Das Rathaus feiert 200 Jahre seines Architekten und enthüllt auch familiäre Schätze

Es ist ein Symbol, das die Panoramaansicht Wiens ebenso definiert wie der Stephansdom. Das Wiener Rathaus (Rathaus) ist jedoch nicht nur ein großartiges neogotisches Bauwerk und Sitz des Bürgermeisters; es ist ein Monument bürgerlichen Stolzes, eine Bühne turbulenter politischer Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen der Stadt. Anlässlich des 200. Geburtstags seines Architekten, des Visionärs Friedrich von Schmidt, eröffnet die Wiener Bibliothek in Zusammenarbeit mit dem Wien Museum eine umfangreiche Ausstellung.

Von 23. Oktober 2025 bis 30. April 2026 bietet die Ausstellung „Monument der Stadt. Rathaus Wien“ einen Einblick in die komplexe Geschichte dieses Symbols. Die Besucher werden nicht nur die originalen Entwürfe von Schmidt oder das Modell des berühmten „Rathausmanns“ sehen, sondern auch zum ersten Mal Gegenstände aus dem Familienerbe des Architekten. Die Ausstellung nutzt zudem das Gebäude selbst als Hauptausstellungsstück – sie öffnet die historischen Säle der Bibliothek mit originalen Möbeln aus dem Jahr 1886. Der Eintritt zur Ausstellung wird während ihrer gesamten Dauer frei sein.

Symbol der Macht, das den Kaiser herausforderte

Um die Bedeutung des Wiener Rathauses zu verstehen, ist es notwendig, in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückzukehren. Nach dem Abriss der alten Stadtmauern entstand um das Zentrum Wiens der prächtige Boulevard Ringstraße. Diese Straße wurde nicht nur zu einer Verkehrsader, sondern vor allem zu einer Schaufenster der habsburgischen Monarchie. Hier errichtete die neue, wohlhabende Bourgeoisie und der Adel ihre Paläste.

Gleichzeitig fand jedoch an der Ringstraße ein stiller, aber umso sichtbarer Machtkampf statt. Während der kaiserliche Hof repräsentative kulturelle Institutionen (wie die Hofmuseen oder die Staatsoper) und militärische Symbole (Kasernen) errichtete, entschied sich das liberale und zunehmend selbstbewusste Stadtparlament, ein eigenes Monument zu bauen. Es sollte das größte Verwaltungsgebäude der Stadt werden und vor allem – es sollte ein Rathaus sein, das mit seiner Pracht deutlich demonstrierte: „Wir, die Bürger Wiens, sind eine Macht, mit der man rechnen muss.“

Dieses neue „Hofburg der Bürger“ sollte direkt gegenüber der kaiserlichen Hofburg stehen, erhielt schließlich aber ein Grundstück auf dem ehemaligen Militärübungsplatz. Der Wettbewerb für den Entwurf des Gebäudes wurde 1868 vom deutschen Architekten Friedrich von Schmidt gewonnen. Seine Vision war nicht zufällig. Während staatliche Gebäude an der Ringstraße oft den neorenaisance Stil verwendeten (eine Anspielung auf den Humanismus und die italienischen Stadtstaaten), entschied sich Schmidt für die Neugotik.

Es war nicht nur eine ästhetische Laune. Die Gotik wurde als Symbol der mittelalterlichen freien Stadtstaaten und bürgerlichen Autonomie in Flandern oder Norddeutschland wahrgenommen. Mit der Wahl dieses Stils sendeten Schmidt und der Stadtrat eine klare politische Botschaft. Der Bau dauerte elf Jahre (1872 – 1883) und das Ergebnis war ein Gebäude gigantischer Dimensionen, das bis heute das Wiener Zentrum dominiert.

Friedrich von Schmidt: Ein Meister, der den Schatten des Doms nicht fürchtete

Wer war der Mann, dessen 200. Geburtstag Wien feiert? Friedrich von Schmidt, geboren 1825 in Württemberg, war einer der bedeutendsten Architekten des späten Historismus. Obwohl er heute vor allem mit Wien in Verbindung gebracht wird, verbrachte er entscheidende Jahre in Köln, wo er an der Vollendung des berühmten Doms arbeitete. Dort wurde er zum absoluten Meister der gotischen Formen.

1859 kam er nach Wien, um Professor an der Akademie der bildenden Künste zu werden. Er etablierte sich schnell und sein Atelier wurde zur Brutstätte einer neuen Generation von Architekten, darunter Otto Wagner, der zukünftige Pionier der Moderne.

Schmidts Beitrag zu Wien beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Rathaus. Als Hauptarchitekt des Stephansdoms leitete er dessen umfangreiche Rekonstruktion und rettete ihn im Grunde vor dem Verfall. Sein Handwerk zeigt sich auch in anderen sakralen Bauwerken, wie der Lazaristenkirche oder der Kirche Maria vom Siege im Stadtteil Fünfhaus. Seine Meisterschaft bestand darin, nicht nur mittelalterliche Vorbilder zu kopieren, sondern ihnen einen neuen, modernen Geist des 19. Jahrhunderts einzuhauchen.

