Wenn Wien dem Film gehört: Die Viennale ist mehr als nur ein Festival

Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und die Straßen Wiens einen bunten, melancholischen Hauch annehmen, erwacht die Stadt zu einem einzigartigen kulturellen Phänomen. Das Ende Oktober gehört hier nicht nur der Nostalgie, sondern vor allem dem Film. Das Festival Viennale, das sich 2025 auf seine 63. Ausgabe vorbereitet, ist weit mehr als nur eine Filmvorführung. Es ist ein pulsierender Organismus, der die österreichische Metropole für zwei Wochen in das Epizentrum der weltweiten Kinematografie verwandelt und ihren Status als eines der prestigeträchtigsten Festivals in Europa bestätigt.
Mit einer Besucherzahl, die vor der Pandemie die Grenze von 92.000 Zuschauern überschritt, ist die Viennale die größte Filmveranstaltung in Österreich. Ihre Stärke liegt jedoch nicht in der Quantität, sondern in der präzise ausgearbeiteten Identität. Das Festival balanciert meisterhaft an der Grenze zwischen zwei Welten: Auf der einen Seite ist es eine offene und zugängliche Veranstaltung für ein breites, neugieriges Publikum, auf der anderen Seite bewahrt es den Ruf einer intellektuell anspruchsvollen Plattform, die das Beste aus dem Autoren- und politisch relevanten Film präsentiert. Genau diese Kombination aus scheinbaren Gegensätzen – Zugänglichkeit und Exklusivität – schafft seine unverwechselbare Atmosphäre.
Dramaturgie mit klarer Meinung
Die Grundlage des Erfolgs und des Respekts, den sich die Viennale über Jahrzehnte erarbeitet hat, ist ihr Programm. Das dramaturgische Team stellt jedes Jahr ein Mosaik zusammen, das im Grunde eine filmische Reise um die Welt darstellt. Es handelt sich nicht um eine zufällige Auswahl, sondern um eine sorgfältig kuratierte Selektion neuer Werke aus allen Ecken des Planeten. Das Programm ist eine mutige Aussage über den Zustand des zeitgenössischen Films – es bevorzugt Werke mit einer besonderen visuellen Sprache, ästhetischem Mut und starkem gesellschaftlichem oder politischem Überhang.
In der Auswahl treffen große Namen und auf Festivals von Cannes bis Buenos Aires ausgezeichnete Filme auf Werke unbekannter Schöpfer, die sonst nur schwer ihren Weg auf die Leinwände finden würden. Die Viennale scheut sich nicht vor Vielfalt; im Programm finden sich Spielfilme, Dokumentationen, experimentelle Filme unterschiedlicher Längen, Töne und Genres. Für viele Regisseure, insbesondere für diejenigen, die außerhalb des kommerziellen Mainstreams arbeiten, stellt dieses Festival eine entscheidende, manchmal sogar die einzige Gelegenheit dar, ihre Arbeiten einem österreichischen Publikum vorzustellen. Die überwältigende Mehrheit der Filme aus dem Programm der Viennale gelangt nämlich niemals in die reguläre Kinodistribution, was das Festival zu einem exklusiven Fenster in die Welt des mutigen und kompromisslosen Kinos macht.
Ein Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Die Viennale lebt jedoch nicht nur in der Gegenwart. Jedes Jahr bereichert sie ihr aktuelles Programm um spezielle Sektionen, die die Filmgeschichte kartieren und ihren Schlüsselpersonen, Genres oder nationalen Kinematografien Tribut zollen. Diese Monografien und Historiografien verleihen dem Festival Tiefe und Kontext. Höhepunkt dieser Bemühungen ist eine umfangreiche historische Retrospektive, die das Festival in enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum organisiert. Durch diese Verbindung wird die Viennale nicht nur zu einem Ort der Entdeckung des Neuen, sondern auch zu einem Raum für das erneute Nachdenken und Wertschätzen des filmischen Erbes. Es ist ein Dialog zwischen dem, was Film heute ist, und dem, was er in der Vergangenheit alles war.
Festival als gesellschaftliches und intellektuelles Ereignis
Die Viennale nur über die Vorführsäle zu definieren, wäre ein grundlegendes Missverständnis ihrer Essenz. Das Festival ist als lebendiger sozialer Raum konzipiert, ein Ort des Treffens, der Diskussionen und der Reflexion. Das reichhaltige Begleitprogramm ist ebenso wichtig wie die Filme selbst. Diskussionen mit den Schöpfern, Fachvorträge, künstlerische Installationen, Ausstellungen und Konzerte verwandeln Wien in ein temporäres kulturelles Ökosystem. Es ist ein Ort, an dem sich Zuschauer, Kritiker und Filmemacher aus der ganzen Welt informell treffen können. Zu dieser pulsierenden Atmosphäre gehören auch Premierenfeiern, Partys und musikalische Veranstaltungen, die bestätigen, dass Film nicht nur Kunst, sondern auch ein Fest ist.
Der Abschluss des Festivals gehört einer feierlichen Zeremonie, bei der mehrere prestigeträchtige Preise verliehen werden. Die internationale Kritikervereinigung äußert ihre Meinung durch den FIPRESCI-Preis. Die Stadt Wien würdigt die Schöpfer mit dem Wiener Filmpreis. Die Erste Bank unterstützt Filmemacher mit dem MehrWERT-Filmpreis und schließlich entscheidet die wichtigste Stimme – die Stimme des Publikums – über den Publikumspreis der Tageszeitung DER STANDARD. Diese Auszeichnungen unterstreichen verschiedene Dimensionen des Erfolgs: kritisch, lokal, gesellschaftlich und publikumswirksam.
Die Viennale bleibt somit eine Veranstaltung, die für jeden Cinephilen ein Muss ist und für die Stadt Wien ein zentrales kulturelles Ereignis des Jahres darstellt. Sie ist der Beweis dafür, dass ein Filmfestival gleichzeitig eine intellektuelle Herausforderung, ein großartiges Fest und vor allem ein Raum sein kann, in dem Film in seiner reinsten und eindrucksvollsten Form präsentiert wird.
Das vollständige Programm finden Sie auf den Seiten, die dem Festival gewidmet sind.
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Quelle: https://www.viennale.at/de/festival/Viennale Foto: https://www.viennale.at/de/presse/downloads/atmosphaere












