Fünfter Bezirk: Wenn das „proletarische“ Wien lernt, anders zu atmen und zu wählen

Der Wiener Margareten war jahrzehntelang ein Synonym für Backsteinblöcke des sozialen Wohnungsbaus, Arbeiterstolz und dichte städtische Bebauung, wo das Auto eher ein Luxus als eine Notwendigkeit war. Heute durchläuft dieses am dichtesten besiedelte Stück der österreichischen Metropole einen tiefgreifenden Wandel. Es kämpft mit einem Mangel an Grünflächen, sucht eine neue Identität im multikulturellen Mix und hat im Jahr 2025 sogar seine politische Landkarte neu geschrieben.
Wenn Sie die Essenz der Urbanität suchen, wo auf jedem Quadratmeter um Raum gekämpft wird, wäre Margareten der ideale Kandidat. Mit einer Fläche von etwas über zwei Quadratkilometern und einer Bevölkerung von über 55.000 Menschen ist es der am dichtesten besiedelte Bezirk Wiens. Auf einen Quadratkilometer kommen hier mehr als 27.000 Einwohner. Zum Vergleich – es ist eine Welt, in der nachbarschaftliche Beziehungen nicht in Gärten, sondern in den gemeinsamen Höfen monumentaler Gemeindewohnhäuser und in engen Gassen stattfinden, die einst Handwerkern gehörten.
Vom Schatten des wohlhabenden Nachbarn zur eigenen Identität
Die Geschichte Margaretens als eigenständige Einheit begann erst 1861 zu schreiben. Bis dahin war es nur ein ärmerer Anhang des vierten Bezirks Wieden. Während Wieden bürgerlich, nobel und nahe dem Zentrum war, war Margareten das Revier der Arbeiter und der Industrie. Diese soziale Teilung führte zu einem logischen Auseinandergehen und zur Gründung des fünften Bezirks, der seine „rote“ DNA im gesamten folgenden Jahrhundert bewahrte.
Geografisch ist der Bezirk zwischen dem Wienfluss im Norden und der Verkehrsader Gürtel im Süden eingeengt. Gerade der Gürtel, der an der Stelle der ehemaligen Stadtmauern erbaut wurde, definiert den Charakter des Viertels. In der Zwischenkriegszeit, in den Zeiten des sogenannten „Roten Wien“, entstand hier eine Architektur, die weltweit ihresgleichen suchte. Die Sozialdemokraten entschieden sich, die Wohnungsnot durch den Bau von Palästen für Arbeiter zu lösen.
Der Spitzname „Ringstraße des Proletariats“ ist nicht zufällig. Blöcke wie der Metzleinstaler Hof oder der legendäre Reumannhof waren nicht nur Unterkünfte. Sie waren Festungen des modernen Lebens mit Bibliotheken, Waschküchen und Kindergärten. Während des Bürgerkriegs im Jahr 1934 wurde der Reumannhof zu einem der Hauptpunkte des Widerstands gegen den Austrofaschismus und hat sich damit für immer in die politischen Geschichtsbücher des Landes eingeschrieben.
Leben ohne Autoschlüssel
Im Jahr 2025 hält Margareten einen interessanten Rekord: Es ist der Bezirk mit der niedrigsten Motorisierungsrate in ganz Österreich. Auf tausend Einwohner kommen hier nur etwa 258 Autos. Diese Tatsache ist nicht nur das Ergebnis eines ökologischen Bewusstseins, sondern auch reinen Pragmatismus. In einem dicht bebauten Gebiet mit engen Einbahnstraßen ist der Besitz eines Autos eher eine Last als ein Vorteil.
Margareten ist ein Stadtteil „kurzer Distanzen“. Dank des dichten Netzes von Straßenbahnen, Bussen und der U-Bahn-Linie U4 (und bald auch der neuen Linie U2, die einen wichtigen Knotenpunkt, den Matzleinsdorfer Platz, mit dem Zentrum verbindet) haben die Bewohner gelernt, auf ihre eigenen Füße und den öffentlichen Verkehr zu vertrauen. Radwege breiten sich auf Kosten von Parkplätzen aus, was zwar leidenschaftliche Debatten auslöst, aber laut Stadtplanern der einzige Weg ist, diesen Teil der Stadt auch in Zeiten des Klimawandels lebenswert zu machen.
Hitze im Beton-Dschungel
Das Klima ist die größte Schwäche des fünften Bezirks. Mit einem Grünanteil von unter 5 % gehört Margareten zu den am meisten „asphaltierten“ Teilen der Stadt. Das Fehlen von Wäldern, Gewässern oder größeren Parks führt dazu, dass sich das Viertel während der Sommerhitze in eine Wärmeinsel verwandelt. Beton und Ziegel speichern tagsüber die Wärme, die nachts in die Wohnungen strahlt, in denen Tausende von Senioren und Familien mit Kindern leben.