Gerade dieser Persönlichkeit ist ein eigener Abschnitt der Ausstellung gewidmet. Die Kuratoren Andreas Nierhaus (Wien Museum) und Gerhard Murauer (Wienbibliothek) versprechen einen intimen Blick auf den Architekten. Die Besucher werden seine originalen Skizzen und Pläne zum Rathaus sehen, die die Komplexität des Projekts offenbaren. Ein absolutes Highlight sollen jedoch bisher nie ausgestellte Erinnerungsstücke aus dem Familienbesitz sein, die diesem Giganten der Architektur eine menschlichere Dimension verleihen.

Bühne der Geschichte: Von Rotem Wien bis zum Life Ball

Die Ausstellung konzentriert sich nicht nur auf die Architektur, sondern auch auf das „Leben“ des Gebäudes – seine 140-jährige Nutzungsgeschichte. Das Rathaus war nie nur ein Amt. Von Anfang an war es als Raum für prächtige Feiern des Wiener Bürgertums konzipiert.

Gleichzeitig wurde es jedoch zum Epizentrum der wichtigsten politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Als Wien nach dem Sturz der Monarchie im Jahr 1918 zur Hochburg der Sozialdemokratie wurde, verwandelte sich das Rathaus in ein Symbol des „Roten Wien“ (Rotes Wien). Hier wurden revolutionäre soziale Reformen beschlossen und vom Platz davor sprachen Massen von Zehntausenden während der Maifeierlichkeiten. Die Ausstellung wird diese Ära ebenso in Erinnerung rufen wie die Eröffnungs-Ausstellung von 1883.

Dieser Kontrast zwischen politischer Arena und gesellschaftlichem Zentrum setzt sich bis heute fort. Das Rathaus beherbergt den traditionellen „Ball der Stadt Wien“, war aber gleichzeitig jahrzehntelang die Heimat des modernen und extravaganten „Life Ball“, einer der größten Wohltätigkeitsveranstaltungen der Welt im Kampf gegen AIDS. Die Ausstellung wird Objekte und Plakate aus beiden Welten präsentieren, wodurch die Fähigkeit des Gebäudes illustriert wird, als Bühne für sich ständig verändernde politische und gesellschaftliche Debatten zu dienen. Unter den Exponaten wird auch ein Unikat zu finden sein – Jugendstiluhren aus dem Rathauskeller, die beweisen, dass das Gebäude lebte und sich auch neuen künstlerischen Strömungen anpasste.

Wenn die Bibliothek selbst ein Exponat ist

Das beeindruckendste Exponat der Ausstellung ist jedoch, so die Kuratoren, das Rathaus selbst und seine Inneneinrichtung. Im Gegensatz zu herkömmlichen Ausstellungen in sterilen Galerien findet diese direkt im historischen Herzen des Gebäudes statt – in der Wiener Bibliothek (Wienbibliothek im Rathaus).

Diese Institution, die eine wissenschaftliche Bibliothek ist, die sich auf die Geschichte und Kultur Wiens konzentriert, wird für die Ausstellung ihre historischen Räumlichkeiten zugänglich machen. Die Besucher werden somit direkt in den Lesesaal und das Ausstellungszimmer eintreten, die 1886 eingerichtet wurden und bis heute die originalen, maßgefertigten Möbel bewahren.

Ein Spaziergang durch diese Säle ist an sich eine Zeitreise. Zwischen Regalen voller seltener Bücher werden Schätze aus den Sammlungen der Bibliothek und des Museums ausgestellt, ergänzt durch eine Auswahl von Plakaten, die im Laufe der Jahrzehnte die ikonische Silhouette des Rathauses zur Werbung für die unterschiedlichsten Veranstaltungen genutzt haben.

Ein Spaziergang auf den Spuren Friedrich von Schmidts wird somit nicht nur ein akademischer Blick auf Pläne und Modelle sein, sondern ein unmittelbares physisches Erlebnis seines größten Werkes – eines Werkes, das aus Widerstand geboren wurde und zu einem dauerhaften Monument Wiens wurde.

Die Ausstellung „Monument der Stadt. Rathaus Wien“

Die Ausstellung zum 200. Geburtstag des Architekten Friedrich von Schmidt.

Wo: Wienbibliothek im Rathaus, Wien, Österreich.

Adresse: 1010 Wien, Rathaus, Eingang Felderstraße, Treppe 6, 1. Stock.

Dauer: 23. Oktober 2025 – 30. April 2026

Öffnungszeiten: Montag – Donnerstag (9:00 – 19:00), Freitag (9:00 – 17:00).

Geschlossen: Samstage, Sonntage und Feiertage.

Eintritt: Eintritt frei.

Organisatoren: Wienbibliothek im Rathaus in Zusammenarbeit mit dem Wien Museum.

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Quelle: https://www.wienbibliothek.at/besuchen-entdecken/ausstellungen/ausstellung-monument-stadt-rathaus-wien Foto: Wikimedia Commons Rathaus Wien Christkindlmarkt Front Panorama.jpg