Warum der leere Korb das luxuriöseste Geschenk ist

Die Feiertage des Friedens und der Ruhe haben sich in der modernen Gesellschaft paradox zu Feiertagen des Stresses und der extremen Abfallproduktion gewandelt. Während Handelsketten Rekorde bei den Umsätzen brechen, bereiten sich die kommunalen Dienste auf einen Ansturm vor, der seinesgleichen sucht. Ein Beispiel aus dem benachbarten Wien zeigt jedoch, dass die Weihnachtszeit nicht zwangsläufig mit einer ökologischen Katastrophe in unseren Wohnzimmern verbunden sein muss. Es genügt, die Perspektive zu ändern.
Es ist ein jährliches Ritual. Zuerst Stunden mit der Auswahl der Geschenke, dann weitere Stunden mit dem Einpacken in glänzendes Papier, das seinen Zweck genau fünf Sekunden erfüllt – bis der Beschenkte es aufreißt und zerknüllt. Das Ergebnis des Heiligen Abends sind in Millionen Haushalten überfüllte Müllsäcke, in denen Essensreste mit Kilogramm von Zellulose, Plastikbändern und Styropor vermischt sind. Im Kontext der Klimakrise und der Erschöpfung von Ressourcen erscheint dieses Modell nicht nur als unhaltbar, sondern geradezu als arrogant gegenüber zukünftigen Generationen.
Die Philosophie, die die Wiener Stadtorganisation für Abfallwirtschaft (MA 48) verfolgt, ist dabei trivial einfach, wirkt in der Konsumgesellschaft jedoch fast revolutionär: Der beste Abfall ist der, der gar nicht entsteht.
Das Ende der Papier- und Klebezeit
Einer der größten Quellen unnötigen Weihnachtsabfalls ist das Verpacken. Es wird geschätzt, dass der Papierverbrauch während der Feiertage um zig Prozent steigt. Die meisten Geschenkpapieren enthalten dabei Zusätze von Metallen, Kunststoffen oder Glitzer, die eine Recycling unmöglich machen. Sie enden somit in Müllverbrennungsanlagen oder auf Deponien.
Wien reagiert pragmatisch auf dieses Problem. Anstatt zu moralisieren, bietet es eine funktionale Alternative in Form der sogenannten „48er-Geschenksäcke“. Es handelt sich um wiederverwendbare Stoffbeutel mit verschiedenen Designs, die zwei Probleme gleichzeitig lösen – das ästhetische und das ökologische.
Jürgen Czernohorszky, der Wiener Klimaratsmitglied, benennt es treffend: „Gegner des Verpackens sparen sich die lästige Arbeit mit Papier, Scheren und Klebeband – bei unserem Geschenksack genügt ein Knoten oder eine Schleife. Es ist gleichzeitig ein großartiger Beitrag zur zirkulären Wirtschaft in unserer Stadt.“
Dieses System hat einen tieferen psychologischen Einfluss, als es auf den ersten Blick scheint. Der Geschenksack wird Teil des Geschenks, ein wanderndes Objekt, das in der Familie oder unter Freunden über Jahre zirkulieren kann. Die Stadt bietet diese Säcke ganzjährig in den Betrieben, die als 48er-Tandler (Stadt Wien Basar) bekannt sind, an, wobei die Preise motivierend festgelegt sind – von 4 Euro für die kleinste bis zu 8 Euro für die XL-Version. Es ist eine Investition, die sich nicht nur finanziell (man kauft nicht jedes Jahr Papier), sondern vor allem durch die Verringerung des ökologischen Fußabdrucks auszahlt.
Vintage ist kein „Notbehelf“, sondern ein Lebensstil
Ein weiterer Pfeiler, auf dem der Versuch für grünere Weihnachten steht, ist die Neubewertung dessen, was wir als wertvolles Geschenk betrachten. Die Marketingabteilungen großer Unternehmen haben uns jahrelang darin trainiert, dass ein Geschenk neu, in Folie verpackt und idealerweise teuer sein muss. Die Realität? Eine enorme Menge an Energie und Rohstoffen, die für die Herstellung von Dingen verbraucht wird, die oft vergessen in einem Schrank enden.
Der Trend wendet sich jedoch. Die Second-Hand-Kultur ist längst nicht mehr das Terrain sozial schwächerer Schichten. Im Gegenteil, sie wird zu einem Zeichen des Bewusstseins und der Suche nach Originalität. Der Wiener 48er-Tandler ist ein Beweis dafür. Bis zum 20. Dezember fungiert er als vollwertiger Weihnachtsladen, in dem man jedoch keine Massenproduktion aus Asien findet, sondern geprüfte Stücke mit Geschichte.
