Kunst an Fassaden: Wie mir die Wiener Mosaiken die Augen öffneten

Vor ein paar Monaten nahm ich zufällig an einem Vortrag zum Thema: Kunst am Bau (Kunst im öffentlichen Raum) im Österreichisch-Slowakischen Kulturverein in Wien teil. Mit diesem ungewöhnlichen Thema vertraute uns die Chefredakteurin der Zeitschrift Pohľady, die von dem bereits erwähnten Kulturverein herausgegeben wird, Ingrid Zalneva. Ich nenne sie seitdem stolz: Dokumentaristin der fast unsichtbaren Kunst.
Sie fragen sich, warum unsichtbar? Bereits beim Vortrag wurde mir in fast stummer Bewunderung bewusst, dass ich seit Jahren in einem Eingang mit roten Trauben lebe, ohne es zu bemerken. Ich sage offen und selbstkritisch, dass ich das Mosaik über der Eingangstür jahrelang gesehen, aber nicht wahrgenommen habe. Es war da, es gehörte dazu und war für mich unsichtbar. Erst nach dem Vortrag verstand ich die Einzigartigkeit der Mosaikbilder über allen Eingängen in der Wohnsiedlung, in der ich wohne. Die Mosaiken öffneten mir die Augen für eine Kunst, die viele übersehen können. Heute gehe ich mit offenen Augen durch ganz Wien und danke Ingrid für diese Möglichkeit. Ich hoffe, dass ich mit meinen Zeilen auch Ihnen buchstäblich die Augen für Kunst öffne, für die man nicht in eine Galerie gehen muss. Wir haben sie buchstäblich vor unseren Augen auf der Straße!
Wenn die Nachkriegsnot zu einer Straßengalerie wird
Ingrid Zalneva bemerkte über Jahre hinweg bei ihren Reisen durch Wien, wo sie seit vielen Jahren mit ihrer Familie lebt, die Kunstwerke an den Fassaden der Häuser. Es sind nicht nur Mosaiken, sondern auch Sgrafitti oder Plastiken, die entweder an der Fassade als große Fläche oder über den Eingängen, bei den Klingeln, zwischen den Fenstern oder sogar auf Balkonen angebracht sind. Ingrid begann sich zu fragen, warum und wie diese Werke entstanden sind und wer ihre Autoren sind. Nach Recherchen fand sie die Antwort: Die Werke sind Teil des Projekts Kunst am Bau. Diese Kunstwerke befinden sich nicht nur an städtischen Wohnhäusern (Gemeindebauten), sondern auch an privaten Häusern oder Wohnanlagen.
Die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg war in Wien im Wohnungsbereich mehr als kritisch. Ingrid gab mir Informationen aus ihrer Recherche, in der sie hinzufügt, dass in Wien 41 % der Gebäude zerstört wurden, was in Zahlen bedeutet, dass 37.000 Häuser vollständig und über 50.000 teilweise zerstört wurden. In der Hauptstadt Österreichs herrschte akuter Wohnraummangel. Die Stadt Wien hatte nach dem Krieg nicht viele finanzielle Mittel für den Bau, weshalb sie versuchte, einfache und zweckmäßige Häuser zu errichten. Diese konnten architektonisch nicht einmal im Entferntesten mit den städtischen Staatskomplexen aus den 20er oder 30er Jahren des letzten Jahrhunderts verglichen werden, als Beispiel nenne ich den Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt.