Das Bezirksamt versucht, diesen Defizit mit einer aggressiven Politik der „grünen Fassaden“ und der Pflanzung von Bäumen direkt in die Gehwege entgegenzuwirken. Seit 2000 hat sich der Grünanteil praktisch verdoppelt, doch es ist immer noch nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den bewaldeten Randgebieten Wiens. Projekte wie „Fugenvegetation“ (Testung von Vegetation in den Fugen von Pflastersteinen) oder die Installation von Photovoltaikanlagen an Lärmschutzwänden entlang des Gürtels zeigen, dass Margareten versucht, innovativ zu sein, wo die Natur ihm keinen Raum gegeben hat.
Schmelztiegel mit niedrigeren Einkommen
Das demografische Profil des Bezirks spiegelt die globalen Bewegungen des 21. Jahrhunderts wider. Margareten ist ein multikulturelles Zentrum. Fast ein Drittel der Einwohner wurde außerhalb Österreichs geboren, und in den Schulklassen ist Deutsch als Muttersprache oft in der Minderheit. Dieser Mix bringt dem Viertel Dynamik, großartige Gastronomie und eine kosmopolitische Atmosphäre, deckt jedoch gleichzeitig soziale Unterschiede auf.
Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Margaretenbewohners liegt etwa 10 % unter dem Wiener Durchschnitt. Der hohe Anteil an Mietwohnungen (bis zu 75 %) bedeutet, dass die Bewohner empfindlich auf jede Erhöhung der Energie- oder Lebensmittelpreise reagieren. Das Viertel behält somit seinen Arbeitercharakter, obwohl der „Proletariat“ heute nicht mehr in Fabriken am Fluss arbeitet, sondern eher im Dienstleistungssektor, im Verkehr oder in der Logistik.
2025: Politisches Erdbeben
Über Jahrzehnte war Margareten eine uneinnehmbare Bastion der Sozialdemokratie (SPÖ). Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, mit einer Unterbrechung durch die nationalsozialistische Besatzung, regierten hier Bürgermeister aus den Reihen der Sozialisten nahezu ununterbrochen. Das Jahr 2025 brachte jedoch einen Wendepunkt, der politische Kommentatoren schockierte. An die Spitze des Bezirks trat Michael Luxenberger aus dem Lager der Grünen.
Diese Verschiebung deutet auf einen Wandel der Prioritäten der Anwohner hin. Es scheint, dass Themen wie die Qualität des öffentlichen Raums, der Schutz vor Hitze und die radikale Bevorzugung von Fußgängern gegenüber Autos schwerer wiegen als die traditionelle Rhetorik des Sozialstaates. Für die SPÖ ist dies ein schmerzhafter Verlust, für Margareten der Beginn einer neuen Ära, in der getestet wird, ob aus dem „grauesten“ Stadtteil der Stadt eine grüne Oase entstehen kann.
Kultur im Schatten der Filmcasina
Trotz der Dichte und des Mangels an Parks (oder vielleicht gerade deshalb) hat Margareten eine starke kulturelle Anziehungskraft. Das Herz der Gemeinschaft ist das Filmcasino – eines der letzten erhaltenen Vorstadtkinos aus den 50er Jahren, das vor dem Ruin gerettet werden konnte und heute ein Zuhause für anspruchsvolles europäisches Kino ist.
Darüber hinaus finden sich hier bizarre und faszinierende Museen – vom Kaffeehausmuseum bis zum Archiv der Arbeiterbewegung (VGA), das das Gedächtnis des österreichischen sozialen Kampfes bewahrt. Und wenn jemand in Margareten nach Emotionen sucht, findet er sie auf dem Spielfeld. Der lokale Handballverein Fivers WAT Margareten gehört zur absoluten österreichischen Spitze und beweist, dass auch in einem Viertel ohne Fußballplätze Spitzenleistung im Sport gedeihen kann.
Margareten steht heute an einem Scheideweg. Es ist nicht mehr nur die „günstigere Adresse hinter dem Gürtel“. Es ist ein Ort, an dem in Echtzeit die größten Herausforderungen einer modernen Großstadt angegangen werden: Wie man Tausende von Menschen auf kleinem Raum unterbringt, wie man Dutzende von Kulturen integriert und wie man in einer Stadt aus Beton nicht vor Hitze vergeht. Die Zukunft des fünften Bezirks wird ein Lackmustest für ganz Wien sein.
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Quelle: Wikipedia Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wien-wiener-linien-sl-6-1080641.jpg












