Metropole mit 2,2 Millionen Menschen setzt auf bezahlbaren Wohnraum und eine Stadt der kurzen Wege

Wien, wiederholt als die beste Stadt der Welt zum Leben ausgezeichnet, steht vor einer Herausforderung, die ihre Fähigkeit auf die Probe stellt, diesen Status zu halten. Bis 2040 sollen in der österreichischen Metropole 2,2 Millionen Menschen leben, was einem dynamischen jährlichen Anstieg von fast einem Prozent entspricht. Die Stadt wartet jedoch nicht mit verschränkten Armen.

Auf dem Tisch liegt ein ehrgeiziger strategischer Entwicklungsplan, der zeigt, wie sich Wien auf die Zukunft vorbereitet. Anstatt unkontrolliert in die Umgebung zu wachsen, setzt man auf durchdachte Entwicklung, bei der nicht Autos, sondern Menschen, öffentliche Verkehrsmittel und soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen.

Zwei Wege zum Wachstum: Belebung des Alten und Bau des Neuen

Wiener Stadtplaner sind sich bewusst, dass die Zukunft der Stadt nicht nur auf der grünen Wiese gebaut werden kann. Die Strategie basiert daher auf zwei Säulen. Die erste ist die intelligente Nutzung des Potenzials der bereits bestehenden Stadt, bekannt als „Bestandsstadt“. Dieser Ansatz variiert jedoch je nach Charakter der Stadtteile. Historische Teile aus der Gründerzeit, die die architektonische Seele der Stadt bilden, werden geschützt. Neubauten sind hier stark eingeschränkt, und der Fokus liegt auf der Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität.

Ein völlig anderer Ansatz wird in Stadtteilen verfolgt, die zwischen den 50er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erbaut wurden. Diese Gebiete, oft geprägt von ausgedehnten versiegelten Flächen und Parkplätzen, bergen ein enormes Potenzial für Nachverdichtung. Der Plan sieht eine aktive Verdichtung vor, bei der anstelle der heutigen Parkplätze neue Wohnhäuser entstehen. Ziel ist es, nicht nur neue Wohnungen zu schaffen, sondern auch diese Gebiete zu dekarbonisieren, ihre Funktionalität zu stärken und Geschäfte, Dienstleistungen oder Parks zu integrieren.

Die zweite, ebenso wichtige Säule ist die Entwicklung völlig neuer Stadtteile auf bisher ungenutzten Flächen. Die Stadt hat priorisierte Standorte wie Nordbahnhof, Nordwestbahnhof oder Rothneusiedl genau definiert, wo sich die Hauptbauaktivitäten konzentrieren werden. Auch weitere Gebiete, wie zum Beispiel rund um die Seestadt Aspern, stehen in den Startlöchern, falls das Bevölkerungswachstum die erwarteten Ziele übersteigt.

Verkehrsrevolution: Ende der Dominanz der Autos

Eines der radikalsten Ziele des Plans ist die Transformation der Mobilität. Bis 2030 sollen bis zu 85 Prozent aller Wege innerhalb der Stadt mit ökologischen Verkehrsmitteln – also mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Fahrrad – zurückgelegt werden. Dieses Ziel ist nicht nur eine Proklamation, sondern wird durch massive Investitionen in die Infrastruktur untermauert.

Der Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau des Schienenverkehrs. Es wird eine völlig neue U-Bahn-Linie U5 gebaut, und gleichzeitig wird die Linie U2 verlängert. Geplant ist auch die Verlängerung der U-Bahn-Linie U1 in das neue Entwicklungsgebiet Rothneusiedl, und auf der Karte werden neue Straßenbahnlinien hinzukommen, die die entstehenden Stadtteile verbinden, wie zum Beispiel die Linie 12 zum Nordwestbahnhof. Auch der Abschluss des Ringes der S-Bahn, der einen effizienten Verkehrsgürtel um das weitere Zentrum schaffen soll, wird entscheidend sein.

Die Stadt denkt jedoch auch an diejenigen, die sich lieber mit eigener Kraft bewegen. Geplant ist der Bau eines zusammenhängenden, sicheren und komfortablen Netzes von Radwegen, einschließlich sogenannter „Rad-Autobahnen“, die einen schnellen und fließenden Radverkehr auch über längere Strecken ermöglichen. Auch die Bedingungen für Fußgänger werden verbessert – breitere Gehwege, barrierefreie Überwege und weniger Hindernisse sollen die Wiener motivieren, das Auto zu Hause zu lassen.

Eine Stadt für alle, nicht nur für Reiche

Das Wachstum der Metropole bringt oft einen drastischen Anstieg der Immobilienpreise und das Verdrängen der ursprünglichen Bewohner mit sich. Wien versucht aktiv, diesem Trend entgegenzuwirken, und soziale Gerechtigkeit ist das zentrale Motiv des gesamten Plans. Ein entscheidendes Instrument ist die Förderung von bezahlbarem Wohnraum.

In den priorisierten Entwicklungsgebieten, in denen zehntausende neue Wohnungen entstehen, gilt eine strenge Regel: Zwei Drittel davon müssen in die Kategorie geförderter Wohnraum fallen. Mit dieser Maßnahme möchte die Stadt sicherstellen, dass die neuen Stadtteile nicht nur Enklaven für die Reichsten sind, sondern dass sie breiten Bevölkerungsschichten ein Zuhause bieten – von jungen Familien über Senioren bis hin zu Menschen mit niedrigeren Einkommen.

Ein gutes Leben ist jedoch nicht nur ein Dach über dem Kopf. Der Plan berücksichtigt daher auch eine umfassende Bürgerinfrastruktur. Für die neuen Stadtteile sind bereits Flächen für Schulen, Kindergärten, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, Kulturzentren und Sportstätten vorgesehen. Wien zeigt damit, dass es nicht nur an den Bau von Häusern denkt, sondern an den Aufbau von vollwertigen Gemeinschaften, in denen die Menschen alles Wichtige in greifbarer Nähe haben. Diese Philosophie der „Stadt der kurzen Wege“ ist das Rezept, um das Wachstum zu bewältigen und gleichzeitig die Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt zu bleiben.

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Quelle: Wiener Stadtentwicklungsplan 2035 Foto: https://images.pexels.com/photos/15779836/pexels-photo-15779836.jpeg