Gewalt in der 24-Stunden-Betreuung: Wie man sich schützen kann

Die 24-Stunden-Betreuung in Österreich ist für über 60.000 Frauen und Männer aus Mittel- und Osteuropa eine wesentliche Einkommensquelle. Die Mehrheit kommt aus der Slowakei und Rumänien. Dieses System, das fast ausschließlich auf den Schultern ausländischer Betreuerinnen ruht, hat jedoch eine dunkle, oft übersehene Seite. Isolation in privaten Haushalten, ständiger Stress, Sprachbarrieren und unklare rechtliche Rahmenbedingungen schaffen ein gefährliches Umfeld, in dem verschiedene Formen von Gewalt gedeihen. Ob physische Angriffe durch Klienten, psychischer Druck durch Familien, finanzielle Ausbeutung durch Vermittlungsagenturen oder systematische Vernachlässigung durch den Staat – diese Arbeit erfordert oft ein enormes Opfer, das in Österreich und der Slowakei kaum wahrgenommen wird.
Formen der Gewalt im häuslichen Umfeld
Gewalt in diesem Bereich beginnt selten mit einem plötzlichen physischen Angriff. Oft handelt es sich um einen schleichenden Prozess, der unbemerkt die körperliche und psychische Gesundheit der Betreuerin zerstört. Klienten mit schweren neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder fortgeschrittener Demenz können unkontrolliert und aggressiv reagieren, was zu gefährlichen Situationen führt. Betreuerinnen erleben im Alltag Schläge, Spucken, das Werfen von Gegenständen oder nächtliches Verfolgen im Haus.
Ebenso zerstörerisch ist das ständige psychische Mobbing, das vulgäre Beschimpfungen, rassistische Anspielungen, unbegründete Diebstahlvorwürfe oder das Verbot der Nutzung des eigenen Telefons zur Kontaktaufnahme mit der Familie umfasst. Familienangehörige weigern sich oft, den tatsächlichen Gesundheitszustand ihres Angehörigen zu akzeptieren, und schieben das unangemessene Verhalten des Klienten auf die Unfähigkeit der Betreuerin, was unerträglichen Druck erzeugt.
Ökonomische und systemische Ausbeutung
Neben direkter Gewalt in den Familien gibt es auch tief verwurzelte ökonomische und systemische Ausbeutung, die aus dem österreichischen Modell selbst resultiert. Viele Betreuerinnen arbeiten in Österreich als Selbstständige mit Gewerbeschein, was sie formal zu unabhängigen Unternehmerinnen macht, in der Praxis jedoch oft eine verdeckte abhängige Beschäftigung darstellt. Obwohl der Vertrag mindestens zwei Stunden tägliche Ruhezeit garantiert, ist die Betreuerin in der Praxis 24 Stunden am Tag im Haus gebunden, ohne Möglichkeit eines realen Ausstiegs.
Die Verpflichtung, bis zu fünfmal pro Nacht aufzustehen, ohne jegliche finanzielle Entschädigung, führt zu chronischem Schlafmangel. Viele Frauen müssen zudem mit unwürdigen Unterkünften in Durchgangszimmern oder eingeschränktem Zugang zu Grundnahrungsmitteln und warmem Wasser zurechtkommen.
Burnout und Vernachlässigung der Pflege
Gewalt im Pflegebereich ist jedoch nicht einseitig und hat auch eine andere, ebenso tragische Seite, über die nur schwer gesprochen wird. Langfristiger Schlafmangel, Isolation von der eigenen Familie, ständiger Stress und das Fehlen jeglicher fachlicher Schulung können dazu führen, dass selbst die geduldigste Betreuerin nach einigen Wochen ohne Pause psychisch zusammenbricht.
In solchen erschöpfenden Zuständen kommt es zu Situationen, in denen die Betreuerin grob auf den Patienten reagiert, seine grundlegenden physiologischen Bedürfnisse ignoriert, die persönliche Hygiene vernachlässigt oder ihm heimlich starke Beruhigungsmittel ohne ärztliche Verschreibung verabreicht, nur um wenigstens drei Stunden ununterbrochenen Schlaf zu bekommen. Dies ist eine direkte Folge eines unmenschlichen Systems, das verletzliche Frauen und kranke Senioren an die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten und Kapazitäten drängt.
