Wanderung am Rand von Wien: Wo Beton auf Wildnis trifft und Ziegen den Stadtberg bewachen

Vergessen Sie das historische Zentrum und die kaiserlichen Gärten. Wahre Abenteuer verstecken sich oft dort, wo die Touristenkarten enden und das authentische Leben der Stadt beginnt. Eines dieser Orte ist der 22. Wiener Bezirk, Donaustadt. Hier, zwischen Feldern, Neubauten und belebten Straßen, schlängelt sich der Stadtwanderweg 10 – eine Strecke, die auf sieben Kilometern Wien aus einer völlig anderen, unerwartet rauen und gleichzeitig bezaubernden Perspektive zeigt.
Es ist ein Ausflug in ein Land der Kontraste, wo die Hauptdarsteller keine Denkmäler sind, sondern eine Herde von Bergziegen, die auf einem riesigen Müllhügel leben.
Zwischen dem Friedhof und dem Horizont der Felder
Der Ausgangspunkt der Wanderung hat eine eigenwillige Atmosphäre. Die Bushaltestelle mit dem Namen „Breitenlee Friedhof“ verheißt keinen idyllischen Beginn des Spaziergangs. Hier verlassen Sie jedoch die letzten Reste der städtischen Infrastruktur und tauchen ein in einen Raum, der eine Art Übergang zwischen Metropole und Land darstellt. Die ersten Schritte führen durch Straßen mit exotischen Namen wie Agavenweg, Thujagasse oder Oleandergasse, doch bald verschwinden die ordentlichen Häuser und der Blick öffnet sich auf weite Felder und Wiesen.
Die Strecke von sieben Kilometern und einer geschätzten Gehzeit von knapp zwei Stunden ist der ideale Nachmittagsausflug. Es handelt sich nicht um einen anspruchsvollen Bergaufstieg, sondern eher um einen meditativen Spaziergang durch eine Landschaft, die zum Nachdenken anregt, wie die moderne Stadt mit ihrem Raum umgeht. Der Weg führt durch das Biotop Rautenweg, eine kleine Oase der Ruhe, bis zu dem Punkt, der die größte Anziehungskraft und gleichzeitig das größte Paradoxon dieser Strecke darstellt.
Der Hügel, den Menschen gebaut haben, und seine gehörnten Bewohner
Bereits aus der Ferne ist der monumentale, 75 Meter hohe Hügel sichtbar, der nicht in die flache Landschaft der Pannonischen Tiefebene passt. Es handelt sich nicht um ein Naturphänomen, sondern um die Deponie Rautenweg – das zentrale Abfalllager für ganz Wien. Anstatt eines abstoßenden Ortes hat die Stadt jedoch ein funktionierendes Ökosystem geschaffen. Der Wanderweg führt entlang seines Fußes und bietet einen faszinierenden Blick auf dieses Ergebnis menschlicher Tätigkeit, das die Natur allmählich zurückerobert.
Die größte Attraktion sind jedoch seine ständigen Bewohner. Seit einem Vierteljahrhundert lebt hier eine Herde von Pinzgauer Bergziegen. Diese Tiere wurden nicht zufällig hier angesiedelt. Sie erfüllen eine wichtige ökologische Funktion: Durch das Abweiden der Vegetation verhindern sie Erosion und halten auf natürliche Weise die Stabilität der Hänge. Sie sind die besten und umweltfreundlichsten „Gärtner“, die sich die Stadt wünschen konnte. Sie zu sehen, wie sie sich mit unglaublicher Geschicklichkeit über die steilen Hänge des künstlichen Hügels bewegen, ist ein Erlebnis, das alle Vorstellungen davon, wie der Rand einer Großstadt aussehen kann, sprengt. Es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass Natur und industrielle Tätigkeit eine unerwartete Symbiose finden können.
Zweimal über die Lebensader der Stadt
Eine symbolische Verbindung von Zivilisation und Natur auf dieser Strecke ist die doppelte Überquerung der Schnellstraße S2. Fußgängerbrücken bringen Sie über den stetig pulsierenden Strom von Autos unter Ihnen. Dieser Moment ist ein starker Kontrast – auf der einen Seite der Lärm und die Geschwindigkeit moderner Verkehrsmittel, auf der anderen Seite die Stille und Ruhe der umliegenden Felder und Wälder. Hier wird einem bewusst, in welcher komplexen und verwobenen Welt wir leben.
Nach der zweiten Überquerung der Straße biegt der Weg zurück in Richtung Zivilisation, bietet jedoch zuvor einen weiteren Blick auf das grüne Gesicht von Donaustadt. Er führt durch den Norbert-Scheed-Wald, der ein Beispiel für einen modernen Ansatz zur städtischen Grünfläche ist. Es handelt sich nicht nur um einen Haufen von Bäumen, sondern um einen durchdachten Raum, der mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt: Er bietet Erholung für die Bewohner, fördert die Biodiversität, hilft im Kampf gegen den Klimawandel durch Wasserrückhalt und Luftkühlung und integriert gleichzeitig landwirtschaftliche Elemente. Es ist der Wald des 21. Jahrhunderts, der sowohl den Menschen als auch dem Planeten dient.
Stempel als Belohnung und praktische Tipps
Für Enthusiasten, die Stempel für den Wiener Touristenpass (Wanderpass) sammeln, ist der Zwerchäckerweg ein wichtiger Punkt, wo sich eine Abzweigung zum Gasthaus „Fabelhaft zum Seeblick“ befindet. Obwohl es nicht direkt auf der Strecke liegt, lohnt sich der kurze Umweg nicht nur wegen des Stempels, sondern auch wegen der Möglichkeit zur Erfrischung. Wenn Sie eine traditionellere Atmosphäre bevorzugen, gibt es direkt auf der Strecke auch den Dorfheurigen Breitenlee.
Die gesamte Strecke ist übersichtlich beschildert und für technologisch versierte Wanderer ist sie auch in der mobilen Karte der Stadt Wien verfügbar. Mit aktiviertem GPS im Telefon kann man sich kaum verlaufen.
Der Stadtwanderweg 10 ist nicht die schönste oder dramatischste Wanderung in Österreich. Ihre Stärke liegt jedoch in ihrer Ehrlichkeit und den unerwarteten Entdeckungen. Sie zeigt, dass auch von Menschen geformte Orte, wie eine rekultivierte Deponie, ein Zuhause für Tiere und ein interessantes Ziel für Menschen werden können. Es ist eine Erinnerung daran, dass Abenteuer nicht nur in wilden Bergen gesucht werden müssen, sondern auch an übersehenen Rändern von Städten, wo die interessantesten Geschichten über das Zusammenleben von Mensch und Natur stattfinden.
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Quelle: https://www.wien.gv.at/umwelt/wald/freizeit/wandern/wege/wanderweg10.html












