Österreichisches System der häuslichen Pflege steht vor dem Kollaps: Leere Versprechen von Politikerinnen und Politikern zahlen die Pflegekräfte nicht

Der Sektor der 24-Stunden-Pflege in Österreich, von dem zehntausende Familien – darunter tausende Frauen aus der Slowakei – existenziell abhängig sind, steht an einem kritischen Punkt. Anlässlich des historisch ersten österreichischen Pflegetages äußerten Vertreter dieses Sektors eine klare Warnung. Das System, das seit Jahren Löcher im dortigen Sozial- und Gesundheitssystem stopft, benötigt dringend eine finanzielle und gesetzliche Wiederbelebung.

Pflegekräfte verlassen Österreich massenhaft auf der Suche nach besseren Bedingungen in Westeuropa oder kehren aufgrund niedriger Löhne und bürokratischer Belastungen zurück in ihre Heimat. Die Wiener Sprecherin des Berufsverbands, Bibiana Kudziová, stellte daher ein Paket pragmatischer und schnell umsetzbarer Maßnahmen vor. Diese haben ein einziges Ziel: sicherzustellen, dass den Pflegekräften endlich mehr netto in den Geldbörsen bleibt und dass die Familien der Erkrankten nicht durch die Inflation ruiniert werden.

Wenn Worte der Anerkennung nicht ausreichen: Der Kampf um höhere Nettogehälter

Der Kern des Problems liegt in dem, was die österreichische Gesetzgebung als „mehr netto aus brutto“ bezeichnet. Pflegekräfte arbeiten in Österreich überwiegend als Selbstständige (Einzelunternehmerinnen). Das bedeutet, dass sie von ihren Bruttohonoraren erhebliche Beträge für die Pflichtbeiträge zur Sozial- und Krankenversicherung an die dortige Institution SVS abführen müssen. Das Ergebnis ist, dass, obwohl die Familien der Patienten für die Pflege Beträge an der Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten zahlen, den Beschäftigten nach Abzug der Beiträge und Lebenshaltungskosten oft nur ein Bruchteil bleibt.

Bibiana Kudziová, die seit langem die Interessen von tausenden Frauen und Männern an der Front der häuslichen Pflege vertritt, weist darauf hin, dass die Zeit für höfliche politische Floskeln abgelaufen ist. Echte Anerkennung für diese schwere Arbeit misst sich ihrer Meinung nach nicht an Schulterklopfen vor Kameras, sondern an konkreten wirtschaftlichen Entscheidungen. Die Initiative Plattform Personenbetreuung hat daher ein Reformmodell erarbeitet, das bereits offiziell der Leitung der Sozialversicherung für Selbstständige (SVS) vorgelegt wurde.

Dieses Konzept wurde nicht aus dem Nichts entwickelt. Experten ließen sich von einem bereits bestehenden und in der Praxis bewährten Mechanismus inspirieren – dem Künstlerfonds der sozialen Sicherung (Künstlersozialversicherungsfonds). Der neu gegründete SVS-Fonds für Pflegekräfte soll nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Der Staat würde über ihn direkt die Beiträge der Pflegekräfte subventionieren, wodurch sich deren steuerliche und beitragsmäßige Belastung sofort verringern würde. Für die durchschnittliche slowakische Pflegekraft in Österreich würde dies einen sofortigen finanziellen Vorteil bedeuten: Von ihrem Bruttoeinkommen blieben ihr monatlich netto bis zu mehreren Hundert Euro mehr. Laut Kudziová ist dies der schnellste und realistischste Weg, um die Attraktivität dieses Berufs zu erhöhen, ohne dass die direkten Zahlungen für österreichische Familien untragbar steigen.

Eingefrorene Zuschüsse und die Realität im Jahr 2026

Ein weiteres, ebenso drängendes Problem ist die Ausgestaltung der finanziellen Unterstützung für die Klienten selbst. Damit sich eine österreichische Mittelstandsfamilie überhaupt die 24-Stunden-Pflege leisten kann, subventioniert der Staat die Kosten unter bestimmten Voraussetzungen. Doch dieser gesamte Zuschussmechanismus leidet unter einem fatalen Anachronismus.

Die entscheidende Einkommensgrenze, bis zu der die Familie des Patienten Anspruch auf die volle Höhe der staatlichen Förderung hat, wurde bereits im Jahr 2007 auf 2.500 Euro monatlich festgelegt. Seitdem ist diese gesetzliche Grenze fast zwei Jahrzehnte lang völlig eingefroren geblieben. Die Ignorierung der Realität und die Weigerung einer laufenden Valorisierung haben dazu geführt, dass viele Familien durch diese Grenze gefallen sind, während ihre reale Kaufkraft aufgrund der massiven Inflation der letzten Jahre stark gesunken ist.

Wenn die österreichische Regierung im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung gehandelt und die Inflationsindizes berücksichtigt hätte, müsste diese Einkommensgrenze heute auf mindestens 4.000 Euro monatlich festgelegt sein. Der aktuelle Zustand stellt die Familien vor ein unlösbares Dilemma: Entweder bezahlen sie die Pflegekraft vollständig aus eigenen Ersparnissen (was für viele untragbar ist), oder sie geben die Pflege auf und versuchen, einen Angehörigen in überfüllte staatliche Pflegeheime unterzubringen, oder ein Familienmitglied verlässt seinen Job, um das fehlende Personal zu ersetzen. All dies verursacht enorme zusätzliche Kosten für den Staatshaushalt.

Das System wird von Mittel- und Osteuropa über Wasser gehalten

Die Stimme aus Wien kommt in der Stunde der Wahrheit. Langfristige Statistiken zeigen, dass das österreichische Modell der Langzeitpflege ohne Frauen aus der Slowakei, Rumänien, Ungarn oder Bulgarien absolut nicht tragfähig ist. Diese Arbeitskräfte stellen die überwältigende Mehrheit von mehr als fünfzigtausend aktiven Pflegekräften im Land. Wenn sich die Bedingungen nicht radikal ändern, droht ein realer Exodus der Arbeitskräfte. Deutschland, die Schweiz oder andere westliche Staaten können nämlich ein günstigeres gesetzliches Umfeld und höhere Nettolöhne bieten.

Die Einrichtung eines Fonds bei der SVS und die sofortige Anhebung der Einkommensgrenzen für Klienten auf 4.000 Euro sind laut Kudziová Lösungen, die keine komplizierten, jahrelangen Reformen erfordern. Es sind administrativ klare Schritte, die den Markt innerhalb weniger Monate stabilisieren können. Der erste österreichische Pflegetag war somit kein Fest des Erfolgs, sondern ein eindringlicher politischer Appell. Wenn Österreich seinen Bürgern ein würdevolles Altern garantieren will, muss es in erster Linie würdige Bedingungen für die Menschen garantieren, die sich um sie kümmern. Versprechen sättigen niemanden mehr – jetzt ist die Bundesregierung und die Leitung der Sozialversicherungen am Zug.

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Verwendete Quellen:

Plattform Personenbetreuung TS / 22.06.2026

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