Wenn eine Sekte die Familie stiehlt: Die Geschichte einer Apothekerin, die von Null anfing

Manchmal bringt uns das Leben Menschen, deren Schicksal wie ein Film-Skript wirkt. Während meiner Arbeit im mobilen Pflegedienst habe ich Bea kennengelernt – eine Frau, die einen Aufstieg, einen tiefen Fall durch eine religiöse Sekte und den Verlust ihrer eigenen Familie überlebt hat, um schließlich Frieden und das verdiente Glück zu finden.
Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich bei meiner Arbeit in der mobilen Pflege eine bescheidene und vom Schicksal schwer geprüfte Frau kennengelernt habe. Mit ihrer Zustimmung habe ich mich entschieden, diese familiäre Odyssee zu veröffentlichen.
Bea, wie die meisten Menschen sie lächelnd nennen, ist heute im wohlverdienten Ruhestand und genießt ihren Lebensherbst in einer kleineren Stadt bei Bratislava. Wie sie mir vor einiger Zeit sagte, hat sich letztendlich alles in ihrem Leben zum Guten gewendet. Bea hat sich nie aufgegeben, auch wenn das Leben sie oft an die Wand gedrängt hat, sie hatte keine Angst und ging ihren eigenen Weg. In Diskussionen bemerkt sie gerne: „Alles ist so, wie es sein soll, und ich bin jeden Tag aufs Neue glücklich.“
Unerwartete Freundschaft im Haus der Richterin
Wir haben uns bei meiner Arbeit im mobilen Pflegedienst kennengelernt. Wir, die mobilen Schwestern, gingen täglich zu einer starken Klientin, um Wunden zu versorgen und Heparin-Injektionen zu setzen. Die Patientin war anfangs reserviert, ich würde sagen, sogar übermäßig korrekt, was sich aus ihrem Beruf ergab – sie war eine ehemalige Richterin. Bea fühlte sich mit ihr wohl. Beide unterhielten sich viel und lachten zusammen, und die Pflegerin hatte die Möglichkeit, ihr Deutsch zu verbessern. Bea war mit ihrer Richterin überaus zufrieden. Man hatte das Gefühl, sie seien eine Familie. Sie versuchte, für beide diätetische, aber sehr schmackhafte Gerichte zuzubereiten. Wenn ich zur Mittagszeit kam, schlug mir die Patientin selbst vor: „Probieren Sie diese Köstlichkeit, Bea hat sich heute so bemüht!“
Allmählich verhielt sich auch die Patientin mir gegenüber offen und freundlich. Ich ging gerne zu ihnen, das dauerte mehr als sechs Jahre. Eines jedoch verstand ich lange nicht: Warum ist die fleißige Bea drei Wochen oder sogar länger bei der Richterin? Nach Slowakei ging sie maximal für eine Woche, und dann hatte sie bereits ihren Kreis von „Ersatzmädchen“, die nur für ein paar Tage kamen. Bea sprach gut Deutsch und besuchte Ärzte nur in Wien. Nach einiger Zeit öffnete sich auch Bea mir und erzählte mir ihre Lebensgeschichte. Mir liefen die Schauer über den Rücken und wir hatten lange Themen für Gespräche.
Wenn der Glaube die Familie trennt
Die fleißige „24“, wie ich Bea nannte, stammte aus der mittleren Slowakei und hatte ganz gute Deutschkenntnisse, die sie durch die Arbeit in der Pflege verbessert hatte. Sie hatte Pharmazie studiert und führte viele Jahre lang verantwortungsbewusst eine Apotheke. Sie heiratete noch in der Zeit des Kommunismus und bekam drei Töchter, die sie sehr liebte. Ihr Mann war Direktor an einer Mittelschule und die Familie baute auf dem Grundstück von Beas Eltern ein großes Haus. Die Jahre vergingen und die Samtene Revolution kam, die in die Slowakei den „Geruch“ des Westens brachte, aber auch neue Denkweisen und religiöse Freiheit.
