Das Ende der Ära des billigen Kitsches an der Donau: Wien eröffnet Pier 22, wo der öffentliche Raum Vorrang vor dem Geschäft hat

Die Wiener Donauinsel hat in den letzten drei Jahren die bedeutendste Transformation seit ihrer Entstehung durchlaufen. Die legendäre, aber in den letzten Jahren verfallene „Sunken City“ ist endgültig Vergangenheit. An ihrer Stelle ist Pier 22 entstanden – ein moderner urbaner Raum, der das Ruder endgültig von aggressiver Kommerzialisierung hin zu inklusivem und klimaresilientem Erholung dreht. Mit der Eröffnung des letzten Teils, des Inselrestaurants, wird in diesen Tagen eine Geschichte abgeschlossen, die die österreichische Metropole über lange sechzehn Jahre geschrieben hat.
Wenn in den neunziger Jahren von „Sunken City“ die Rede war, denken viele an Diskotheken, grelle Neonlichter und die Ufer der Neuen Donau, die mit Terrassen von Bars bebaut waren, wo man ohne Bestellung eines überteuerten Drinks keinen Platz hatte. Es war ein Symbol einer Zeit, die den öffentlichen Raum primär als Fläche zur Vermietung betrachtete. Heute, im Mai 2026, ist der Blick von der Reichsbrücke ganz anders. Die Barrieren sind verschwunden, der visuelle Smog ist verschwunden und was am wichtigsten ist, das Gefühl, dass man am Ufer des Flusses nur willkommen ist, wenn man eine Geldbörse in der Hand hat, ist verschwunden.
Der Kampf um jeden Quadratmeter: Sechzehn Jahre Weg zur Veränderung
Die Revitalisierung des Areals mit einer Fläche von 13.000 Quadratmetern war nicht nur eine Frage der Architektur, sondern auch des politischen Willens und harter rechtlicher Auseinandersetzungen. Um die Bedeutung der heutigen Eröffnung von Pier 22 zu verstehen, müssen wir ins Jahr 2010 zurückblicken. Genau zu diesem Zeitpunkt reichte das Wiener Rathaus eine Klage auf Räumung der damaligen Copa Kagrana am gegenüberliegenden Ufer ein. Es dauerte fünf Jahre, bis der Oberste Gerichtshof zugunsten der Stadt entschied, und weitere fünf Jahre, bis die moderne CopaBeach entstand.
Der Erfolg auf der einen Seite des Flusses erzeugte logischerweise Druck auf die Umgestaltung der anderen Seite. Die Sunken City, die technisch und moralisch veraltet war, erfüllte nicht mehr die Anforderungen einer modernen Stadt an Kühlung in Zeiten von Sommerhitze oder an ästhetische Standards. Im Jahr 2021 wurde ein europäischer Architekturwettbewerb ausgeschrieben und im Jahr 2023 griffen die ersten Bagger in das Ufer. Heute ist das Werk vollendet. „Es ist ein historischer Moment. Nach 16 Jahren haben wir beiden Seiten der Donau ein Gesicht gegeben, das die Wiener verdienen“, sagt die Wiener Stadträtin für Stadtplanung, Ulli Sima.
Architektur der Freiheit: Wenn Schatten und Wasser kostenlos sind
Das Hauptleitmotiv von Pier 22 ist der sogenannte „konsumfreie“ Raum. In der Praxis bedeutet das, dass die attraktivsten Plätze direkt am Wasserspiegel nicht für Restauranttische reserviert sind. Stattdessen finden wir großzügige Holzbadestellen, barrierefreie Zugänge zum Wasser und Rasenflächen zum Liegen.
Die Stadt setzte auf Multifunktionalität. Für Familien mit Kindern wurde eine sichere flache Zone geschaffen, für Sportler eine weitläufige Fitnesslandschaft unter freiem Himmel. Seit Herbst letzten Jahres ist auch eine einzigartige überdachte Sportstätte in Betrieb, die aktives Bewegen unabhängig von den Launen des Wetters ermöglicht. Dieser Ansatz ist eine Antwort auf die wachsende Bevölkerungsdichte in der Umgebung – Donau City wird zu einem Wohnviertel und ihre Bewohner benötigen ein „Wohnzimmer unter freiem Himmel“.
