Im Schatten von Vorurteilen: Wien hat einen sicheren Hafen für Frauen geschaffen, die gegen Sucht kämpfen

In Wien wurde ein einzigartiges Zentrum eröffnet, das sich ausschließlich auf Frauen und ihren Kampf gegen Sucht konzentriert. Das Projekt Gesundheitsgreisslerei zeigt, warum ein geschlechtssensibler Ansatz in der Medizin unerlässlich ist und wie Tabus abgebaut werden können, die Frauen oft daran hindern, Hilfe zu suchen. Im Mittelpunkt steht nicht die Diagnose, sondern der Mensch mit seiner einzigartigen Geschichte.
Sucht wird in der Gesellschaft weiterhin durch die Linse von Vorurteilen und dem Versagen des Einzelnen wahrgenommen. Für Frauen ist dieses Stigma oft eine noch schwerere Last. Ängste vor gesellschaftlicher Verurteilung, Scham oder die Angst, die Kinder zu verlieren, schaffen eine Barriere, die es ihnen erschwert, das Problem zuzugeben und professionelle Hilfe zu suchen. Die Stadt Wien hat sich entschieden, systematisch auf diese Herausforderung zu reagieren und hat im Stadtteil Favoriten das erweiterte Zentrum Gesundheitsgreisslerei wiedereröffnet, das in ganz Österreich einzigartig ist. Seine Türen stehen ausschließlich Frauen offen.
Dieses Projekt ist nicht nur eine weitere Gesundheitseinrichtung in der Reihe. Es verkörpert einen modernen Ansatz zur Behandlung, der berücksichtigt, dass die Erfahrungen von Frauen und Männern mit Sucht sowie ihre Bedürfnisse unterschiedlich sind.
Wenn die Medizin aufhört, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren
„Die Perspektive der Medizin wurde lange Zeit vor allem durch männliche Wahrnehmungen geprägt. Das ist problematisch, denn ein geschlechtsspezifischer Ansatz ist für die physische und psychische Gesundheit unerlässlich“, betonte bei der Eröffnung die Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Frauen Katrin Gaal. Laut ihr arbeitet die Stadt Wien systematisch daran, diesen Zustand zu ändern, und die Gesundheitsgreisslerei ist neben den Frauengesundheitszentren ein weiterer wichtiger Pfeiler dieses Bemühens.
Frauen, die gegen Sucht kämpfen, stehen oft vor anderen Herausforderungen als Männer. Neben biologischen Unterschieden spielen auch gesellschaftliche Erwartungen und Rollen eine Rolle. Aus diesem Grund bietet das Zentrum ein geschütztes Umfeld, in dem sie sich ohne Angst vor Verurteilung öffnen können und in dem sensibel mit Themen wie erlebter Gewalt, Traumata oder psychischem Druck umgegangen wird, die oft eng mit der Sucht von Frauen verbunden sind.
Offene Türen für Hunderte von Frauen
Seit der ersten Eröffnung Ende 2020 haben bereits etwa 500 Frauen im Zentrum Hilfe gefunden. Die enorme Nachfrage bestätigt die Tatsache, dass nur drei Monate nach dem Start die Kapazitäten nahezu ausgeschöpft waren. Dr. Barbara Schreder-Gegenhuber, Geschäftsführerin der Trägerorganisation Schweizer Haus Hadersdorf und Leiterin der Einrichtung, erklärt das Konzept: „Wir verbinden unsere Expertise in der Suchtbehandlung mit einem feministischen, spezifisch weiblichen Ansatz, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und bewährten Methoden basiert. Dadurch schaffen wir einen stabilen Zufluchtsort und Schutzraum, in dem Frauen individuell angepasste Behandlung und Betreuung erhalten.“
Wer und wie kann diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen? „Unser Angebot richtet sich an Frauen ab 18 Jahren, die von Alkohol oder illegalen Drogen abhängig sind. Wir bieten ambulante Betreuung, von regelmäßigen wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Treffen bis hin zu intensiver ganztägiger Therapie mit einem täglichen Programm“, präzisiert Schreder-Gegenhuber.
Der Weg zur Hilfe ist so gestaltet, dass er so zugänglich wie möglich ist. Bei Alkoholproblemen erfolgt die Vermittlung über das zentrale Kompetenzzentrum der Wiener Organisation für Suchtkranke. Bei illegalen Substanzen können sich Frauen direkt an die Gesundheitsgreisslerei wenden. Der erste Kontakt ist unverbindlich und dient dazu, herauszufinden, welche Form der Hilfe für die jeweilige Frau am besten geeignet ist.
Der Mensch, nicht die Diagnose: Der Schlüssel zum Erfolg des Wiener Weges
Die Einrichtung ist ein wichtiger Bestandteil einer umfassenderen Strategie der Stadt, die Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht und Drogenfragen der Stadt Wien, als „integrierte Versorgung“ bezeichnet. Dieses Modell stellt den Menschen und nicht seine Krankheit in den Mittelpunkt. „Verschiedene Institutionen arbeiten eng zusammen, um die medizinischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse des Klienten gleichermaßen zu berücksichtigen. Dadurch erhöhen wir die Qualität der Versorgung und erleichtern den Zugang zu Hilfe“, erklärt Lochner.
Die Gesundheitsgreisslerei ist in das erfolgreiche stadtweite Programm „Alkohol. Wissen leben.“ eingebunden, das in den letzten zehn Jahren über 13.600 Menschen Beratung, Behandlung und Betreuung angeboten hat. Das Programm, das gemeinsam von der Stadt, der Pensionsversicherung und der Krankenkasse finanziert wird, zeigt messbare Ergebnisse. Begleitstudien haben gezeigt, dass sich bei etwa 40 Prozent der Teilnehmer der allgemeine Gesundheitszustand verbessert hat und bei 53 Prozent eine positive Veränderung ihrer konsumbezogenen Gewohnheiten stattgefunden hat.
Die Präsenz des Zentrums im Herzen des bevölkerungsreichen Bezirks Favoriten hat auch eine symbolische Bedeutung. „Mit dieser Einrichtung senden wir ein starkes Signal gegen Stigmatisierung und erleichtern betroffenen Frauen den Weg zu Hilfe und Therapie“, fügte der Bezirksvorsteher Marcus Franz hinzu.
Letztendlich ist das Projekt wie die Gesundheitsgreisslerei eine Erinnerung daran, dass effektive Hilfe vor allem menschlich sein muss. Sie muss auf Vertrauen, Empathie und dem Verständnis basieren, dass hinter jeder Statistik zur Sucht eine persönliche Geschichte steckt, die es verdient, ohne Vorurteile gehört zu werden. Wien zeigt damit den Weg, wie eine moderne und offene Gesellschaft ihre verletzlichsten Mitglieder unterstützen kann.
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Quelle: Stadt Wien Foto: https://images.pexels.com/photos/5256849/pexels-photo-5256849.jpeg