Bea blieb die Apotheke leiten, die mehrmals den Besitzer wechselte. Man schätzte ihre Fachkompetenz und ihren menschlichen Umgang mit den Mitarbeitern und vor allem mit den Kunden. In der Arbeitsbelastung – die Apotheke wuchs auf bis zu 12 Mitarbeiter – bemerkte Bea viel zu spät, dass ihr Mann und die Kinder in die Fänge einer „neuen“ Religion geraten waren, die Bea nicht ansprach. Die Sektenmitglieder, wie Bea sie nennt, versuchten zunächst auch sie in ihre Reihen zu ziehen. Als sie sahen, dass dies erfolglos war, drängten sie auf ihren Mann und die Kinder, die ungläubige Mutter zu verlassen.
Es begann ein inszenierter Scheidungsprozess mit falschen Zeugen, die die erfolgreiche Chefin der Apotheke als Rabenmutter verleumdeten, und die Kinder wurden in die Obhut des Herrn Pädagogen gegeben. Die Töchter wurden so schwer gegen die Mutter manipuliert, dass sie den Kontakt zu ihr über Jahre abbrachen, was bis heute anhält. Mit dem Sorgerecht erhielt der Vater auch das Recht, das gemeinsame Familienhaus zu nutzen, und Bea bekam nur eine kleine Entschädigung, die es ihr ermöglichte, eine kleine Wohnung in persönlichem Eigentum nahe Bratislava zu kaufen. Die Sekte, wie Bea offen sagt, sorgte für bessere Anwälte, sie verteidigte sich selbst. Sie erlebte mehrmals Drohungen seitens der religiösen Gemeinschaft und die Kinder weigerten sich, sie zu besuchen. In der Stadt verbreiteten sich Gerüchte darüber, wie schlecht sie als Mutter war, bis das Gericht ihr die Kinder entzogen. Die Menschen hatten völlig vergessen, dass sie jahrelang eine gut funktionierende Apotheke aufgebaut und geleitet hatte!
Nach der Auszahlung eines kleinen Betrags aus dem Familienhaus zog Bea nach Bratislava, änderte ihren Namen und begann von Neuem. Trotz guter Referenzen wollte sie nicht mehr in der Pharmazie arbeiten. Sie war allein, die Familie hatte sich nach der erfolgreichen Manipulation durch den ehemaligen Mann ebenfalls von ihr abgewandt. Die ehemalige Apothekerin machte einen Pflegekurs und kümmerte sich mit großer Empathie um die alternde Richterin. Es passte ihr, lange Zeit mit der Klientin zusammen zu sein, zu Hause wartete niemand auf sie. Die Einsamkeit und Leere schmerzten zu sehr. Der Ex-Mann heiratete sehr schnell eine neue Frau aus der Sekte und verstarb ebenfalls sehr schnell unter seltsamen Umständen. Bea wurde sogar wegen seines Todes von der Kriminalpolizei kontaktiert. Sie konnte sich leicht verteidigen, da sie keinen Kontakt zur Familie hatte.
Die Kinder lehnen weiterhin den Kontakt zu ihr ab und das Haus fiel nach dem Tod des Ex-Mannes in die Verwaltung der religiösen Gemeinschaft, die auf dem Grundstück und im Haus einen Tempel zum Beten errichtete. Bea trug ihr Schicksal mit erhobenem Haupt und pflegte die Richterin bis zu ihrem Tod. Diese hatte keine Verwandten und Bea sicherte sich laut ihren eigenen Worten aus Dankbarkeit finanziell für das Alter ab, was ich ihr sehr gewünscht habe. Die Jahre vergingen, Bea ist heute schon lange im wohlverdienten Ruhestand und geht gelegentlich nach Wien auf einen Kaffee und manchmal zum „Plaudern“ mit Bekannten. Sie engagiert sich in der Arbeit mit Senioren und schloss ihr schmerzhaftes familiäres Kapitel mit den Worten: „Ich habe ein reines Gewissen und in meinem Leben hat sich vieles zum Guten gewendet.“
Bea hat mich Geduld gelehrt – nicht jeder Mensch öffnet sich sofort einem anderen, besonders im Falle eines schweren Traumas. Ich habe mir selbst ein Urteil über Bea gebildet, die so viel für drei Leben überlebt hat und nicht verzweifelt. Sie ist glücklich und teilt ihr Glück auch mit denen, die es weniger getroffen hat.
Ihre Jana
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