Ein wichtiger Aspekt ist die Empathie gegenüber allen Bevölkerungsgruppen. Barrierefreiheit ist hier kein leeres Schlagwort auf Papier; Rampen und Zugänge sind so natürlich in das Gelände integriert, dass sie nicht stören, sondern helfen. Das Areal wird durch öffentliche Duschen und ausreichend Schatten ergänzt, der sowohl durch neue Bepflanzungen als auch durch architektonische Elemente gewährleistet wird.
Klimatische Antwort: Solardächer und Hochwasserschutztest
Der neue Pier 22 ist nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch technologisch fortschrittlich. Das Rathaus hat beschlossen, die großen Flächen der Dächer neuer Gebäude zur Erzeugung von grüner Energie zu nutzen. Die überdachte Sportstätte ist mit 90 Photovoltaikmodulen mit einer Leistung von über 40 kWp ausgestattet. Das neu eröffnete Inselrestaurant fügt weitere 84 Module hinzu. Insgesamt erzeugt das Areal somit fast 80 kWp Spitzenleistung, was ausreicht, um den Energiebedarf für Beleuchtung und Gastronomiebetrieb zu decken. Überschüsse fließen direkt in das städtische Netz.
Die Planer mussten jedoch auch an die Kehrseite des Lebens am Fluss denken. Die Neue Donau ist in erster Linie ein Hochwasserschutzkanal. Die Feuerprobe – oder besser gesagt, die Wasserprobe – kam früher als erwartet. Eine Rekordflut im September 2024 testete die Widerstandsfähigkeit der ersten Phase von Pier 22. Während in der Vergangenheit Schlammablagerungen und Wasser die provisorischen Holzbuden zerstört hätten, hielt die neue Infrastruktur, die mit Blick auf die Hydrodynamik entworfen wurde, stand. Nach kurzer Wartung und Reinigung war das Areal wieder bereit, der Öffentlichkeit zu dienen.
Gastronomie als Ergänzung, nicht als Diktat
Der Abschluss des gesamten Areals symbolisiert die Eröffnung des „Insel-Restaurants“. Das Restaurant, das derzeit im Modus der schrittweisen Eröffnung (Soft Opening) läuft, wird ab dem 18. Mai ein vollwertiges Zentrum der mediterranen Küche sein. Nach dem Vorbild des Lighthouse Cafe und des Outdoor Café – INKA, die bereits früher eröffnet wurden, bietet es nicht nur Essen, sondern auch ein Erlebnis mit Blick auf die Stadtpanoramen.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Mieter aus strengen Auswahlverfahren hervorgegangen sind. Die Stadt wollte keine Fast-Food-Verkäufer mehr in Plastikverpackungen. Der Fokus liegt auf Regionalität, Qualität und Nachhaltigkeit. Ob es sich um Kaffee aus eigener Rösterei im Lighthouse Cafe oder gesunde Bowls handelt, das Ziel ist es, eine Gastronomie anzubieten, die die Ästhetik des Ortes nicht beleidigt. Eine ergänzende Funktion übernehmen saisonale Foodtrucks, die Dynamik und Vielfalt in die Location bringen, von griechischen Spezialitäten bis hin zu modernem Street Food.
Was bedeutet das für Wien?
Pier 22 ist mehr als nur eine sanierte Uferpromenade. Es ist ein Manifest modernen Urbanismus, das besagt, dass die Qualität der Zeit, die man in der Stadt verbringt, nicht von sozialem Status oder der Dicke der Geldbörse abhängen sollte. Zusammen mit CopaBeach auf der anderen Seite hat Wien einen einzigartigen Cluster geschaffen, der in Europa seinesgleichen sucht.
Kritische Beobachter könnten einwenden, dass der Prozess zu lange gedauert hat. Sechzehn Jahre für die Umgestaltung beider Ufer mögen wie eine Ewigkeit erscheinen. Doch angesichts der Präzision der Details, des ökologischen Fußabdrucks und der sozialen Dimension des Werkes ist klar, dass das Rathaus nicht den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist.
Heute, da die Temperaturen in den Städten zu einem kritischen Faktor für die Lebensqualität werden, ist jeder Quadratmeter Grün und zugängliches Wasser ein Sieg. Pier 22 ist ein Sieg des öffentlichen Interesses über kurzfristige Gewinne. Für die Wiener (und nicht nur für sie) ist es ein klares Signal: Die Donau gehört allen.
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Verwendete Quellen:
Stadt Wien
Foto: Stadt Wien/Rene Wallentin