Authentische Berichte aus der Praxis
Die 52-jährige Betreuerin Zuzana, die in Niederösterreich arbeitet, beschreibt ihre persönliche Erfahrung mit einem aggressiven Patienten so: „Die Familie sagte mir bei meinem Eintritt, der Herr sei nur ein wenig vergesslich und brauche einen angenehmen Begleiter für Spaziergänge. Nach zwei Tagen stellte sich jedoch heraus, dass er an einer schweren Form aggressiver Demenz leidet, nachts überhaupt nicht schläft, mit einem Küchenmesser im Haus umhergeht und ständig behauptet, ich sei ein fremder Dieb. Als ich den Sohn des Klienten anrief, sagte er mir, ich solle einfach meine Arbeit besser machen und dass der Großvater mich nur teste. Es gab Tage, an denen ich mich aus Angst in meinem Zimmer einschloss und weinte, weil mich niemand darauf vorbereitet hatte, wie man einem aggressiven Menschen in einem fremden Haus in einem fremden Land begegnet.“
Die 46-jährige Betreuerin Maria, die in Tirol tätig ist, weist auf die rücksichtlose Überwachung und Einschränkung der persönlichen Freiheit durch die Familie hin: „Sie überwachten mich über versteckte Kameras im Wohnzimmer und in der Küche, und die Dame verbot mir sogar, normales Essen aus dem Kühlschrank zu nehmen. Formal sollte ich zwei Stunden Freizeit pro Tag haben, aber wenn ich meine Schuhe anziehen und an die frische Luft gehen wollte, sagte mir die Familie, dass sie mich dafür bezahlen, dass ich ständig im Haus verfügbar bin. Als ich den Einsatz nach einer Woche vorzeitig beenden wollte, drohte mir die Vermittlungsagentur sofort mit einer Strafe von 500 Euro wegen Nichteinhaltung des Vertrags, was mich völlig entwaffnete.“
Die erfahrene Betreuerin Elena, 59 Jahre alt, die bereits 12 Jahre im Ausland gearbeitet hat, fasst das Problem aus der Perspektive langjähriger Praxis zusammen: „Gewalt hat viele Gesichter und es sind nicht nur blaue Flecken am Körper, sondern vor allem die völlige Zerstörung der menschlichen Würde. Ich habe viele junge und ältere Kolleginnen gesehen, die nach drei Wochen ohne Schlaf am Rande eines psychischen Zusammenbruchs standen. Wenn ein alter Mensch die ganze Nacht schreit und man nicht mehr auf den Beinen stehen kann, verliert man leicht die Nerven, was zwar keine Entschuldigung ist, aber eine Reaktion auf unerträglichen Druck. Dieses System ist so aufgebaut, dass es Betreuerinnen und Klienten an den Rand drängt, und dann wundern sich alle, wenn eine große Tragödie passiert.“
Sofortige Maßnahmen zur Selbstverteidigung und Sicherheit
Wenn sich eine Betreuerin in einer Situation befindet, in der ihre körperliche Gesundheit, ihr psychisches Wohlbefinden oder ihre persönliche Sicherheit direkt bedroht sind, muss sie systematisch und ohne Verzögerung handeln. Bei unmittelbarer körperlicher Bedrohung oder Waffengewalt sollte sie sofort den gefährlichen Bereich verlassen, sich gegebenenfalls in einem Zimmer einschließen und ohne zu zögern die Polizei unter der Telefonnummer 133 oder die europäische Notrufnummer 112 anrufen. Es ist sehr wichtig, Beweise für rechtswidriges Verhalten zu sammeln, was bedeutet, ein genaues Pflegetagebuch mit Datum und Uhrzeit der Vorfälle zu führen, alle SMS-Nachrichten oder WhatsApp-Nachrichten aufzubewahren und im Falle einer Verletzung ärztliche Hilfe mit schriftlichem Bericht in Anspruch zu nehmen.
Umgang mit der Agentur und ungültige Strafen
Bei der Kommunikation mit der Vermittlungsagentur ist es unerlässlich, ausschließlich schriftlich zu agieren und sich nicht von ständigen Drohungen einschüchtern zu lassen. Wenn der Klient aggressiv ist oder die Bedingungen im Haushalt nicht dem unterzeichneten Vertrag entsprechen, informieren Sie die Agentur per E-Mail, um im Falle eines Rechtsstreits einen klaren Nachweis zu haben. Fordern Sie sofortige Abhilfe, den Einsatz eines Ersatzmitarbeiters oder eine vorzeitige Beendigung des Einsatzes ohne finanzielle Sanktionen. Wenn Ihnen die Agentur mit einer Strafe von 500 Euro oder mehr wegen Nichteinhaltung der Vertragslaufzeit droht, bedenken Sie, dass viele dieser Klauseln nach österreichischem Zivilrecht völlig ungültig und unrechtmäßig durchgesetzt sind.
Warum die Arbeiterkammer für Selbstständige nicht hilft
Das größte Hindernis für slowakische Betreuerinnen in Österreich ist die Tatsache, dass sie bei der Suche nach Gerechtigkeit auf verschlossene Türen der bekanntesten Institution stoßen. Die erste Organisation, die jedem in den Sinn kommt, ist die Arbeiterkammer, die über einen großen Apparat von Juristen verfügt. Da jedoch die überwiegende Mehrheit der Betreuerinnen ihre Arbeit als Selbstständige mit Gewerbeschein ausübt, sind sie rechtlich gesehen keine Arbeitnehmerinnen. Die Arbeiterkammer vertritt ausschließlich angestellte Personen in einem festen Arbeitsverhältnis und kann daher Betreuerinnen mit Gewerbeschein keine rechtliche Vertretung oder kostenlose finanzielle Beratung bieten, was viele Frauen erst dann feststellen, wenn sie dringend Hilfe benötigen.