Trotz der ungünstigen finanziellen Situation beschloss das Wiener Rathaus, 1 bis 2 Prozent der gesamten Baukosten in das Projekt Kunst am Bau zu investieren. Die Künstler waren nach dem Zweiten Weltkrieg in einer schwierigen Lage. Ihnen fehlten Aufträge und vor allem Mäzene, die die Kunst unterstützten. Die Stadt ließ Ateliers renovieren, organisierte Weihnachtsverkäufe, stellte Stipendien zur Verfügung und bezog Künstler in das Projekt Kunst am Bau ein. Es wird angenommen, dass bis zu zwei Drittel der damaligen Künstler, die in Wien lebten, an diesem einzigartigen Projekt teilnahmen.
Ingrid gelang es, mehr als 400 Mosaiken zu dokumentieren, wodurch sie zur Dokumentaristin der Kunst wurde. Ein kleiner Teil der Fotos wurde für den diesjährigen Kalender des slowakischen Vereins verwendet. Die Themen der Mosaiken wurden von der Stadt Wien vorgegeben und sollten nach den Entbehrungen des Krieges positive Themen über Familie, Arbeitsteilung in der Familie, über Kinder, Obst, Natur, Blumen, Jahreszeiten usw. sein. Es kam auch vor, dass einige Entwürfe abgelehnt wurden. Ingrid konnte aufgrund der Größe keine vertikalen Mosaiken in den Kalender aufnehmen, da sie technisch nicht verarbeitet werden konnten.
Das Projekt Kunst am Bau dauerte bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und auch heute schmücken künstlerische Werke neue Häuser, die Tradition setzt sich fort. Kunst spiegelt die Zeit wider und Mosaiken sowie andere Kunstwerke sind das kulturelle Erbe Wiens. Ingrid bemerkt, dass die Stadt Wien sich vorbildlich um die Kunst im öffentlichen Raum kümmert und viele Werke unter Glaskästen schützt. Im Falle von Wärmedämmungen an Häusern werden die Mosaiken versetzt und wieder installiert.

Wurzeln in Štiavnica und die Wiener Schicksale der Künstler
Ingrid erzählte mir, dass sie mit ihrer Schwester in Banská Štiavnica geboren wurde und ihre Familie eine Nähe zur Kunst hatte. Die Mutter unterrichtete zweimal pro Woche in der Volksschule für Kunst Malerei und Ingrid probierte bei ihrer Mutter verschiedene Techniken aus. Der Vater war ein Kunstliebhaber, hatte einen großen Überblick über Kunstwerke und wusste, in welcher Galerie sie sich befinden. Ein Freund des Vaters war der Maler und Štiavnica-Geborene Jozef Kollár (1899 – 1982) und dieses Umfeld beeinflusste Ingrids Interesse an Kunst.
Was berührte Ingrid in Bezug auf die Mosaiken? Das Treffen mit der Schwiegertochter des Mosaikautors, Frau Wind, deren Schwiegervater Gerhard Wind (1938), Mitglied der Künstlergruppe Fantastischer Realismus um Ernst Fuchs, mehrere Mosaiken entworfen hat. Er starb vor kurzem, aber der Schwiegertochter gelang es, ihm einen Kalender zu schenken, in dem seine Werke abgebildet sind, und das hat ihn sehr gefreut.

Ein weiterer bedeutender Mosaikautor ist Anton Lehmden (1929 – 2018), gebürtig aus Nitra, aus der Künstlergruppe um Ernst Fuchs. Lehmden entwickelte sich allmählich zu einem bedeutenden Maler, Grafiker und Universitätsprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Bereits 1966 kaufte er ein Schloss in der Nähe der slowakischen Grenze im Dorf Deutschkreutz, wo heute sein Museum ist. Das Objekt befindet sich weiterhin im Besitz der Familie und das Museum kann nur organisiert in Gruppen besucht werden. Für einen Besuch muss man sich im Voraus per E-Mail oder telefonisch anmelden. Der Nitra-Geborene ist der Autor eines großartigen Mosaiks, das die Wände der U3-Volkstheater-Station schmückt. Für die Realisierung wurden etwa vier Millionen Steine benötigt.
Über Mosaiken könnten Ingrid und ich noch stundenlang sprechen. Die Dokumentaristin der Kunst sammelt weiterhin Informationen über weitere Werke und glaubt, dass die Kunst auch für zukünftige Generationen erhalten bleibt. Die Stadt Wien gibt mit ihrer Unterstützung die Hoffnung, dass die Kunst im öffentlichen Raum auch unseren Enkeln Freude bereiten wird.
Schönen Sonntag, Ihre Jana
Info: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die Meinungen des Autors und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des Herausgebers wider. Für den Inhalt dieses Artikels ist der Autor verantwortlich.
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Fotos: © Copyright Ingrid, Travelpotpourri












