Raclette ist zum König der österreichischen Tische geworden. Bis zu 24 % der Haushalte verbringen den 24. Dezember mit der Zubereitung von Käse auf kleinen Pfännchen.

Weihnachten in Mitteleuropa wird oft als Monolith unveränderlicher Bräuche wahrgenommen. Doch ein Blick über die Grenze in Richtung Kittsee oder Berg zeigt, dass die Vorstellung vom „traditionellen Abendessen“ sich dramatisch verändert. Während der slowakische Tisch nahezu ausschließlich von Kartoffelsalat und Fisch geprägt ist, ist der österreichische Weihnachtsteller eher eine soziologische Landkarte des Landes.

Die slowakischen Weihnachten haben in Bezug auf das Menü einen klaren Sieger. Obwohl in den letzten Jahren Alternativen in Form von Lachs oder Schnitzeln auftauchen, hält das Schema „Fisch und Salat“ die Position des nationalen Kanons. In Österreich ist die Situation jedoch komplexer. Wenn Sie sich zum Abendessen in einer Familie in Wien und anschließend in einer Berghütte in Vorarlberg setzen würden, hätten Sie wahrscheinlich das Gefühl, dass Sie ganz andere Feiertage feiern.

Das Ende der Vorherrschaft des Karpfens in Mitteleuropa?

Laut einer aktuellen Studie des Unternehmens iglo, die unter tausend Befragten durchgeführt wurde, ist der Karpfen – einst ein Symbol der Weihnachtsfeiern im gesamten Österreich-Ungarn – auf den hinteren Plätzen der Vorlieben gelandet. An Heiligabend gönnen sich nur 9 % der Österreicher ihn. Gleiches gilt für Lachs. Was hat also den freigewordenen Thron nach den Fischen eingenommen?

Der König der österreichischen Tische ist Raclette geworden. Bis zu 24 % der Haushalte verbringen den 24. Dezember mit der Zubereitung von Käse auf kleinen Pfännchen direkt am Tisch. Dieses Phänomen ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch ein Wandel im Paradigma der Wahrnehmung des Weihnachtsabends. Während klassisches Kochen den Gastgeber in die Küche isoliert, verwandelt Raclette (ähnlich wie Fondue, das 11 % der Befragten bevorzugen) das Abendessen in einen langanhaltenden sozialen Prozess. Es ist ein Sieg des Erlebnisses über die Förmlichkeit.

Auf dem zweiten Platz mit 20 % liegen kalte Platten (Kalte Platte). Für den slowakischen Beobachter, der an ein warmes und herzhaftes Abendessen gewöhnt ist, mag das karg erscheinen, doch für die Österreicher geht es um Praktikabilität und den Fokus auf die Qualität lokaler Wurst- und Käsesorten. Den dritten Platz belegt die Suppe (15 %), die in vielen alpinen Familien den Haupt- und einzigen Gang des Abends darstellt.

Die Geschmackslandschaft: Von Würstchen bis Sauerkraut

Eine Besonderheit Österreichs ist seine regionale Fragmentierung. Die Umfrage hat gezeigt, dass es „österreichische Weihnachten“ als einheitlichen Begriff eigentlich nicht gibt. Jedes Bundesland bewahrt seinen eigenen gastronomischen Code:

Osten (Wien und Burgenland): Hier hallen noch die Echos der Monarchie nach. Der Karpfen ist hier nach wie vor zu Hause und hält sich an der Spitze, obwohl er landesweit an Atem verliert.

Oberösterreich: Weihnachten riecht hier nach Fleisch. Bratwürstel (gegrillte Würstchen) dominieren, die für diese Region fast heilig sind.

Kärnten: Im Süden des Landes setzen sie auf eine Kombination aus gekochten Würstchen und Sauerkraut. Es ist ein einfaches, bäuerliches und äußerst traditionelles Gericht, das im Kontrast zur Wiener Noblesse steht.

Vorarlberg: Die westliche Ecke des Landes, stark von der Schweizer Kultur beeinflusst, ist die Hochburg des Raclette.