Spezialisierte Organisationen für Selbstständige und die Initiative IG24
Wenn Ihnen die Arbeiterkammer aufgrund Ihres Status als Selbstständige nicht helfen kann, müssen Sie sich an spezialisierte Organisationen wenden, die sich direkt für die Rechte der Betreuerinnen einsetzen. Ein zentraler Anlaufpunkt ist die Wirtschaftskammer Österreich (WKO), bei der Sie als Gewerbescheininhaberin Pflichtbeiträge zahlen und Anspruch auf Beratung im Gewerberecht haben. Eine besonders wichtige Rolle spielt die Initiative IG24, eine unabhängige Vereinigung von Betreuerinnen, die mit der Gewerkschaft VIDA verbunden ist. Diese Organisation bietet direkte rechtliche und praktische Hilfe in slowakischer Sprache, hilft bei unrechtmäßigen Strafen durch Agenturen, überprüft Verträge und kämpft aktiv gegen die Ausbeutung von Selbstständigen in Österreich.
Hilfetelefone und Krisenintervention bei Gewalt
In Fällen, in denen Sie in einem Haushalt mit psychischer, physischer oder sexueller Gewalt konfrontiert sind, können Sie jederzeit die österreichweiten Hilfsnetzwerke für Opfer nutzen. Die spezialisierte Frauenhelpline gegen Gewalt unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 222 555 ist rund um die Uhr, sieben Tage die Woche erreichbar, völlig anonym und bietet Krisenintervention in mehreren Sprachen. In jedem Bundesland gibt es außerdem ein offizielles Gewaltschutzzentrum, das der Betreuerin ein gerichtliches Betretungsverbot für den Täter erwirken oder eine sichere Unterkunft in einem Frauenhaus organisieren kann, falls sie keinen Rückzugsort hat.
Beratungsstelle CuraFAIR und Vorgehen bei Arbeitsunfähigkeit
Ein weiterer wichtiger Anlaufpunkt für ausländische Arbeitskräfte ist das Projekt CuraFAIR unter der Schirmherrschaft der Volkshilfe, das sich direkt auf soziale und rechtliche Probleme von 24-Stunden-Betreuerinnen konzentriert. Ihre geschulten Mitarbeiter sprechen fließend Slowakisch und helfen Ihnen, Streitigkeiten über nicht gezahlte Löhne, unrechtmäßige Abzüge oder Probleme mit der Sozialversicherung SVS zu lösen. Wenn Sie die Arbeit aufgrund eines Unfalls, körperlicher Angriffe oder eines psychischen Zusammenbruchs sofort unterbrechen müssen, suchen Sie einen Arzt in Österreich auf und melden Sie die Arbeitsunfähigkeit bei der SVS, um Ihren Anspruch auf Krankengeld zu sichern und keine Schulden bei den Versicherungsbeiträgen zu verursachen.
Abschließende Empfehlungen für Betreuerinnen
Die Arbeit als 24-Stunden-Betreuerin in Österreich ist ein äußerst anspruchsvoller Beruf, der ein hohes Maß an Menschlichkeit erfordert, aber niemals mit dem Verlust der eigenen Gesundheit, Sicherheit oder Menschenwürde erkauft werden sollte. Wenn Sie sich in einer Situation befinden, in der Ihnen Gewalt angetan wird, warten Sie nicht darauf, dass sich die Dinge von selbst verbessern. Dass Sie selbstständig arbeiten und keinen Anspruch auf Unterstützung durch die Arbeiterkammer haben, bedeutet nicht, dass Sie in einem fremden Land völlig rechtlos sind. Nutzen Sie bestehende gewerkschaftliche Initiativen wie IG24, wenden Sie sich an die Beratungsstelle CuraFAIR, kontaktieren Sie die WKO oder rufen Sie im Falle jeglicher Gefahr ohne zu zögern die Polizei unter 133 und die landesweiten Hotlines für Gewaltopfer an.
Nützliche Links
- IG24 – Initiative für Gerechtigkeit in der Personenbetreuung: https://ig24.at
- CuraFAIR – Anlaufstelle für 24-Stunden-Betreuerinnen – Volkshilfe: https://www.volkshilfe-ooe.at/dienstleistung/curafair/
- Frauenhelpline gegen Gewalt: https://www.frauenhelpline.at
- Gewaltschutzzentrum Österreich: https://www.gewaltschutzzentrum.at
- Wirtschaftskammer Österreich (WKO) – Personenbetreuung: https://www.wko.at
- Gewerkschaft VIDA: https://www.vida.at
Verwendete Quellen:
https://www.volkshilfe-ooe.at/dienstleistung/curafair/
https://www.gewaltschutzzentrum.at
Symbolbild: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-schwarzen-tragershirt-das-auf-couch-sitzt-6003788/
Autorin: Eva Vengrická
Mail: eva.vengricka@viedencan.at












