U-Bahn: Die Geschichte der Station Volkstheater

Wien ist nicht nur eine Stadt der Walzer und Kaffeehäuser, sondern auch eine Stadt, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mühsam daran gewöhnen musste, moderne Mobilität zu zähmen. Wenn wir einen Punkt auf der Karte der österreichischen Metropole auswählen müssten, an dem historische Irrtümer, künstlerische Grandiosität und technologische Zukunft aufeinandertreffen, wäre es die U-Bahn-Station Volkstheater.

Dieses dreigeschossige unterirdische Labyrinth an der Grenze des ersten und siebten Bezirks ist nicht nur ein Umsteigepunkt. Es ist ein lebendiger Organismus, der den Wandel Wiens von einer von Autos überfluteten Stadt zu einem globalen Vorreiter im öffentlichen Verkehr widerspiegelt. Und heute steht es vor seiner größten Transformation.

Von der Straßenbahn zur „Eisenbahn“-U-Bahn

Die Geschichte des Volkstheaters begann nicht mit einem ehrgeizigen Plan für die U-Bahn, wie wir sie heute kennen. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts herrschte in Europa die Doktrin „Stadt für Automobile“. Wien versuchte damals nicht, eine vollwertige U-Bahn zu bauen, sondern vielmehr die „störenden“ Straßenbahnen unter die Erde zu bringen.

Als am 8. Oktober 1966 die Station unter dem damaligen Namen Burggasse eröffnet wurde, handelte es sich nicht um eine U-Bahn, sondern um die sogenannte „Ustraba“ (Unterpflaster-Straßenbahn). Die Ingenieure bauten damals Tunnel mit kleinerem Querschnitt, die für klassische Straßenbahnwagen gedacht waren. Es war ein Kompromiss, der sich später als logistisches Rätsel herausstellte.

Erst 1980 wurde die Station in eine vollwertige Linie U2 umgewandelt. Damit kam auch die Notwendigkeit einer Umbenennung. Der ursprüngliche Name Burggasse hätte nämlich Chaos in das System gebracht, da es in der Nähe am Gürtel bereits eine Station mit einem ähnlichen Namen gab. Die Wahl fiel auf das benachbarte Kulturhaus – das Volkstheater. Damit wurde das Schicksal der Station als kultureller Knotenpunkt besiegelt, obwohl die technischen Grenzen der „Straßenbahnvergangenheit“ sie bis heute verfolgen.

Der Preis für Fehler der Vergangenheit: Wenn eine ganze Station verschwindet

Wie kompliziert es ist, städtebauliche Entscheidungen aus einem halben Jahrhundert zu reparieren, zeigt ein Ereignis aus dem Jahr 2003. Die Modernisierung des Volkstheaters erforderte damals buchstäblich ein „Opfer“. Die ursprünglichen Bahnsteige der Linie U2 waren für kurze Züge konzipiert, was im neuen Jahrtausend nicht mehr ausreichte.

Bei deren Verlängerung stießen die Ingenieure auf die unerbittliche Realität: Die benachbarte Station Lerchenfelder Straße war so nah, dass nach der Verlängerung der Bahnsteige am Volkstheater die Züge praktisch in beiden Stationen gleichzeitig stehen würden. Das Ergebnis? Die Station Lerchenfelder Straße wurde am 27. September 2003 endgültig geschlossen und von der U-Bahn-Karte gestrichen. Es ist ein Mahnmal dafür, wie unüberlegtes Planen in den 60er Jahren die Effizienz der Stadt auch vier Jahrzehnte später beeinflusst.

Das Universum unter dem Pflaster: Vier Millionen Stücke Geschichte

Wenn die Linie U2 ein technisches Erbe ist, dann ist die darunter liegende Linie U3 ein künstlerisches Manifest. Als 1991 der tiefer gelegene Bahnsteig U3 eröffnet wurde, zeigte Wien der Welt, dass eine U-Bahn nicht nur ein grauer Betontunnel sein muss.

