Ein Schatz aus den Alpen, der direkt aus dem Wasserhahn fließt: Die Geschichte des Wassers, die Wien die ganze Welt beneidet

Während in vielen Metropolen der Welt das Trinken von Leitungswasser eher ein Risiko darstellt, ist es in Wien ein Privileg und ein alltäglicher Luxus. Hinter dem erfrischenden Schluck verbirgt sich keine komplizierte chemische Aufbereitung, sondern eine faszinierende Geschichte des Weges, den das Wasser von unberührten Alpenhöhen bis in die Gläser der Wiener zurücklegt. Es ist das Ergebnis genialer Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts und kompromissloser Natur- schutzmaßnahmen.
Das Wasser in der Hauptstadt Österreichs ist nicht einfach nur H₂O. Es handelt sich um hochwertiges Bergquellwasser, das problemlos in Flaschen zu einem Premiumpreis verkauft werden könnte. Stattdessen fließt es ununterbrochen und fast kostenlos aus jedem Wasserhahn. Sein Weg beginnt weit entfernt vom städtischen Trubel, in den geschützten Gebirgen Niederösterreichs und der Steiermark.
Zwei Bergquellen für die Millionenmetropole
Die Wasserversorgung Wiens basiert auf zwei Säulen – zwei monumentalen Aquädukten, die Wasser aus zwei unterschiedlichen Regionen heranführen. Der erste und ältere von ihnen, bekannt als I. Hochquellenleitung, wurde 1873 feierlich eröffnet. Der Bau war eine direkte Antwort auf die verzweifelte hygienische Situation in der Stadt, wo kontaminiertes Wasser aus Brunnen und der Donau regelmäßig tödliche Cholera- und Typhus-Epidemien verursachte. Dieser Aquädukt führt kristallklares Wasser aus den Gebieten Schneeberg, Rax und Schneealpe, die etwa 100 Kilometer von der Stadt entfernt liegen.
Mit dem Wachstum Wiens am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert reichte die Kapazität der ersten Leitung jedoch nicht mehr aus. Daher wurde der Bau einer zweiten, noch ehrgeizigeren Leitung in Angriff genommen. II. Hochquellenleitung, die 1910 in Betrieb genommen wurde, führt Wasser aus dem steirischen Gebirge Hochschwab. Dieser Zweig ist beeindruckende 180 Kilometer lang und sichert den Großteil des täglichen Wasserbedarfs der Stadt.
Gemeinsam liefern diese beiden Systeme Wien täglich etwa 400 Millionen Liter Wasser. Ihre Qualität ist so hoch, dass sie als eine der besten der Welt gilt. Sie benötigt weder Chlor noch andere chemische Desinfektionsmittel. Ihre Reinheit garantiert die Natur selbst – das Wasser sickert monatelang durch kalkhaltige Felsen, die als gigantischer natürlicher Filter fungieren.
Schwerkraft als Hauptantrieb
Das größte technische Wunder des gesamten Systems ist die Tatsache, dass es ohne eine einzige Pumpe funktioniert. Ingenieure des 19. Jahrhunderts nutzten ein einfaches, aber geniales Prinzip – die Schwerkraft. Die Quellen liegen mehrere Hundert Meter über dem Stadtniveau. Dieser Höhenunterschied reicht aus, damit das Wasser durch Schwerkraft die gesamte Strecke zurücklegt und mit ausreichendem Druck bis in die obersten Etagen der Wiener Gebäude gelangt.
Der Weg vom Hochschwab zum Wiener Wasserspeicher dauert für das Wasser etwa 36 Stunden. Während dieser Reise überwindet es Berge und Täler dank eines ausgeklügelten Netzes aus Tunneln, Aquädukten und Rohrleitungen. Diese ökologische Transportmethode hat auch einen weiteren Vorteil. Die Kraft des fließenden Wassers wird zur Stromerzeugung genutzt. Entlang der Strecke sind mehrere kleine Wasserkraftwerke installiert, die jährlich etwa 65 Millionen Kilowattstunden elektrischen Strom erzeugen. Das ist genug, um den Verbrauch einer kleineren Stadt wie Wiener Neustadt zu decken.
Strenger Schutz für perfekte Reinheit
Um die jungfräuliche Qualität des Wassers zu bewahren, wendet die Stadt Wien äußerst strenge Regeln zum Schutz der Quellen an. Das gesamte Quellgebiet mit einer Fläche von 675 Quadratkilometern ist eine geschützte Zone. In diesem Gebiet gilt ein Verbot für industrielle Aktivitäten und Bauarbeiten. Landwirtschaft und Forstwirtschaft sind hier nur im ökologischen Rahmen erlaubt, ohne den Einsatz von Pestiziden und künstlichen Düngemitteln. Die Stadt Wien besitzt sogar den Großteil der Wälder in diesen Gebieten, um die volle Kontrolle über den Schutz ihres wertvollsten Schatzes zu haben.
Bevor das Wasser zu den Verbrauchern gelangt, wird es in 31 großen Wasserspeichern gesammelt, die strategisch über die Stadt verteilt sind. Diese dienen als Speicher, die den täglichen Verbrauch ausgleichen und eine kontinuierliche Versorgung auch im Falle einer Störung an einer der Leitungen gewährleisten. Die Wasserqualität wird ständig überwacht. Spezialisierte Labore der Magistratsabteilung Wiener Wasser führen jährlich Tausende chemische und bakteriologische Analysen durch, um sicherzustellen, dass jedes Glas Wasser absolut sicher und geschmacklich perfekt ist.
Die Geschichte des Wiener Wassers ist also mehr als nur eine Beschreibung der Infrastruktur. Sie ist ein Beispiel für Vision, Weitsicht und Respekt vor der Natur. Es ist ein Erbe, das die Wiener jeden Tag daran erinnert, dass die besten Dinge im Leben – wie ein Schluck reines und kaltes Bergwasser – tatsächlich zum Greifen nah sein können. Man muss nur den Wasserhahn aufdrehen.
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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Wasserversorgung Foto: https://images.pexels.com/photos/67184/pexels-photo-67184.jpeg












