Teppiche, Kaiser und Kaufrausch: Als das Wiener Lugeck nach Orient roch

Wenn Sie heute durch das Zentrum Wiens spazieren und auf dem malerischen Platz Lugeck Halt machen, suchen Sie wahrscheinlich entweder die majestätische Statue Gutenbergs oder versuchen, einen Tisch in einem der umliegenden renommierten Restaurants zu ergattern. Nur wenige der vorbeigehenden Touristen oder hastigen Einheimischen ahnen jedoch, dass hier einst das Herz der erlesensten Eleganz der gesamten Monarchie pulsierte.
Hier befand sich das wahre Zentrum des Luxus, wo die österreichisch-ungarische Aristokratie mit dem exotischen Hauch des fernen Orients zusammentraf. Es war das weltberühmte Kaufhaus Orendi, ein Ort, an dem der Boden nicht nur eine gewöhnliche Fläche war, über die man lief, sondern ein wichtiges Statussymbol, das über Ihren sozialen Stand viel mehr aussagte als Ihr Kontostand oder die Länge Ihres Stammbaums.
Der Aufstieg der Dynastie Orendi und die kaiserliche Gunst
Die Geschichte dieses Imperiums begann bereits im Jahr 1857, als die ehrgeizige Firma unter dem Namen C. Genersich & Orendi gegründet wurde. Während die damalige Welt mit der industriellen Revolution und politischen Umwälzungen beschäftigt war, wurden in Wien bereits die feinsten Wollfasern verarbeitet. Der wahre Aufschwung und die goldene Ära kamen jedoch erst unter der Leitung der Brüder Julius und Ladislaus Orendi, die ein unglaubliches Gespür für Handel und Schönheit hatten. Diese Herren verstanden sehr schnell, dass die damaligen Wiener über alles zwei Dinge liebten: gesellschaftlichen Prestige und das Gefühl, Teil einer großen, weiten Welt zu sein. Ihre Hartnäckigkeit brachte sie bis zur prestigeträchtigen Position der k.u.k.
Hof- und Kammerlieferanten, also offiziellen Hoflieferanten für den Kaiser selbst. Es sei darauf hingewiesen, dass es zu dieser Zeit nicht nur das Recht bedeutete, das kaiserliche Wappen an die Tür zu hängen. In Wirklichkeit wurden Sie zu den größten Influencern des 19. Jahrhunderts. Wenn nämlich ein Teppich von Orendi in seinem Arbeitszimmer selbst von Franz Joseph I. besessen wurde, musste ihn jeder Baron, reiche Industrielle und der ehrgeizigste Staatsbeamte der Stadt in seinem Salon haben.
Architektonische Transformation des historischen Stadtzentrums
Damit die Firma Orendi jedoch im großen Stil und wirklich repräsentativ verkaufen konnte, benötigte sie Räumlichkeiten, die bereits von weitem atemberaubend waren. Im Jahr 1897 fiel die schicksalhafte Entscheidung, die die öffentliche Meinung aufwirbelte: Der alte Regensburger Hof, ein mittelalterliches architektonisches Juwel mit tiefer Geschichte, musste dem modernen Fortschritt weichen. An seiner Stelle entstand ein Geschäftspalast, der heute in sozialen Netzwerken zweifellos Millionen bewundernder Bewertungen für jede einzelne Fassadendekoration sammeln würde.
Das Gebäude am Lugeck wurde zu einem klaren Symbol des neuen, selbstbewussten Wiens – jener glanzvollen Metropole, die in allem mit den Pariser Boulevards konkurrieren wollte. Innen sah es aus wie in einem echten Märchen aus Tausendundeiner Nacht, wo jedoch anstelle von Dschinns in Lampen die steif gekleidete Wiener Bedienung in weißen Hemden und Fräcken umherging. Dieses Gebäude schrie förmlich, dass die alten Zeiten der engen Gassen vorbei sind und eine Ära großartiger Einkaufspaläste beginnt, in der das Einkaufen zur gesellschaftlichen Nummer eins wird.