Das Highlight der Station ist das monumentale Mosaikwerk von Anton Lehmden mit dem Titel „Das Werden der Natur“. Auf einer Fläche von 360 Quadratmetern entfaltet sich die Geschichte vom Urknall bis zur Evolution des Lebens. Insgesamt vier Millionen Mosaiksteine, die von Meistern aus dem italienischen Spilimbergo von Hand verlegt wurden, schaffen eine Atmosphäre, die eher an eine Kathedrale als an einen Verkehrsknotenpunkt erinnert.

Die zentrale Wand, die die Entstehung des Universums darstellt, ist von hinten beleuchtet, was im Kontrast zu den dunklen geologischen Schichten an den Seitenwänden ein Gefühl von Tiefe und Spiritualität erzeugt. Es ist die erste echte „Kunst-U-Bahn“ in Wien und gehört bis heute zu den am häufigsten fotografierten Orten im gesamten Wiener Linien-System.

Eine strategische Brücke zur Kultur

Die Bedeutung des Volkstheaters stieg 2001 mit der Eröffnung des MuseumsQuartier (MQ) sprunghaft an. Aus den ehemaligen kaiserlichen Stallungen wurde einer der größten Kulturkomplexe der Welt, und die Station Volkstheater wurde zu seinem Hauptzugang. Ein Ausgang führt Sie direkt in das Areal voller Museen, Cafés und ikonischer Liegen „Enzi“.

Die Verbindung mit der Passage Bellaria schafft zudem eine strategische Fußgängerader, die den belebten siebten Bezirk sicher mit dem historischen Zentrum unter dem breiten Boulevard Ringstraße verbindet. Hier trifft die Welt der Beamten aus dem nahegelegenen Parlament auf die Welt der Künstler und Touristen, die ins MQ strömen.

Zukunft ohne Fahrer: Projekt U2xU5

Momentan durchläuft das Volkstheater jedoch eine weitere, vielleicht radikalste Phase seiner Existenz. Das Wiener Megaprojekt „Linienkreuz U2xU5“ zeichnet die Karte der Stadt neu. Die Linie U2, die hier seit Jahrzehnten verkehrt, wird sich bald auf eine neue Südroute abzweigen.

Der freigewordene Platz am Volkstheater wird von der neuen Linie U5 eingenommen – der ersten vollautomatisierten Strecke in Wien. Die Fahrgäste können bereits heute eine grundlegende Veränderung bemerken: An den Bahnsteigen wurden Glas-Sicherheitswände mit automatischen Türen installiert, die für den Betrieb von fahrerlosen Zügen unerlässlich sind.

In der Station wurde auch ein spezielles Informationszentrum eingerichtet, in dem sich die Öffentlichkeit mit Modellen der neuen Züge und Visualisierungen der zukünftigen Verbindung vertraut machen kann. Es ist symbolisch – die Station, die als unterirdischer Weg für Straßenbahnen begann, wird zum Schauplatz der modernsten Technologie, die der gegenwärtige Verkehr kennt.

Mehr als nur ein Punkt auf der Karte

Das Volkstheater ist keine „schöne“ Station im klassischen Sinne – ihr oberer Teil trägt das Siegel des pragmatischen Brutalismus und der engen Räume, die aus der Vergangenheit stammen. Doch ihre Schichten erzählen die Geschichte einer Stadt, die sich nicht scheut, Fehler zuzugeben, eine nicht funktionierende Station zu entfernen und Millionen in Kunst in einem Raum zu investieren, durch den Millionen von Menschen nur hindurch eilen.

Wenn Sie das nächste Mal von U2 auf U3 in Richtung Stephansplatz umsteigen, versuchen Sie, einen Moment bei Lehmden’s Mosaik innezuhalten. Es erinnert uns daran, dass auch in der anonymen Welt des städtischen Verkehrs Raum für die Reflexion über unsere Herkunft und unsere Zukunft besteht. Das Volkstheater ist der Beweis dafür, dass die U-Bahn das Rückgrat der Zivilisation ist, nicht nur ein Rohr für Menschen.

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Verwendete Quellen:

Illustrationsfoto: Von Manfred Werner / Tsui – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3837824

Autor: Boris Zima

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