Ein Spaziergang durch das alte Ottakring mit einer Zeitzeugin

Jedes Haus und jede Straße im alten Ottakring hat ihre eigene Geschichte. Die 78-jährige Anna, die hier ihre Kindheit verbracht hat, hat ihre Geschichte mit mir geteilt. Kommen Sie mit uns und lauschen Sie den Erinnerungen an Zeiten, als sich die Nachbarn beim Namen kannten, im Hof Kuchen gebacken wurden und in der Küche im Winter Hühner gehalten wurden.
Meine Bekannte Anna, heute 78 Jahre alt, wurde in Ottakring geboren und wuchs dort auf. Obwohl sie seit Jahrzehnten nicht mehr hier lebt, erinnert sie sich gerne an ihre Kindheit. „Heute grüßen sich die Nachbarn nicht, sie reden überhaupt nicht miteinander und vielleicht kennen sie sich nicht einmal,“ begann Anna ihre Erzählung.
Wir trafen uns im Sandleitenhof, den viele Wiener als Kulturzentrum Soho Ottakring kennen. Anna wuchs in der Redtenbachgasse auf, die in der Nähe der U-Bahn- und S-Bahn-Station Ottakring liegt. Sie erinnert sich, dass es vor der Station einen Markt gab und die Kinder „sauerem Kraut“ probieren durften, den Geruch mochte sie nicht. In dem Haus, in dem sie aufwuchs, lebten viele Tschechen, auch Annas Mutter hatte tschechische Wurzeln. Zu Hause wurde jedoch Deutsch gesprochen, der Vater war Österreicher. Aus Annas Erzählungen wusste sie, dass viele Verwandte ihrer Mutter nach dem Krieg in Wien siedelten und sie kannte den Ausdruck „Beneš-Dekrete“, ohne dessen Bedeutung zu verstehen.
Wie man früher lebte
„In dem Haus, in dem ich wohnte, gab es Wasser in den Wohnungen, aber die Toiletten, die wir „Häusl“ nannten, teilten sich mehrere Familien. Im Winter konnte man dort wegen der Kälte nicht bleiben! Die Großmutter kochte heißes Wasser und stellte es ins Häusl. Das Verdampfen des Wassers erlaubte es, wenigstens ein wenig auf dem Thron zu sitzen. Zu Hause wuschen wir uns eher selten. Das Wasser wurde in großen Töpfen erhitzt und in einer alten Holzbadewanne badeten nur die Kinder und manchmal die Frauen. Die Erwachsenen gingen in die sogenannten „Tröpferlbad“ oder zu Bekannten, wie Annas Familie zu ihrer Tante im Sandleitenhof.
Alle Bewohner des Hauses kannten sich, wussten fast alles übereinander und Hochzeiten waren eine Hausveranstaltung. Bescheidene Feiern fanden direkt im Hof statt. Die Kleider für die Braut wurden wie ein Staffelstab von Nachbarn weitergegeben.
Nachbarn, Hühner und Samstagskuchen
In der Wohnung von Annas Eltern, in 3 Zimmern, lebten auch ihre Großeltern väterlicherseits und sogar eine Zeit lang die Urgroßmutter. Die Frauen waren Hausfrauen, Annas Vater und auch ihr Großvater arbeiteten bei der Eisenbahn und waren entweder bei der Arbeit oder schliefen nach der Nachtschicht.
Mit Liebe erinnert sich Anna an die heißen Sommertage, die sie im nahegelegenen Kongressbad verbrachte. In der Familie war Anna ein Einzelkind und ging oft mit ihrer Großmutter in den Kongresspark, wo sie ihre Cousinen traf, die im Sandleitenhof lebten. Von ihrem Großvater bekam sie Taschengeld und kaufte in einem kleinen Geschäft in der Hernalser Hauptstraße Süßigkeiten, Eis und andere Leckereien.
„Ich liebte die Samstage in unserem Haus. Schon morgens bereiteten die Frauen den Teig vor und backten Kuchen, Gugelhupf und andere Leckereien, und nachmittags trafen sich die Nachbarinnen im Hof bei Kaffee und Plauderei. Die ältere Generation sprach Tschechisch und wir Kinder Wienerisch. Ich vermisse das und oft erinnere ich mich samstags an diese wunderbare Atmosphäre,“ fügt Anna mit Tränen in den Augen hinzu.
Der Familie gelang es Anfang der 50er Jahre, einen kleinen Garten im 10. Bezirk von Wien zu bekommen, wo sie Gemüse, Obst anbauten und Hühner hielten. Anna fragte mich lachend: „Weißt du, was im Winter mit den Hühnern passiert ist?“ Natürlich wusste ich es nicht. Anna antwortete mir lachend: „Die, die wir nicht gegessen haben, hat mein Vater mit dem Fahrrad im Winter in die Wärme gebracht, das heißt in unsere Wohnung. Bis zum Frühling hielten uns die Hühner in der Küche Gesellschaft, bis wir sie gegessen und neue gekauft haben.“
„Heute haben die Leute Hunde, Katzen, Schlangen und andere Tiere zu Hause, wir hatten Hühner und frische Eier.“ Anna fügt hinzu: „Das Ottakring meiner Jugend gibt es nicht mehr, nur die Häuser sind als Zeitzeugen geblieben. Ich komme gerne hierher zurück, dieses Viertel ist für immer: Meine Heimat, mein Zuhause.“
Ihre Jana
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