Österreichischer Patient in Gefahr: Wiener Rettungsdienste am Limit, staatliche Krankenkasse bietet Almosen an

Wenn Sie in Wien die Notrufnummer wählen, erwarten Sie, dass Hilfe innerhalb weniger Minuten eintrifft. Diese Selbstverständlichkeit, an die die Bewohner der österreichischen Hauptstadt seit Jahrzehnten gewöhnt sind, bekommt jedoch ernsthafte Risse. Das System, das das Überleben von Tausenden von Menschen jährlich garantiert, steht am Rande des finanziellen Kollapses. Der Grund dafür ist nicht die Unwilligkeit der Rettungskräfte oder ein Personalmangel, sondern die harte Realität in Form einer bürokratischen Mauer seitens der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK).

Alle wichtigen Organisationen, die die notfallmedizinische Versorgung in der Hauptstadt sicherstellen – von der städtischen Berufsrettung bis hin zu renommierten Wohltätigkeitsorganisationen – schlagen gemeinsam Alarm. Die derzeitige Finanzierung durch die staatliche Krankenkasse ist langfristig unhaltbar, und es droht, dass Patienten mit weniger dringenden Diagnosen erheblich länger auf den Rettungsdienst warten müssen.

Ein Angebot, das wie ein schlechter Witz wirkt

Die Verhandlungen zwischen den Rettungsdiensten und der Gesundheitskasse ÖGK ziehen sich bereits seit dem vergangenen Herbst hin. Die letzte Verhandlungsrunde, die Anfang Juni dieses Jahres stattfand, brachte jedoch anstelle eines Kompromisses nur tiefe Enttäuschung. Die Kasse kam mit dem Vorschlag, die Tarife für ganz Österreich pauschal um 1,5 Prozent zu erhöhen. In einer Zeit, in der Europa und Österreich selbst eine massive Welle der Inflation und Preiserhöhungen durchlaufen haben, wirkt diese Zahl laut den Vertretern der Rettungsdienste geradezu absurd.

„Wir können ein hochwertiges System nicht aufrechterhalten, wenn wir langfristig mit unterbewerteten Tarifen arbeiten. Diese akute Unterfinanzierung gefährdet direkt die gesamte Struktur des Rettungsnetzes“, warnt Oliver Löhlein, der Chef des Wiener Samariterbundes.

Die Erhöhung um 1,5 Prozent deckt nicht einmal einen Bruchteil des tatsächlichen Kostenanstiegs. Die Rettungsdienste sehen sich mit dramatischen Preiserhöhungen bei Kraftstoffen, medizinischen Geräten, Arzneimitteln und Verbrauchsmaterialien konfrontiert. Auch der legitime Druck zur Erhöhung der Gehälter von medizinischem Personal, ohne das die Fahrzeuge mit Blaulicht in den Garagen stehen bleiben würden, darf nicht außer Acht gelassen werden. Seitdem ist der Dialog auf Eis gelegt, und ein neuer Termin für ein Treffen ist in weiter Ferne.

Wenn der Staat von der Wohltätigkeit profitiert

Die aktuelle Situation offenbart ein tiefes systemisches Problem im österreichischen Gesundheitswesen. Der Betrieb der Rettungsdienste in Wien ist seit langem defizitär, und die Tarife von der Kasse decken seit mehreren Jahren die tatsächlichen Kosten nicht. Das Defizit der städtischen Rettungsdienste (Berufsrettung Wien) muss von der Gemeinde direkt aus den Steuergeldern der Bürger ausgeglichen werden. Noch paradoxere Verhältnisse ergeben sich jedoch bei gemeinnützigen Organisationen wie dem Roten Kreuz, Johanniter, Malteser Hilfsdienst oder SMD.

Diese Organisationen sind gezwungen, die Kosten für den Transport von Patienten und Notfalleinsätze aus Geldern zu decken, die sie von normalen Bürgern im Rahmen von Spendenaktionen sammeln. Die Hilfe der Rettungskräfte lastet somit auf den Schultern von Freiwilligen, die Tausende von Stunden ohne Anspruch auf Vergütung arbeiten, und auf der Solidarität der Öffentlichkeit.

Laut Michael Strambach-Weissgärber von der Organisation Johanniter ist dieser Zustand inakzeptabel. „Es ist unvorstellbar, dass wir mit Sponsorengeldern einen Betrieb finanzieren, den die gesetzliche Krankenversicherung abdecken sollte. Die finanzielle Last, die wir als privater Sektor tragen müssen, wächst von Jahr zu Jahr. Dieses Modell steuert auf einen Punkt zu, an dem wir nicht mehr in der Lage sein werden, die Verfügbarkeit der Dienste im bisherigen Umfang zu garantieren.“

Der Preis der Ignoranz: Längere Wartezeiten für Patienten

Das Rettungsnetz in Wien gehört zu den fortschrittlichsten in Europa. Es zeichnet sich nicht nur durch Schnelligkeit, sondern auch durch die hohe Professionalität des Personals aus, das eines der strengsten Ausbildungsprogramme im Land durchläuft. Wenn die Kasse jedoch ihre Haltung nicht überdenkt, wird der Wiener Standard der Vergangenheit angehören.

Der Leiter der Wiener Berufsrettung, Rainer Gottwald, betont, dass die Qualität der Behandlung direkt von der angemessenen finanziellen Basis abhängt. Wenn die Ressourcen gekürzt werden, müssen die Rettungskräfte unpopuläre Maßnahmen und Priorisierungen ergreifen. Praktisch bedeutet das eines: Wenn es sich um einen Zustand handelt, der das Leben unmittelbar bedroht, wird der Rettungsdienst sofort eintreffen. Bei weniger schwerwiegenden Fällen, wie Brüchen, akuten Schmerzen ohne Bedrohung des Kreislaufs oder Transporten von chronisch Kranken, müssen Patienten in Wien jedoch lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Im vergangenen Jahr absolvierten die Wiener Teams unglaubliche 326.000 Einsätze bei Notfällen. Das zeugt von der enormen Belastung des gesamten Systems, das rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, im Einsatz ist. Die Rettungskräfte erklären, dass ihre Mission, zu helfen, unverändert bleibt – wenn jemand um Hilfe ruft, kommen sie. Gleichzeitig fügen sie jedoch hinzu, dass der Einsatz und die Hingabe der Ärzte und Techniker die fehlenden Millionen Euro, die die staatliche Krankenkasse zurückhält, langfristig nicht ersetzen können.

Die Rettungsorganisationen senden daher ein klares Ultimatum an das Management der ÖGK: Es ist Zeit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und sich dem Problem zu stellen. Die notfallmedizinische Versorgung ist kein Luxusgut, bei dem man sparen kann, sondern ein grundlegender Pfeiler der Sicherheit des Staates. Die Ignorierung der Realität durch die Beamten kann in diesem Fall fatale Folgen haben, die nicht in Prozenten, sondern in Menschenleben gemessen werden.

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Verwendete Quellen:

Berufsrettung Wien

Illustrationsfoto: By Aciarium – Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=185082397