Ob es sich um Musikinstrumente, Bücher, Gesellschaftsspiele oder sogar Möbel handelt, das Verschenken eines gebrauchten Gegenstandes trägt eine starke Botschaft: Mir liegt etwas an unserem Planeten und ich habe mir die Mühe gemacht, etwas Einzigartiges zu finden. Für diejenigen, die sich nicht trauen, einen bestimmten Gegenstand auszuwählen, hat die Stadt auch Geschenkgutscheine im Wert von 5 Euro eingeführt. Es ist eine elegante Möglichkeit, jemanden zur Idee des Reuse (Wiederverwendung) zu bringen, ohne ihm einen bestimmten Geschmack aufzuzwingen.
Was tun mit „dänischen Geschenken“?
Jeder kennt es. Unter dem Weihnachtsbaum findet man ein Buch, das man bereits gelesen hat, oder einen Pullover, der nicht passt. In der Vergangenheit endeten diese Gegenstände oft im kommunalen Müll, im besten Fall verstaubten sie. Der moderne Ansatz zur Abfallwirtschaft sieht jedoch jeden Gegenstand als Ressource.
Wien hat daher ein Netzwerk von Sammelstellen geschaffen – die sogenannten „48er-Tandler-Boxen“, die sich auf den Wertstoffhöfen (Mistplätze) befinden. Bürger können hier funktionale, aber für sie nicht benötigte Dinge abgeben. Diese Gegenstände verlängern nicht nur ihren Lebenszyklus, sondern erfüllen auch eine soziale Funktion. Entweder werden sie zu symbolischen Preisen im städtischen Basar verkauft, wodurch sie für einkommensschwache Gruppen zugänglich werden, oder sie gehen direkt an gemeinnützige Organisationen.
Dieses System lehrt uns eine wichtige Lektion: Nur weil wir etwas nicht benötigen, bedeutet das nicht, dass es Abfall ist. Platz in unserem Zuhause zu schaffen, muss also nicht bedeuten, eine Deponie zu füllen. Es ist ein Akt der Solidarität – sowohl sozial als auch ökologisch.
Der Mythos der wundersamen Trennung
Neben der Vermeidung von Abfall und der Wiederverwendung von Dingen bleibt die Trennung selbst ein zentrales Thema. Unter der Öffentlichkeit kursiert immer noch ein gefährlicher Mythos: „Die schütten das sowieso alles in einen Haufen und sortieren es dann.“ Experten der Abfallwirtschaft warnen jedoch, dass dieser Irrtum fatale Folgen hat.
Die Realität ist unerbittlich – was in die schwarze Tonne für gemischten Haushaltsabfall (Restmüll) gelangt, bleibt dort. Dieser Abfall wird nicht nachträglich sortiert. Er wandert direkt in die Müllverbrennungsanlage. Wenn Sie also eine Aluminiumdose oder eine PET-Flasche in den normalen Müll werfen, ist dieses Material unwiderruflich verloren. Recycling ist nur möglich, wenn der Bürger den ersten und wichtigsten Schritt macht: die Trennung an der Quelle.
Während der Weihnachtszeit, wenn das Abfallvolumen enorm ist, ist Disziplin bei der Trennung entscheidend. Schlecht sortierter Abfall entwertet nicht nur die Sekundärrohstoffe, sondern verteuert auch das gesamte Abfallmanagementsystem, was sich letztendlich in den Gebühren für die Bürger niederschlägt.
Logistik der Verantwortung
Für diejenigen, die sich entscheiden, sich direkt am Wiener Modell zu orientieren, ist es wichtig, auch die logistischen Details zu kennen. Die städtischen Basare in Margareten und Donaustadt sind bis zum 20. Dezember geöffnet. Anschließend gönnen sich auch die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft eine wohlverdiente Pause, und die Tore schließen vom 22. Dezember bis zu den Heiligen Drei Königen.
Die Wiedereröffnung am 7. Januar wird den symbolischen Start ins neue Jahr markieren – ein Jahr, in dem wir uns bemühen sollten, unsere Mülltonnen leichter und unser Gewissen reiner zu halten.
Die journalistische Praxis zeigt uns, dass Themen wie Abfallwirtschaft oft am Rande des Interesses stehen, überschattet von großer Politik oder Skandalen. Doch gerade die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Resten umgeht, ist eines der genauesten Indikatoren für ihre Reife. Wien zeigt uns den Weg, wo Weihnachten kein Fest des Konsums, sondern eine Feier der Nachhaltigkeit und gegenseitigen Rücksichtnahme ist. Es liegt an uns, ob wir uns ein Beispiel an diesem Ansatz nehmen oder der zerknüllten Papierschnipsel treu bleiben.
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Quelle: Stadt Wien Foto: CopyrightStadt Wien/Martin Votava












