Der legendäre Naschmarkt hat eine neue Dominante, die der Stadt zurückgibt, was sie vor einem halben Jahrhundert verloren hat

Der gestrige Tag in Wien stand im Zeichen der Rückkehr zu Traditionen in modernem Gewand. An einem Ort, der jahrzehntelang nach unsensiblen Abrissen aus den 70er Jahren leer gefegt war, ist ein neuer architektonischer und gesellschaftlicher Anziehungspunkt entstanden. Die Eröffnung des neuen „Marktraums“ ist nicht nur eine Frage von dreizehn neuen Ständen, sondern ein grundlegender Wandel in der Philosophie des öffentlichen Raums in der österreichischen Metropole.

Wer Wien kennt, kennt den Naschmarkt. Dieses Gewässer der Geschmäcker, Düfte und Kulturen ist für viele Slowaken ein Pflichtstopp bei einem Besuch der österreichischen Hauptstadt. Gestern jedoch atmete diese historische Institution, die ein Spiegel der Wiener Seele ist, auf neue Weise. Nach zwölf Monaten intensiver Bauarbeiten wurde der sogenannte „Marktraum“ feierlich eröffnet – ein verglastes Holzgebäude auf dem Platz vor der Kettenbrücke, das symbolisch und faktisch die langjährige Debatte über die Zukunft dieses Raumes abschließt.

Während bis vor kurzem dieser Teil der Stadt durch den heißen Asphalt eines Parkplatzes definiert war, steht hier heute ein Objekt, das die Ambition hat, zu einem neuen Eingangstor zum berühmtesten Wiener Markt zu werden. Die gestrige Eröffnung, begleitet von Jazz, dem Duft regionaler Spezialitäten und dem Segen des bekannten Dompfarrers Toni Faber, zeigte, dass Wien seine Strategie im Kampf gegen Wärmeinseln und zur Unterstützung der lokalen Wirtschaft ernst nimmt.

Die Rückkehr des verlorenen Volumens

Der architektonische Eingriff in dieser sensiblen Lage stand von Anfang an unter dem kritischen Blick der Denkmalschützer. Der neue Marktraum entstand nämlich nicht auf der grünen Wiese, sondern füllt eine „Narbe“, die nach 1972 auf dem Gesicht des Marktes zurückblieb. Damals wurden die ursprünglichen Marktstände in diesem Abschnitt abgerissen, wodurch die Kontinuität des Marktes gestört wurde.

Das neue Gebäude mit einer Fläche von 850 Quadratmetern wurde so entworfen, dass es die historischen Höhenverhältnisse respektiert und visuell mit der umliegenden Jugendstilarchitektur an der Wienzeile kommuniziert. Der Einsatz von Glas und Holz soll Leichtigkeit hervorrufen, während die abgerundeten Ecken und die Typografie der Beschriftungen auf die glorreiche Ära des Jugendstils verweisen, die Wien seinen unverwechselbaren Charakter verlieh.

Direktor Andreas Kutheil ließ bei der gestrigen Eröffnung seine Erleichterung und seinen Stolz nicht verbergen. Er wies auf einen Fakt hin, der dem gewöhnlichen Besucher entgehen könnte – das gesamte Gebäude steht auf einer Brücke. „Es war nicht nur ein Bauprojekt, sondern ein echtes Meisterwerk der Planung, Koordination und Zusammenarbeit. Auf einer Brücke zu bauen, ist statisch und logistisch eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe,“ betonte Kutheil in Richtung der Planer und Wasserwirtschaftler.

Von der Wärmeinsel zur grünen Dachlandschaft

Die politische Vertretung der Stadt, angeführt von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling und Stadträtin Ulli Sima, präsentierte das Projekt gestern als Sieg der Bürgerbeteiligung. Der neue Marktraum ist nämlich nur ein Teil des Puzzles. Ihm zur Seite steht der neu entstandene „Naschpark“ mit einer Fläche von fast 7.000 Quadratmetern, der den ehemaligen Parkplatz ersetzt – einen Ort, der im Sommer als unerträgliche Wärmeinsel bekannt war.

„Ich freue mich, dass wir im Rahmen der Umgestaltung die Wünsche der Bürger erfüllen konnten,“ sagte Stadträtin Sima. Gerade das grüne Dach des neuen Objekts wurde sofort zum Hit der gestrigen Eröffnung. Es ist als öffentlich zugängliche Aussichtsplattform konzipiert, von der aus die Besucher einen panoramischen Blick auf den historischen Markt, den Flohmarkt und die Jugendstilfassaden der Häuser, die die linke Seite der Wienzeile säumen, genießen können. Gestern bei Sonnenuntergang, begleitet von den Klängen von DJ-House-Musik, füllte sich dieser Raum sofort und deutete auf sein Potenzial hin, zu einem neuen „Instagram-Punkt“ Wiens zu werden.