Salzburg: Hier konzentriert sich die Weihnachtsmagie auf Suppen, die oft eine reichhaltige Einlage haben und den Kern des Heiligabendmenüs bilden.

Diese Vielfalt deutet darauf hin, dass die Österreicher das Weihnachtsessen nicht als verpflichtendes Ritual, sondern als Ausdruck ihrer regionalen Identität wahrnehmen. In einem Land, in dem der Föderalismus tief verwurzelt ist, ist das nicht überraschend.

Tradition als Domäne der Jungen

Eines der überraschendsten Ergebnisse der Studie ist die demografische Verteilung der „Traditionswächter“. Es herrscht das Stereotyp, dass vor allem ältere Menschen an den Bräuchen festhalten. Die Daten sprechen jedoch das Gegenteil. Die größte Treue zu einem bestimmten Weihnachtsmenü deklarieren junge Menschen unter 30 Jahren (bis zu 55 %) und Familien mit Kindern.

Dieses Phänomen kann als psychologische Verankerung interpretiert werden. In einer Zeit, die ständig in Bewegung ist und globale Unsicherheiten mit sich bringt, suchen junge Generationen einen festen Punkt gerade in Ritualen. Das Weihnachtsessen ist für sie nicht nur Nahrung, sondern ein Symbol für die Kontinuität der Familie und Sicherheit. Im Gegensatz dazu legen Menschen, die in Einpersonenhaushalten leben (31 %), den geringsten Wert auf die Unveränderlichkeit des Menüs, wo die Abwesenheit eines familiären Publikums den Druck auf die Einhaltung von Formalitäten natürlich verringert.

Kontrast zwischen slowakischem und österreichischem Weg

Wenn wir diese Erkenntnisse mit der slowakischen Realität vergleichen, sehen wir zwei unterschiedliche Ansätze zu den Feiertagen. Die Slowakei ist in Bezug auf das Weihnachtsessen innerlich viel homogener. Unterschiede zwischen dem Osten und Westen der Slowakei zeigen sich zwar in der Zusammensetzung der Sauerkrautsuppe (mit Fleisch/ohne Fleisch, mit Pflaumen/ohne Pflaumen) oder in der Anwesenheit von Bobalen, doch Fisch und Salat bleiben der gemeinsame Nenner.

Österreich zeigt uns jedoch, dass Tradition nicht nur um eine bestimmte Art von Fleisch gehen muss. Ihr Modell des „sozialen Essens“ (Raclette/Fondue) könnte eine Inspiration für jene Familien sein, die keine Lust mehr auf den ganztägigen Marathon in der Küche haben und nach Wegen suchen, mehr Zeit gemeinsam direkt am Tisch zu verbringen.

Wächter der Tradition oder Opfer der Globalisierung?

Trotz der sich verändernden Geschmäcker bleibt der Geist von Weihnachten in Österreich stark konservativ. Insgesamt halten sich 71 % der Bevölkerung an die Tradition, sei es strikt oder mit kleinen Abwandlungen. Das zeugt davon, dass Weihnachten in unserem kulturellen Raum die letzte Bastion ist, die nicht vollständig von globaler Vereinheitlichung erfasst wurde.

Ob es sich nun um Karpfen im Burgenland, Würstchen in Kärnten oder Käse in Vorarlberg handelt, wichtig ist der Moment des Innehaltens. Die österreichische Lektion lautet: Tradition ist ein lebendiger Organismus. Sie kann die Form einer Pfanne mit Raclette annehmen, wenn das bedeutet, dass sich die Familie versammelt und miteinander kommuniziert.

Letztendlich ist es egal, ob auf dem Teller Karpfen mit Salat oder gegrillte Würstchen landen. Entscheidend ist das Wissen, dass Tradition nicht das ist, was wir müssen, sondern das, was wir für zukünftige Generationen bewahren wollen. Und die Österreicher wahren ihre Vielfalt mit bewundernswerter Konsequenz.

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Quelle: iglo Austria GmbH Studie Weihnachtsessen: Mehrheit is(s)t traditionell Foto: https://images.pexels.com/photos/34621126/pexels-photo-34621126.jpeg