Rudolfsheim-Fünfhaus: Wiener Mosaik der Kontraste

Der fünfzehnte Wiener Bezirk ist ein Ort der Paradoxien. Obwohl er hinter dem belebten Gürtel liegt, der das weitere Zentrum von den Vororten trennt, erinnert sein Charakter eher an innere Bezirke. Auf kleinem Raum drängt sich eine hohe Bevölkerungszahl, es fehlen weitläufige Grünflächen und das Zentrum ist nur einen Katzensprung entfernt. Rudolfsheim-Fünfhaus ist ein Bezirk, der lange Zeit durch das definiert wurde, was er nicht ist. Heute jedoch baut er selbstbewusst seine eigene, moderne und vielfältige Identität auf, während er sich mit seiner komplexen Vergangenheit und geografischen Narben auseinandersetzt.

Wenn wir ein Element finden müssten, das den Charakter dieses Bezirks am stärksten prägt, wäre es ohne Zweifel die Westbahn. Seit der Eröffnung des ikonischen Westbahnhofs im Jahr 1858 durchschneidet diese Eisenbahnader das Gebiet in zwei ungleiche Hälften und schafft eine mentale sowie physische Barriere.

Im Süden erstrecken sich historische Viertel, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Es sind die ursprünglichen Kerne von Dörfern wie Reindorf, Braunhirschen oder Sechshaus, die sich allmählich zu einer dichten städtischen Bebauung zusammengefügt haben. Im Gegensatz dazu war der nördliche Teil, das Gebiet bekannt als Schmelz, noch im 19. Jahrhundert ein riesiges militärisches Übungsgelände und Schauplatz der k.u.k. Armee. Seine Urbanisierung erfolgte erst später, und genau hier lebt heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Bezirks.

Diese Fragmentierung hat dazu geführt, dass in Rudolfsheim-Fünfhaus nie ein so starker Lokalpatriotismus entstanden ist, wie wir ihn aus dem nahegelegenen Ottakring oder aus Floridsdorf auf der anderen Seite der Donau kennen. Die Bewohner identifizierten sich lange eher mit ihrem unmittelbaren Viertel – Grätzl – als mit dem gesamten Bezirk. In den letzten Jahren ändert sich dieser Trend jedoch. Besonders im eleganten Nibelungenviertel und rund um die lebhafte Reindorfgasse, die zum Zentrum von Kreativen und kleinen Unternehmen geworden ist, spürt man einen wachsenden Stolz auf die lokale Gemeinschaft.

Von Moorwiesen und Militärübungsplätzen zur dichten Bebauung

Die geografische Geschichte des Bezirks ist eine Geschichte der schrittweisen Zähmung der Natur. Das Gebiet liegt auf der ältesten Flussterrasse, die hier nach dem Rückzug des Urmeeres von Donau und Wien hinterlassen wurde. Gerade der Fluss Wien, heute in einem Betonkorsett gefangen, war über Jahrhunderte das dominante Element. Er brachte verheerende Überschwemmungen, bot aber gleichzeitig den Fischern Lebensunterhalt und Energie für zahlreiche Mühlen.

Nach der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 begannen hier kleine Siedlungen zu entstehen. Ihre Namen leben bis heute in den Straßennamen und Teilen des Bezirks weiter, und ihre Herkunft spiegelt sich auch im komplizierten Wappen wider. Dieses vereint Symbole von vier ehemaligen Gemeinden: den Halbmond für Rustendorf, die goldene Traube, die an die Weinbauvergangenheit Reindorfs erinnert, das sprechende Zeichen des braunen Rehs für Braunhirschen und den Erzengel Michael, der gegen den Drachen kämpft, als Symbol des kirchlichen Herrschaftsgebiets, zu dem Fünfhaus und Sechshaus gehörten.

Die größte Veränderung fand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert statt. Im Jahr 1892 wurden die Gemeinden von der wachsenden Stadt Wien verschlungen. Der größte Bauboom kam jedoch mit der Freigabe der weitläufigen Flächen des Militärübungsplatzes Schmelz. In der ersten Phase entstand hier das secessionistisch-neoklassizistische Viertel Nibelungenviertel. Nach dem Ersten Weltkrieg, in der Ära der „Roten Wien“, setzte der Bau in Form umfangreicher kommunaler Wohnanlagen fort, die modernes und erschwingliches Wohnen für die Arbeiterklasse bieten sollten.

Moderne Gesichter und pulsierendes Leben im Schatten des Betons

Früher war der 15. Bezirk ein Synonym für heruntergekommene Mietskasernen, Immigration und Probleme im Zusammenhang mit Armut. Dieser Ruf ist jedoch längst überholt. Seit der Jahrtausendwende durchläuft Rudolfsheim-Fünfhaus eine dynamische Transformation. Die Ankunft der U-Bahn-Linie U3 am Westbahnhof im Jahr 1993 und ihre weitere Ausdehnung haben die Verkehrsanbindung zum Zentrum radikal verbessert und eine neue Entwicklungsära eingeleitet.

Heute ist es ein lebendiger Bezirk. Seine größten Anziehungspunkte sind der renovierte Westbahnhof, der nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt, sondern auch ein modernes Einkaufszentrum ist, und die multifunktionale Wiener Stadthalle, die Austragungsort der größten Konzerte und Sportveranstaltungen in Österreich ist.

Statistiken zeigen jedoch auch die andere Seite der Medaille. Mit mehr als der Hälfte des Gebiets, das aus Bebauung besteht, und einem Drittel, das dem Verkehr gewidmet ist, gehört Rudolfsheim-Fünfhaus zu den am dichtesten bebauten und am stärksten verkehrsbelasteten Bezirken Wiens. Grünflächen sind eine Seltenheit und machen nur knapp 13 % der Fläche aus. Umso wichtiger sind Orte wie der Auer-Welsbach-Park, der für die Anwohner die Hauptoase der Ruhe darstellt, oder die weitläufige Kleingartenanlage auf der Schmelz.

Dunkle Schatten der Vergangenheit

Wie viele andere Teile Wiens hat auch der 15. Bezirk seine dunklen Kapitel. Die Ära des Nationalsozialismus hinterließ hier tiefe Wunden. Die lebendige jüdische Gemeinde, die hier ihre Gebetsstätten und Schulen hatte, wurde systematisch zerstört. Während der Novemberpogrome 1938 wurden die Synagogen Turnertempel und Storchenschul in Schutt und Asche gelegt. Jüdische Bewohner wurden ihres Eigentums beraubt, und diejenigen, die nicht fliehen konnten, wurden in Vernichtungslager deportiert. Diese Ereignisse werden heute durch Gedenktafeln und Projekte erinnert, die versuchen, das Gedächtnis an die verlorenen Nachbarn lebendig zu halten.

Rudolfsheim-Fünfhaus ist somit letztlich ein treues Abbild Wiens selbst – einer Stadt, die ständig in Bewegung ist. Es ist ein Ort, an dem Geschichte auf Moderne trifft, hohe Kultur auf das Alltagsleben und verschiedene Nationalitäten ein buntes und dynamisches Mosaik schaffen. Es ist ein Bezirk, der sich endgültig von seinem alten Ruf befreit hat und heute stolz sein neues, energiegeladenes und unverwechselbares Gesicht zeigt.

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Verwendete Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolfsheim-Funfhaus

Illustrationsfoto: Von Kurt Rasmussen, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61637379

Autor: Boris Zima

Mail: boris.zima@viedencan.at