Dreizehn Tapfere: Fokus auf Hyperlokalität

Obwohl Architektur und Urbanismus die erste Geige spielen, ist das Herz jedes Marktes die Ware. Der neue Raum bot dreizehn neuen Betrieben ein Zuhause, deren Auswahl klar signalisiert, dass man sich von Massentourismus hin zu raffinierter Nachhaltigkeit abwendet. Erwarten Sie hier keine Magneten und billigen Souvenirs. Die Stadt setzt auf das Konzept „vom Bauern zum Tisch“ in seiner reinsten Form.

Unter den neuen Mietern finden sich Namen, die in der österreichischen Gastronomieszene für Innovation stehen. Ein Beispiel ist die Firma Blün aus dem Wiener Stadtteil Donaustadt, die Fischzucht mit Gemüseanbau in einem geschlossenen aquaponischen System kombiniert. Das Wasser aus der Zucht von Welsen nährt das Gemüse, wodurch Abfall minimiert wird – ein vorbildliches Beispiel für eine zirkuläre Wirtschaft direkt auf dem Markt.

Ein weiteres interessantes Konzept ist das Projekt Unverschwendet (übersetzt „nicht verschwendet“). Die Firma hat sich auf die Rettung von Obst und Gemüse spezialisiert, die aufgrund ihres unvollkommenen Aussehens im Müll landen würden, und stellt daraus Delikatessen wie Marmeladen, Chutneys oder Sirupe her. Dieser Stand erfüllt somit nicht nur eine kommerzielle, sondern auch eine edukative Funktion zum Thema Lebensmittelverschwendung.

Das Angebot wird durch handwerkliche Produkte ergänzt: handgemachte Schokolade aus dem dritten Wiener Bezirk (28Lots), wilde Fische aus dem Kärntner Millstätter See (Mosers Wildfang) oder spezielle Pilze, die auf Kaffeeresten gezüchtet werden (Hut & Stiel). Eine Besonderheit ist auch das Kommen der traditionellen steirischen Bäckerei Sorger, für die dies der erste Export in die Hauptstadt ist.

Küche als Bühne

Eine Neuheit, die den Marktraum von gewöhnlichen Märkten unterscheiden soll, ist das sogenannte „Markträumchen“. Es handelt sich um eine integrierte Workshop-Küche, die als Gemeinschaftszentrum für Bildung über Essen dienen soll. Bereits während der gestrigen Eröffnung fanden hier Kochvorführungen und Verkostungen statt.

Sternkoch Paul Ivić demonstrierte hier beim Showcooking, wie man aus regionalen Zutaten Gastronomie auf Weltklasse-Niveau zaubern kann. Dieser Raum soll nicht nur dem Konsum dienen, sondern auch dem Verständnis der Herkunft der Zutaten. „Der Naschmarkt ist ein Spiegel Wiens – bunt, vielfältig, manchmal laut, aber immer lebendig. Hier treffen sich Sprachen, Kulturen und Geschmäcker,“ bemerkte Pfarrer Toni Faber in seiner Ansprache und traf damit genau den sozialen Aspekt dieses Projekts.

Die Zukunft des Marktes

Die Eröffnung des Marktraums ist ein wichtiges Signal für andere europäische Städte. Sie zeigt, dass auch in streng geschützten historischen Zentren moderne Eingriffe möglich sind, wenn sie den Kontext respektieren und einen Mehrwert in Form von Grünflächen und Nachhaltigkeit bieten.

Die Bezirksvorsteherin Julia Lessacher hob insbesondere hervor, dass lokale Produzenten endlich einen Raum erhalten haben, in dem sie ihre Produkte geschützt vor Witterungseinflüssen präsentieren können, was auf dem offenen Markt bisher nicht immer möglich war. „Damit ergänzen wir den beliebten Bauernmarkt und erfüllen den Wunsch der Menschen nach mehr Lebensmitteln in Bio-Qualität für den täglichen Einkauf,“ fügte sie hinzu.

Der gestrige Abend am Naschmarkt war nicht nur eine Feier des neuen Gebäudes. Es war eine Feier der Stadt, die sich nicht scheut zu verändern, um gleich zu bleiben – lebensfreundlich, voller Geschmäcker und offen für Innovationen. Egal, ob Sie ein lokaler Feinschmecker sind, der frischen Apulienkäse von Fratelli Valentino sucht, oder ein Tourist, der das beste Foto des Jugendstil-Wiens von der Dachterrasse aus machen möchte, der neue Marktraum sagt klar: Wien schätzt seine Geschichte, lebt aber nicht nur davon.

Für die Öffentlichkeit sind die Tore des neuen Komplexes ab heute vollständig geöffnet. Ob es dem neuen Zuwachs gelingt, die Herzen der konservativen Wiener ebenso schnell zu gewinnen, wie es bei den Politikern während der Eröffnung der Fall war, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Der erste Eindruck ist jedoch mehr als vielversprechend.

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Quelle: Stadt Wien Foto: CopyrightStadt Wien/Markus Wache