beliebte Touristenattraktion mit einem Café und einer Aussichtsplattform auf dem Dach, bleibt aber vor allem ein stiller Zeuge der Geschichte. Sie erinnert an eine Ära, in der Wien nicht nur Zentrum von Kultur und Kunst, sondern auch Hauptstadt eines Reiches war, das um seine Existenz hart kämpfen musste.
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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gloriette_(Wien) Foto: Viedencan.at