Rekordknoten und wissenschaftliche Expertise im Handel
Das Haus Orendi war nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Ort faszinierender Rekorde, über die Experten bis heute den Kopf schütteln. Um das Jahr 1900 stellte die Firma ein einzigartiges Stück aus, das so unglaublich fein war, dass sich auf seiner Fläche schwindelerregende acht Millionen Knoten befanden. Es wird erzählt, dass an diesem Werk zwei außergewöhnlich geduldige Frauen über mehrere Jahrzehnte ununterbrochen arbeiteten, was den Teppich im Grunde zu einem Lebenswerk machte.
In den Geschäften vermischte sich nicht nur der Duft von Schafwolle und frisch gebrühtem Tee, sondern auch der teuersten französischen Parfums, die die Wiener Elite bei langen Debatten über Muster hinterließ. Julius Orendi war zudem nicht nur ein gewöhnlicher Händler, sondern ein anerkannter Wissenschaftler und Kenner seines Fachs. Er schrieb umfangreiche und reich illustrierte Bücher über die Geschichte und Technik orientalischer Teppiche, die bis heute von Sammlern und Kunsthistorikern als Fachbibel angesehen werden, ohne die keine seriöse Auktion auskommt.
Verkaufpsychologie und Flucht in die Exotik
Lassen Sie uns jedoch ehrlich sein, warum die Wiener diese Teppiche so überaus liebten und bereit waren, dafür ganze Vermögen auszugeben? In Wien Ende des 19. Jahrhunderts zu wohnen, war ein wenig langweilig, wenn Sie in Ihrem Salon nicht mindestens einen ordentlichen persischen Läufer hatten, über den Sie bei Kaffee lange Geschichten erzählen konnten. Die Teppiche von Orendi waren nicht nur eine gewöhnliche textile Dekoration, sie waren im Grunde eine in Wolle verkörperte Emotion. Der Käufer nahm nicht nur ein Stück Material mit nach Hause, sondern vor allem den unverfälschten Wunsch nach fernen Ländern.
Da das Reisen in den Orient zu dieser Zeit äußerst teuer, gefährlich und voller Sand in den Schuhen war, war der Kauf eines Teppichs bei Orendi wie der Erwerb eines First-Class-Tickets nach Istanbul, jedoch ohne die Gefahr von Seekrankheit. Darüber hinaus dämpften die riesigen Wiener Wohnungen mit hohen Decken und Echos die lauten Streitereien mit der Schwiegermutter oder die endlosen Klavierübungen der Kinder genial, was erheblich zum seelischen Wohl der Familie beitrug.
Das Erbe der goldenen Ära und die Botschaft für die Gegenwart
Die damaligen Verkäufer bei Orendi waren zudem so psychologisch versiert und geschickt, dass wenn Sie nur aus Neugier in den Laden kamen, Sie mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem unterschriebenen Vertrag über drei neue Teppiche nach Hause gingen. Es wird erzählt, dass ihre Überzeugungskraft so hoch war, dass Sie mit dem Versprechen nach Hause gingen, dass Ihr neuer seltener persischer Teppich Ihnen persönlich mit einer Kutsche direkt ins Wohnzimmer noch vor dem Abendessen geliefert wird.
Heute dient dieser berühmte Palast am Lugeck nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck wie zu Zeiten seines größten Ruhms, als die Türgriffe unter dem Ansturm des Adels nicht nachkamen. Die Zeiten haben sich dramatisch verändert, die Ära der Massenproduktion und des strengen Minimalismus ist gekommen, doch der Geist des alten, eleganten Einkaufrausches lebt irgendwo in den Wänden weiter. Wenn Sie das nächste Mal durch diese Straßen gehen, halten Sie an und versuchen Sie, tief durchzuatmen. Vielleicht spüren Sie irgendwo in einer Ecke Ihrer Seele den feinen Hauch von Exotik und Luxus, den die Familie Orendi vor über hundert Jahren mit viel Liebe und Geschäftstalent dort gepflanzt hat.
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Verwendete Quellen:
- Wien Geschichte Wiki: Details zum Gebäude Regensburger Hof und zur Geschichte des Ortes – wien.gv.at
- Museum für angewandte Kunst (MAK): Archive über Textilkunst und die Firma Orendi – mak.at
Illustrationsfoto: By Feel free to use my photos, but please mention me as the author and if you want send me a message. or (rufre@lenz-nenning.at) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37363281












